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Jens Voigt: Der Rekordhalter spricht über die Tour de France

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"Die Tour ist das letzte Abenteuer dieser Welt"

27.06.2012, 19:51 Uhr | t-online.de

Jens Voigt: Der Rekordhalter spricht über die Tour de France. Der große Kämpfer: So kennt man Jens Voigt, der seine 15. Tour bestreitet. (Quelle: imago)

Der große Kämpfer: So kennt man Jens Voigt, der seine 15. Tour bestreitet. (Quelle: imago)

Das Interview führte Michael Wiedersich

Am Samstag wird Jens Voigt zum deutschen Rekordhalter: Der 40 Jahre alte Radprofi vom Team RadioShack-Nissan-Trek startet beim Prolog in Lüttich zu seiner 15. Tour de France. Der Vater von sechs Kindern kann also einiges über das bedeutendste Radrennen der Welt erzählen. Im Interview mit t-online.de spricht Voigt über seine Erfahrungen und Veränderungen bei der Frankreich-Rundfahrt, seine Favoriten und wie es im nächsten Jahr mit ihm weiter gehen könnte.

Jens Voigt, Sie stehen vor der 15. Tour-Teilnahme. Sie kennen den ganzen Rummel, mit allen positiven und negativen Begleiterscheinung. Ist die Teilnahme an der Tour de France inzwischen für Sie Routine oder gibt es noch so etwas wie Aufregung vor dem Start?
Jens Voigt: Nein, das ist ganz sicher keine Routine. Die Tour ist kein Radrennen wie jedes andere, sie ist ja irgendwie auch ein Abenteuer. Dreieinhalb Wochen lebst du da mit 30 Leuten zusammen im Bus, in Hotels. Das ist kein Routine-Radrennen, wie man sich das vielleicht so vorstellt: Man fährt hin, fährt ein bisschen Radrennen. So ist es nicht. Bei der Tour ist alles multipliziert: der Stress, der Druck, die Medienpräsenz, die Leistungsdichte der Fahrer. Das ist eben ein bisschen mehr als in jedem anderen Radrennen. Ich habe auch aus eigener Erfahrung bei meinen 14 Tour-Starts mitbekommen, wie hart das ist. Dreimal bin ich nicht durchgekommen, zweimal wegen Krankheit, einmal wegen Sturz. Das ist schon irgendwie das letzte Abenteuer auf dieser Welt, die Tour de France zu bestreiten. Das kann dann keine Routine sein.

Was hat sich seit Ihrem Tour-Debüt 1998 am meisten verändert?
Die Anzahl der Helikopter vielleicht? (lacht). Damals gab es einen, der kam für eine Stunde fürs Fernsehen vielleicht, heute sind es fünf, die den ganzen Tag unterwegs sind, dann auch auftanken oder Freunde und Förderer der Tour de France an Bord haben. Die landen dann mal unterwegs und die Insassen werden mit Champagner verköstigt. Das ist kein Witz, das ist dann tatsächlich Champagner und Kaviar! Das ist auch einmal ein Beispiel dafür, das alles noch einen Tick größer geworden ist. Die Tour mit den Fahrern, Organisations-Mitarbeiten, Medienvertretern und allem eingeschlossen besteht aus - glaube ich - 4500 Personen, die da beschäftigt sind und jeden Tag von A nach B ziehen. Die brauchen ein Hotel und ein Bett und haben Autos, die Treibstoff brauchen. Das ist einfach mal eine gigantische logistische Aufgabe.

Und das Material, die Räder, wie haben die sich verändert?
Die Fahrräder sind besser geworden. Ich bin die erste Tour noch mit einem Stahlrahmen gefahren, Titan war damals ganz groß. Dann waren die Aluminium-Rahmen der letzte Schrei, jetzt sind es die Karbon-Rahmen. Damals 1998 bist du mit einer ganz normalen 32-Loch-Aluminium-Felge losgefahren, die hat jeder gehabt. Heute gucken dich schon alle schief an, wenn du im Training so was drin hast, nach dem Motto, was bist du für ein alter Knacker, fährst hier im Retro-Look mit deinen alten Laufrädern rum.

Wie sieht es mit der Renngestaltung aus?
Die hat sich auch geändert. Bei der Tour wird von Anfang an Gas gegeben. Früher hast du tatsächlich auch mal eine Stunde gehabt, wo man losgefahren ist und gesagt hast, weißt du was, wir haben 200 Kilometer vor uns, da reicht es doch auch, wenn wir erst einmal vernünftig fahren und dann können wir immer noch 150 Kilometer schnell fahren. Die Tour ist stressiger geworden.

