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Radsport  

UCI drängte Contador zum Schweigen

03.10.2010, 17:08 Uhr | sid, dpa

UCI drängte Contador zum Schweigen. Alberto Contador sollte offenbar über seinen Dopingfall schweigen. (Foto: dpa)

Alberto Contador sollte offenbar über seinen Dopingfall schweigen. (Foto: dpa)

Die Vertuschung des Dopingfalls Alberto Contador durch den Radsport-Weltverband UCI wird immer offensichtlicher. Die UCI hat den Spanier nach dessen positiver A- und B-Probe auf das Kälbermastmittel Clenbuterol offenbar zum Schweigen gedrängt. "Die UCI bat mich, niemandem etwas zu erzählen. Alles hatte den Anschein, dass alles in Ordnung ist und eine interne Lösung gefunden wird", sagte Contador dem dänischen Fernsehen TV2.

Deshalb habe Contador auch seinem künftigen Teamchef Bjarne Riis nicht über den Dopingfund informiert. Contador erklärte gegenüber der Zeitung "BT", dass es ein Fehler gewesen sei, Riis nicht eher informiert zu haben.

Der Madrilene war am zweiten Ruhetag der Tour de France positiv auf Clenbuterol getestet worden. Contador hatte dies auf kontaminiertes Fleisch zurückgeführt und auf die geringe Konzentration des Kälbermastmittels in seiner Urinprobe verwiesen. Doch hinter dem scheinbar harmlosen Dopingfall könnte viel mehr stecken.

Die UCI gibt zu dem Fall keine weitere Stellungnahme ab und verweist auf ein laufendes Verfahren. Erst am Freitag hatte die französische Sporttageszeitung "L'Equipe" davon berichtet, dass die Wissenschaftler in Köln bei der Analyse von Contadors Probe auch Spuren von kunststoffähnlichen Resten gefunden haben, wie sie nach Bluttransfusionen häufig festzustellen sind.

Auch die ARD und die "L'Equipe" weiteten die Vorwürfe aus und sprachen von Indizien, die bei Contador Blutdoping nahelegten. Nach Informationen der ARD-"Sportschau" vom Sonntag könnten 480 Nanogramm Rückstände eines sogenannten Platicisers aus den Plastikbeuteln reinfundierter Blutkonserven bei Contador stammen. Auf Anfrage erklärte Contador dazu: "Diese Werte wurden mir von der UCI nie mitgeteilt." Sein Sprecher Jacinto Vidarte nannte die Vorwürfe des Bludopings "Science Fiction".

Die spanische Zeitung "El Pais" hatte von einem Abkommen zwischen Contador und der UCI berichtet, wonach der Spanier glimpflich mit einer Sperre von lediglich drei Monaten davonkommen werde. Voraussetzung sei gewesen, dass Contador eine vorläufige Sperre akzeptiere.

Kaum Schaden für Contador

Auch wenn die diskrete Lösung wegen undichter Stellen scheiterte und es inzwischen sogar Indizien geben soll, die auf Eigenblut-Doping des Spaniers hindeuten, scheint Contador relativ unbeschadet aus dem Fall herauszukommen. "Es wird keinen Fall Contador geben. In einigen Tagen legen wir die Angelegenheit zu den Akten", soll UCI-Präsident Pat McQuaid am Rande der WM im australischen Geelong zu Vertrauensleuten gesagt und einen Zeitraum von "acht bis zehn Tagen" genannt haben.

Trifft die Meldung vom Kuhhandel zu, hätte der Skandal eine neue Qualität erreicht. Zumal die UCI in den letzten Tagen ohnehin ein trauriges Bild abgegeben hatte. Erst wurde der positive Dopingfall über einen Monat geheimgehalten, obwohl die B-Probe ausgewertet war. Dann gab es eine Mitteilung, in der das Kölner WADA-Labor wegen seines ausgefeilten Testverfahrens fast schon getadelt wurde. Und schließlich plaudert Contador auf einer Pressekonferenz munter aus, dass auch die medizinische Kommission der UCI eine Nahrungsmittelverunreinigung für wahrscheinlich halte.

Sollte es nun tatsächlich nur zu einer dreimonatigen Sperre kommen, würde Contador dies in keiner Weise treffen, da diese Ende November ausliefe und er seine Saison längst beendet hat. Zugleich wären mit einem entsprechenden Urteil auch die juristischen Hindernisse aus dem Weg geräumt, da Contador in A- und B-Probe positiv gestestet worden war und somit ein Freispruch für die UCI schwer zu vermitteln ist.

"Es heißt nicht, dass nicht betrogen wurde"

Fraglich ist, wie die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) sich bei einem freispruchähnlichen Urteil verhält. Die geringe Menge an Clenbuterol ist kein Grund für einen laschen Umgang mit dem Fall. "Es heißt nicht, dass nicht betrogen wurde", sagte WADA-Generaldirektor David Howman.

Ursprünglich sei es laut "El Pais" geplant gewesen, den Fall diskret zu lösen. Bereits am 24. August hatte Contador Kenntnis von seiner positiven A- und B-Probe erhalten. Eine Mitteilung an die Öffentlichkeit, wie es sonst üblich ist, war aber ausgeblieben. Erst als die ARD nach eigenen Recherchen Wind von der Angelegenheit bekommen hatte, wurde der Fall in einer Nacht- und Nebelaktion publik gemacht. Damit gibt es wieder einmal Vertuschungs-Vorwürfe gegen die UCI. Erst im Mai hatte Floyd Landis behauptet, dass Lance Armstrong einst ein "finanzielles Abkommen" mit dem damaligen UCI-Chef Hein Verbruggen getroffen habe, um einen positiven Test verschwinden zu lassen. Daraufhin musste UCI einräumen, zwei Spenden von 100.000 und 25.000 Dollar erhalten zu haben.

In Spanien sollen sich inzwischen auch schon die Behörden für den Fall interessieren und Ermittlungen aufgenommen haben. Diese wollen aber lediglich den Ursprung des Fleisches herausfinden, das Contador ins Verderben stürzte. Unterdessen richtete McQuaid nach den vielen spanischen Dopingfällen Kritik an die Iberer: "Die Regierung muss erkennen, dass es ein Doping-Problem in Spanien gibt. Vielleicht 50 Prozent unserer Dopingfälle, exakt weiß ich es nicht, kommen aus Spanien. Und bis jetzt scheint es so, dass der Kampf gegen Doping dort nicht ernst genommen wird." Am Samstag hatte die UCI bekanntgegeben, dass die dreimalige Mountainbike-Weltmeisterin Margarita Fullana aus Spanien positiv auf Epo getestet wurde. Es war nach Contador, dem Vuelta-Zweiten Ezequiel Mosquera und dessen Teamkollegen David Garcia der vierte spanische Dopingfall, der am Rande der Straßen-WM bekannt wurde.

Um seine Unschuld zu beweisen, will Contador nichts unversucht lassen. "Wenn es nötig ist, meine Urin- oder Blutproben einzufrieren, um diese in fünf Jahren - wenn das Testverfahren weiter perfektioniert ist - noch analysieren zu können, dann autorisiere ich das", sagte Contador.

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