Startseite
Sie sind hier: Home > Sport > Mehr Sport > Radsport >

UCI schützte Lance Armstrong laut Bericht trotz Dopinganzeichen

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Untersuchungsbericht erhärtet Verdacht  

Weltverband schützte Armstrong trotz Dopinganzeichen

09.03.2015, 16:28 Uhr | dpa

UCI schützte Lance Armstrong laut Bericht trotz Dopinganzeichen. Lance Armstrong bei einer Doping-Kontrolle während der Tour de France 2002. (Quelle: dpa)

Lance Armstrong bei einer Doping-Kontrolle während der Tour de France 2002. (Quelle: dpa)

Das dunkelste Kapitel im Radsport ist auf 227 Seiten dokumentiert und lässt nur einen Schluss zu: Der zweifelhafte Aufstieg von Lance Armstrong zum millionenschweren Weltstar war nur durch die dubiosen Machenschaften des Weltverbandes UCI möglich. Wie aus dem Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission hervorgeht, wurde der inzwischen lebenslang gesperrte Hochleistungsdoper Armstrong von den umstrittenen Ex-Präsidenten Hein Verbruggen und Pat McQuaid "beschützt" und "verteidigt". Die Liste der Anschuldigungen reicht von gravierenden Verstößen gegen das eigene Reglement, bevorzugte Behandlung seiner Stars, Klüngelei sowie möglicher Vetternwirtschaft und Korruption.

Der Bericht befasste sich aber nicht nur mit Betrügereien vergangener Tage, sondern auch mit der Gegenwart - und hielt alarmierende Erkenntnisse bereit. Die Befragung von 174 Zeugen habe auch ergeben, dass gesperrte Dopingärzte wie Eufemiano Fuentes oder Michele Ferrari immer noch ihr Unwesen treiben sollen. Doping bleibe im Radsport ein permanentes Problem auf niedrigerem Niveau", sagte der heutige UCI-Präsident Brian Cookson: "Wir werden aber nicht länger beim Thema Doping auf einem Auge blind sein und den Leuten helfen, Doping zu vertuschen."

Das war gemäß den Erkenntnissen des Berichts unter seinen Vorgängern Verbruggen und McQuaid anders. Die UCI war jahrelang Mitwisser, womöglich auch Mittäter. Dass Dopingproben aktiv durch die UCI vertuscht wurden, konnte nicht vollumfänglich belegt werden, wohl aber fragwürdige als Spenden deklarierte Geldzahlungen Armstrongs in Höhe von rund 115.000 Euro an die UCI. Der inzwischen geständige Armstrong nutzte am Montag die Gelegenheit, um "Sorry" zu sagen. McQuaid ist sich dagegen immer noch keiner Schuld bewusst. "Der Report spricht mich von irgendwelchem Fehlverhalten, von Korruption oder Komplizenschaft frei", behauptete der Ire.

"Armstrong für die UCI die perfekte Wahl"

Es bedarf aber keiner großen Fantasie für die Erkenntnis, dass die UCI in der Armstrong-Ära und wohl auch danach eine unrühmliche Rolle eingenommen hat. "Die UCI befreite Lance Armstrong von Regeln, verpasste es, ihn trotz Verdächtigungen gezielt zu testen und unterstützte ihn öffentlich gegen Dopinganschuldigungen", analysierte die Kommission, die von der neuen Führung der UCI im Januar 2014 eingesetzt worden war. Armstrong war erst 2012 nach dem Ende seiner Karriere wegen langjährigen Dopings lebenslang gesperrt worden. Außerdem wurden ihm nahezu alle Erfolge aberkannt, darunter die sieben Siege bei der Tour de France.

Den Einsturz des Denkmals Armstrong hatte die UCI lange zu verhindern versucht. Für den Wirtschaftsfachmann und Marketingexperten Verbruggen, der die UCI quasi als Alleinherrscher führte, war der geheilte Krebspatient Armstrong "die perfekte Wahl, um der Sportart zu einer Renaissance zu verhelfen. Die Tatsache, dass er Amerikaner war, öffnete dem Sport die Tür zu einem neuen Kontinent", hieß es in dem Bericht.

