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Hans-Michael Holczer: "Die Fans sind nach wie vor da"

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"Bei der Tour ist jeder Tag eine Weltmeisterschaft"

30.06.2011, 12:32 Uhr | dapd

Hans-Michael Holczer: "Die Fans sind nach wie vor da". Hans-Michael Holczer freut sich auf die Tour 2011. (Foto: imago)

Hans-Michael Holczer freut sich auf die Tour 2011. (Foto: imago)

Das Interview führte Oliver Strerath
Hans-Michael Holczer war bis zum Jahr 2008 Manager des Team Gerolsteiner, das sechsmal an der Tour de France teilnahm. Mittlerweile arbeitet der 57 Jahre alte Herrenberger wieder als Lehrer – dem Radsport ist er aber weiter treu.

So ist Holczer "Tour-Experte" für Skoda und auch in diesem Jahr bei der Frankreich-Rundfahrt am Start. Im Interview mit t-online.de sprach über die anstehende Tour, die deutschen Hoffnungen, und was ihn selbst dort erwartet.

Herr Holczer, wann sind Sie bei der Tour de France dabei?
Berufsbedingt nur an zwei Wochenenden. Das erste Mal wird rund um die neunte Etappe sein. Highlight wird dann die Etappe (Anm. der Redaktion: 14. Etappe) hinauf zum Plateau de Beille sein. Wir fahren rund 50 Kilometer vor dem Ziel mit dem Rad los und gehen den Schlussanstieg gemeinsam an. Das gibt ein Tour-Erlebnis, wie ich es selber auch noch nicht erlebt habe.

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Sie kennen das Plateau de Beille doch sicherlich aus Ihrer Zeit als Gerolsteiner-Teamchef?
Ja, meine schönste Erinnerung an den Anstieg stammt aus dem 2004, als Georg Totschnig nach einer Riesenleistung Dritter wird. Ich war zudem letzte Woche zwei, drei Tage vor Ort und habe die Schlecks dort zufällig beim Training getroffen. Die haben sich den Anstieg angeschaut, und das ist schon ein ganz anständiges Stück.

Was für einen Eindruck haben Andy und Fränk Schleck auf Sie gemacht?
Beide sind natürlich total austrainiert und machen einen ganz lockeren Eindruck. Die sehen der Tour sehr professionell entgegen. Natürlich stehen beide unter Druck. Das neue Team wurde ja extra wegen den beiden gegründet, um die Tour zu gewinnen. Und das ist schon eine besondere Situation. Aus meiner Gerolsteiner-Zeit als Teamchef weiß ich: Wenn man neu mit etwas eingestiegen ist, kann es dauern, bis sich die Erfolge einstellen. Wenn es dann aber läuft, dann läuft es gewaltig.

Die Schlecks sind sicherlich die zwei Fahrer, die Vorjahressieger Alberto Contador noch ehesten auf dem Weg zum erneuten Erfolg gefährden können?
Es gibt schon eine ganze Reihe an Fahrern, die vorne mitmischen können. Man sollte vor allem die Radio-Shack-Truppe nicht vergessen. Es gibt dort einen Levi Leipheimer. Und es gibt einen Andreas Klöden, beide mit Mega-Erfahrung. Die sollte man nie unterschätzen. Dann gibt es noch einen Cadel Evans, einen Robert Gesink. Grundsätzlich sehe ich Contador aber ein ganzes Stück weit vorn.

Was denken Sie, wie die deutschen Fahrer abschneiden werden?
Das wird hochspannend. Bei Andre Greipel ist es so, dass er schon richtig Gas gegeben hat. Aber bei seinem Giro-Debüt hat er sich zunächst auch schwer getan. Vielleicht spielen die Nerven da eine Rolle. Das Zeug, in den Sprintentscheidungen mit zu mischen, hat er allemal. Er wird eine Rolle spielen. Aber ein Sprint um den Etappensieg bei der Tour ist mit nichts zu vergleichen.

Wieso?
Die Konsequenz und die Härte, mit der gefahren wird, gibt es ansonsten nur bei Sprintentscheidungen einer Weltmeisterschaft. Aber bei der Tour ist jeder Tag eine Weltmeisterschaft. Das macht das Ganze so besonders, so hart und so unberechenbar. Udo Bölts hat mir vor unserer ersten Tour 2003 gesagt: „Bei der Tour ist alles anders.“ Ich habe diese Erfahrung gemacht. Greipel, der ja seine erste Tour bestreitet, steht diese Erfahrung noch bevor. Wenn er relativ schnell an den Punkt kommt, dass er sich daran gewöhnt hat, kann er schon die eine oder andere Etappe gewinnen.

