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Radsport: Pevenage gibt in Sachen Ullrich-Doping das Lügen auf

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Radsport - Team Telekom  

Ullrichs Mentor Pevenage erzählt Rest der Doping-Saga

08.07.2010, 13:34 Uhr | dpa, sid, dpa, sid

Radsport: Pevenage gibt in Sachen Ullrich-Doping das Lügen auf . Jan Ullrich (li.) und sein Sportdirektor Rudy Pevenage. (Foto: imago)

Jan Ullrich (li.) und sein Sportdirektor Rudy Pevenage. (Foto: imago) (Quelle: imago)

Jan Ullrichs früherer Mentor Rudy Pevenage hat nach jahrelangem Schweigen erstmals die Verwicklung seines ehemaligen Schützlings in die Doping-Affäre Fuentes zugegeben. Der Belgier räumte in einem ausführlichen Interview des Tour-Zentralorgans "L'Équipe" ein, Ullrichs Reisen zu dem spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes organisiert zu haben. "Wozu soll es gut sein, weiter zu lügen? Ich habe die Reisen von Jan nach Madrid zu Fuentes organisiert", sagte Pevenage, betonte aber auch: "Ich selbst habe nie verbotene Produkte gekauft oder verkauft. Zudem habe er "nicht gesagt, Jan hat gedopt".

Bei T-Mobile, dem Nachfolgerennstall vom Team Telekom, sei seit 1998 alles gestoppt worden - "nach dem Festina-Skandal", so Pevenage. "Ich kann behaupten, dass wir wirklich sauber waren. Als wir die Ergebnisse der anderen Teams gesehen haben, speziell der Spanier und Italiener, haben wir gemerkt, dass wir hinterherhinken", sagte der Belgier. Es sei klar gewesen, "dass einige eine Methode entwickelt haben mussten, um EPO zu ersetzen. Alle Fahrer haben sich behandelt, das war fast normal. Man hat die Illegalität dieser Methoden nicht wahrgenommen."

Ullrichs Manager Strohband bleibt gelassen

Insofern ließ der 56-Jährige durchblicken, dass Ullrich bei seinem Tour-Sieg 1997 möglicherweise gedopt gewesen sein könnte. Ullrichs Manager Wolfgang Strohband reagierte auf Pevenages brisantes Outing relativ gelassen. "Jan hat mit der Vergangenheit abgeschlossen. Ich glaube nicht, dass ihn das interessiert."

Armstrongs wundersame Metamorphose

Pevenage klagte in der umfassenden Beichte auch Tour-Rekordsieger Lance Armstrong indirekt an. "Wir waren keine Idioten. Wir kannten Armstrong vor seiner Krebserkrankung. Die Verwandlung nach seiner Rückkehr war unglaublich. Wir haben schnell begriffen, dass es keine Wahl gibt. Es entstand der Druck, dass Maximum zu tun, um Armstrong zu schlagen", meinte Pevenage. Damit kommentierte Pevenage die langjährige Rivalität zwischen Ullrich und Armstrong, die bei der Tour 2000 begonnen hatte. "Armstrong war ein großer Profi. Sein Manager Johan Bruyneel auch", sagte der Ex-Profi vielsagend.

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Das halbe Fahrerfeld der Tour unter Anklage

Aber es geht nicht nur um Armstrong: Der Fisch stinkt quasi vom Kopf her. Kunden von Fuentes fahren im Radsport-Zirkus "weiter ungestraft vorne mit", erklärte Pevenage. Der Ex-Radprofi bezichtigte rückblickend "mindestens das halbe Fahrerfeld" der Frankreich-Rundfahrt des Dopings. Teilweise hätten Profis trotz auffälliger Blutwerte weiterfahren dürfen: "Das ist wie bei einer roten Ampel, die man fünfmal ohne Strafe überfährt", sagte Pevenage und stellte damit die Effizienz der Kontrollen bei der Tour infrage.