Und dieses Denkmal durfte nicht beschädigt werden. 1999 wurde bei Armstrong nach einer positiven Probe auf Kortison entgegen des Reglements ähnlich wie bei Laurent Brochard bei dessen WM-Titel 1997 ein nachträgliches Attest zugelassen. 2001 waren bei Armstrong während der Tour de Suisse Proben als "verdächtig" hinsichtlich EPO-Dopings festgestellt worden. Die UCI hatte auf weitere Untersuchungen verzichtet und stattdessen Spenden von Armstrong akzeptiert, was die Kommission als "unklug" wertete.

Auch bei den Enthüllungen der französischen Sportzeitung "L'Equipe" über Armstrong-Proben, bei denen im Zuge von Nachtests EPO festgestellt worden war, habe die UCI eine fragwürdige Haltung eingenommen. Gleiches galt auch für das Comeback des Texaners. Obwohl Armstrong nicht sechs Monate lang dem Testpool angehörte, durfte er auf Anweisung von McQuaid bei der Tour Down Under starten. Womöglich ein Kuhhandel, denn Armstrong erklärte sich anschließend dazu bereit, bei der Tour of Ireland zu starten. Eine unbedeutende Rundfahrt, die von Pat McQuaids Bruder Darach mitorganisiert wurde.

Contador von positivem Dopingtest informiert

Ähnlich wertet die Kommission auch den Fall Contador. Der zweimalige Tour-de-France-Sieger aus Spanien sei ebenfalls in den Genuss einer bevorzugten Behandlung gekommen. Demnach wurde der Spanier von dem positiven Dopingtest auf Clenbuterol persönlich in seinem Heimatland bei einem Treffen mit drei UCI-Funktionären informiert. Kontaminiertes Fleisch wurde dabei als mögliche Ursache erörtert.

Mehrere Befragte hätten die Vorgehensweise der UCI als "seltsam" empfunden. "Die CIRC hat kein Beispiel gefunden, in dem diese Vorgehensweise auch bei anderen Fahrern angewendet wurde", hieß es in dem Bericht. Der Fall Contador sei ein Beispiel für das "schlechte öffentliche Management von Krisensituationen" durch die UCI. Dass der Weltverband die positive Probe vertuschen wollte, konnte durch die Kommission aber nicht nachgewiesen werden.

Bei Contador waren während der Tour 2010 geringe Spuren von Clenbuterol in einer Probe entdeckt worden. Der Spanier wurde von seinem Heimatverband zunächst freigesprochen. Dieses Urteil wurde vom Internationalen Sportgerichtshof CAS in eine zweijährige Sperre umgewandelt.

"Kampf gegen Doping noch lange nicht gewonnen"

Für den heutigen Radsport sieht die CIRC aber noch Probleme: "Der Kampf gegen Doping ist noch lange nicht gewonnen." Laut den zahlreichen Gesprächen der CIRC seien viele Fahrer der Ansicht, dass Doping auch heute noch "weit verbreitet ist". Ein Fahrer glaubte gar, dass 90 Prozent des Pelotons heute noch dopen würden.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Anzeige
Biermann über den Gipfelsturm 
"Das war ein richtiges Gänsehautgefühl"

Der deutsche Amateur-Radsportler erklimmt den Mont Ventoux mit einem Spenderherz. Video

"So schnell wie seit 10 Jahren nicht" 
Christoph Biermann gerät in Köln an seine Grenzen

Beim Velodom wird deutlich: Die Härte am Berg fehlt ihm nach seiner Herztransplantation noch. Video

Nach Herztransplantation auf den Mont Ventoux 
Christoph Biermann und das Rennen seines Lebens

Acht Monate wartete der Hobby-Radfahrer auf ein Spenderherz. Jetzt nimmt er den Ventoux ins Visier. Video



Anzeige
shopping-portal