Und die anderen Deutschen?
Bei den anderen Deutschen bin ich am meisten auf Tony Martin gespannt. Schafft er ein Spitzenergebnis in der Gesamtwertung oder nicht? Mit seinem Sieg bei Paris-Nizza hat er im Frühjahr ja gezeigt, dass er es kann, aber auch hier gelten die Worte von Udo Bölts. Und Tony hat es drauf, sein Ziel, bei der Tour in die Top Ten zu fahren, zu realisieren.

Welche Ambitionen haben die anderen deutschen Fahrer?
Wenn Linus Gerdemann gut vorbereitet ist, kann er wie sein Teamkamerad Jens Voigt vor allem in Ausreißergruppen eine Rolle spielen. Die Frage ist allerdings, ob er aus mannschaftstaktischen Gegebenheiten überhaupt die Möglichkeit bekommt, auf eigene Faust zu fahren. Grundsätzlich haben wir auf jeden Fall ein solides Potenzial an deutschen Fahrern, mit allen Jobs, die es bei der Tour zu erfüllen gibt. In Deutschland wird leider schnell vergessen, dass es da noch was anderes gibt als Abteilungsleiter und Vorstände. Wir sollten diese Arbeiter nicht außer Acht lassen. Sie sind ein wichtiger Faktor bei dieser Tour. Man tut oft so, als wäre die Tour aus deutscher Sicht uninteressant. Das ist aber Blödsinn.

Sie fahren zur Tour, Sie werden in Sachen Tour immer wieder als Gesprächspartner gesucht. Juckt es da nicht ein bisschen, wieder ein Teil des Rennens sein zu können?
Ich habe oft genug signalisiert, dass ich - in welcher Rolle auch immer, ob beratend oder selber tuend - bei der richtigen Konstellation um ein großes Team da bin. Ich bin aber, und das ist für mich sehr angenehm, mit diesem Thema im Reinen. Es gibt nichts, wo ich sage, das habe ich verpasst oder das müsste ich noch haben.

Fehlt Deutschland denn etwas ohne ein großes Team, das bei der Tour startet?
Ja, das ist doch klar. Es wird mit dieser Tatsache oft missachtet, dass es in Deutschland trotz widersprüchlicher Medienberichte eine große und treue Anhängerschaft des Radsports gibt.

Die Medien haben sich in der Vergangenheit immer auf die deutschen Teams fokussiert, Einzelstarter gerieten oft in Vergessenheit. Ist die aktuelle Konstellation dann nicht ein Vorteil für den Einzelnen?
Das mag sein, aber ein Team erregt eine ganz andere Aufmerksamkeit. Ohne Zweifel gibt es eine hohe Diskrepanz zwischen dem wirklichen Interessen und dem, wie es in den Medien dargestellt wird. Die deutschen Medien erachten es nur allzu oft nicht für notwendig, sich mit irgendjemand auseinander zu setzen. Außer es ist ein Weltstar, außer es ist ein potenzieller Tour-Sieger, außer es spielt sich ein Drama ab. Oder es handelt sich um Doping. Da ist man geradezu pflichtbewusst dabei. Die Zuschauerkultur, die sich in Deutschland entwickelt hat, wird von den Medien geflissentlich ignoriert. Die Fans sind aber nach wie vor da. Die Tour ist ganz im Gegensatz zu dem, was man hier empfindet und was hier dargestellt wird, bei der internationalen Aufmerksamkeit nicht rückläufig.

Welche Etappen sollten sich die deutschen Fans im Fernsehen anschauen?
Alle werden sich sicherlich die Ankunft in Alpe d’Huez vormerken. Aber ich denke mal, auch die Bergankünfte in Luz Ardiden und auf dem Plateau de Beille werden hochinteressant. Und zweimal der Galibier - das wird etwas Besonderes. Auch die Sprintetappen sollte man sich auf jeden Fall anschauen, denn dem Greipel traue ich wirklich was zu. Für mich ist auch das Mannschaftszeitfahren eine besondere Sache.

Weshalb?
Wenn das vorbei war, bis du wieder Mensch geworden. Denn neun Fahrer auf einen Punkt topfit an den Start zu bringen und als harmonische Einheit ins Rennen zu schicken, dieser Druck ist enorm. Was uns da so allerhand passiert ist, da denke ich mit Schauern zurück. Aber es gab auch eindrucksvolle Momente. 2005 sind wir zum Beispiel über die Strecke geblasen worden. Da ging so ein Wind, dass ich im Auto rund 200 Meter Abstand gehalten habe, dass die Fahrer den vollen Rückenwind abbekommen. Die sind dann mit teilweise über 65 km/h über die Flachstücke geschmettert. Das war unglaublich.

Und der Auftakt auf der Passage du Gois, der Straße, die ja nur bei Ebbe befahren werden kann.
Ich erinnere mich noch gut an die Tour 1999, wo es den Alex Zülle so abgehängt hat. Ich bin selbst schon drüber gefahren - und es ist wirklich verdammt rutschig. Das ist wirklich spektakulär. 

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