Er ist verbittert, dass die Affäre Ullrich am härtesten getroffen habe. "Ich habe viele Fahrer gesehen, die bei Fuentes waren und trotzdem noch ihren Mund aufreißen, um große Lehren von sich zu geben. Es wäre besser, wenn sie ihren Mund schließen." Man habe "nur ein Minimum" der Dopingsünder bestraft, obwohl viele "den gleichen Schwachsinn" gemacht hätten. Fuentes sei zudem nicht der einzige Mediziner der Epoche gewesen. Namen wollte der Belgier nicht nennen: "Ich habe schon unheimlich viel Geld an Anwälte gezahlt, das reicht mir. Ullrich, Basso und Pevenage wurden bestraft, andere, die mit Fuentes zu tun hatten, nicht."

Viele Fahrer halten besser den Mund

Jens Voigt kritisierte das Nachtreten von Pevenage. "Hinterher in der Schmollecke stehen und andere beschuldigen, geht nicht. Entweder soll er klare Sachen auf den Tisch legen und Ross und Reiter nennen oder den Mund halten", sagte der Berliner dem ARD-Hörfunk. Rolf Aldag meinte, die Aussagen werfen ein entsprechendes Bild auf die damalige Zeit, wovon aber niemand überrascht sein dürfte. Ullrichs ehemaliger Team-Kollege Aldag outete sich 2007 öffentlichkeitswirksam an der Seite Erich Zabels in einer live im TV übertragenen Pressekonferenz.

Verräterischer Anruf

Pevenage behauptete, dass man ihm nur durch eine Unachtsamkeit auf die Schliche gekommen sei. Nach Ullrichs Etappensieg beim Giro d'Italia 2006 habe er sein eigenes Handy benutzt, um Fuentes von dem Erfolg zu berichten. Zuvor hatte der Belgier stets eine Pre Paid Karte für diese Anrufe verwendet: "Fuentes' Telefon war angezapft und meine Nummer erschien. Somit waren wir enttarnt." Zwei Montate später wurde Ullrich, der als bisher einziger Deutscher 1997 die Tour de France gewonnen hatte, wie der Italiener Ivan Basso und zahlreiche andere Radprofis von seinem Team kurz vor Beginn der Tour de France suspendiert.

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Gegen Pevenage, der Ullrich noch von Zeit zu Zeit sieht, ist noch ein Verfahren der belgischen Justiz anhängig. Man hat sein Haus zwei Mal durchsucht, aber nichts gefunden. Mit der deutschen Staatsanwaltschaft hatte er einen Kompromiss geschlossen und 25.000 Euro für behinderte Kinder gespendet. Auch Ullrich hatte sich mit der Behörde nach Zahlung einer zehn Mal höheren Summe außergerichtlich geeinigt. Er schweigt bis heute zu den Vorwürfen, obwohl ein DNA-Abgleich inzwischen ergab, dass sein Blut bei Fuentes gelagert war. Das sei laut Pevenage aber auch nach seinen neuesten Aussagen "kein Beweis für Doping".

Die Schweizer Justiz ist weiter hinter Ullrich her

Seine Karriere beendete Ullrich im Februar 2007, doch der Justizmarathon ist damit noch nicht vorbei. Derzeit prüft der Internationale Sportgerichtshof CAS einen Einspruch des Weltverbandes UCI und von Antidoping-Schweiz gegen Swiss Olympic. Das Olympische Komitee der Eidgenossen hatte das Verfahren gegen Ullrich eingestellt, weil es nach Ullrichs Verbandsaustritt 2006 keine Disziplinargewalt mehr habe. Laut Pevenage habe Ullrich ohnehin vorgehabt, seine Karriere 2006 zu beenden. Bei der Deutschland-Tour sollte er seine große Abschiedsrunde drehen: "So ist das Ende ein bisschen früher gekommen."

Nur die halbe Wahrheit

Ullrich war zwischen 2003 und 2006 insgesamt 24 Mal zur Behandlungen beim spanischen Doping-Arzt Fuentes. Die Beweise dafür fanden BKA-Fahnder bei einer Razzia in der Wohnung von Pevenage auf einem Computer. Pevenage gestand damals bei einer Vernehmung, dass Ullrich und Fuentes sich in dieser Zeit jährlich "fünf bis sechs Mal pro Jahr" getroffen hätten. Von Blutbehandlungen bei Ullrich habe er "jedoch keine Kenntnis" gehabt. Vielmehr sei er von Ullrich wegen dessen "Übergewichtsproblemen" gebeten worden, den Kontakt zu Fuentes herzustellen.

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