Stressiger auch wegen des Medienaufkommens, ist das auch größer geworden?
Ja, das Medienaufkommen ist auch einen Tick größer geworden. Aber wir hatten ja auch damals schon einen gewissen Hype im Radsport mit dem Team Telekom und Jan Ullrich, so dass ich als Deutscher sagen kann, die deutschen Medien waren auch schon damals präsent.

Wie sieht es mit der internationalen Presse aus?
Jetzt sind deutlich mehr internationale Medien dazu gekommen. Als Lance Armstrong die Tour sieben Mal gewonnen hat, da kamen die amerikanischen Medienanstalten, Print- und Fernsehmedien hinzu. Die Australier haben viele gute Fahrer, klar, dass von dort dann auch viele Medienvertreter kommen. Länder wie Dänemark, Norwegen wegen Thor Hushovd oder England wegen Bradley Wiggins schicken ihre Journalisten, es gibt im Englisch sprachigen Bereich ein viel größeres Interesse, weil eben durch die vielen guten Fahrer aus diesen Ländern der Radsport dort populärer wird. Im Tour-Begleitheft für die Fahrer steht, dass die Tour in über 190 Länder übertragen wird, 60 davon sogar live. Die Tour ist - und das sage ich nicht nur weil ich Radfuzzi bin - das weltweit größte jährlich wiederkehrende Sportereignis.

Welches war für Sie das schönste Tour-Erlebnis?
Naja, glücklicherweise gab es einen Haufen schöner Momente. Die erste Tour war ich mal Etappenzweiter und bekam das Bergtrikot. Ich war damit der erste Deutsche im Bergtrikot und hatte das gar nicht richtig mitbekommen. Erst am nächsten Tag wurde mir das gesagt. Das war ein sehr schönes Erlebnis, aber schon auf der nächsten Etappe bin ich im Regen in den Pyrenäen zweimal gestürzt und habe das Trikot dann auch gleich wieder verloren. Das ist so typisch für die Tour. Freud und Leid liegen da so eng beieinander. Die Etappensiege 2001 und 2006 sind natürlich die schönsten Erlebnisse, das Mannschaftszeitfahren 2001 mit Crédit Agricole, das wir gewonnen haben, das war sehr, sehr schön, oder der Gesamtsieg 2008 von Carlos Sastre, bei dem ich mithelfen konnte.

Und welches war das schlimmste Tour-Erlebnis?
Es gibt natürlich auch einen Haufen Stürze, wo du Mannschaftskameraden verlierst oder selber nicht zu Ende fahren kannst. Bei der Tour fährt man ab und zu am Fabio-Casartelli-Denkmal (Anmerkung der Redaktion: Der Italiener stürzte 1995 bei der Tour tödlich) vorbei, wo dann je nach Rennsituation auch mal angehalten wird. Das zeigt die Verwundbarkeit jedes Einzelnen. Das sind die tragischen Momente, wo man kurz sein Leben reflektiert, und denkt, naja, bisher hast du noch Glück gehabt. Ich könnte die schönen wie auch die schlechten Erlebnisse nicht an einem Moment festmachen. In den 14 Jahren, die ich bisher bei der Tour hinter mich gebracht habe, würde ich dem einfach nicht gerecht werden, das waren einfach zu viele Eindrücke.

Bedeutet der bevorstehende Rekord, als einziger Deutscher 15. Mal bei der Tour gestartet zu sein, etwas für Sie?
Routinier: Jens Voigt spricht auch über die Tour-Favoriten. (Quelle: imago) Routinier: Jens Voigt spricht auch über die Tour-Favoriten.Also, die Sache mit dem deutschen Rekordhalter ist totaler Quatsch, dafür bekommst du nicht eine Schlagzeile mehr oder einen Cent mehr. Ich würde lieber Rekordhalter sein mit den meisten Tour-Etappensiegen oder den Tour-de-France-Gesamtsiegen. Aber ich bin stolz darauf, dass ich 15 Mal hintereinander von meinen Mannschaften für die Tour nominiert worden bin.

Wer sind für Sie die Tour-Favoriten?
Da muss man kein großer Prophet sein, um Vorjahressieger Cadel Evens wieder mit einzuplanen. Er hat schon beim Vorbereitungsrennen Dauphiné Libéré ansprechende Form gezeigt. Sicherlich liegt man nicht ganz falsch, wenn man Bradley Wiggins von Sky ganz vorne mit einplant. Auch zwei Fahrer von Movistar, Tour-de-Suisse-Sieger Rui Costa und Alejandro Valverde, scheinen in guter Form zu sein. Dann gucken wir mal, was mit dem Italiener Vincenzo Nibali vom Liquigas-Team ist.

Wie sieht es mit Ihrem Teamkollegen Frank Schleck in Bezug auf eine Top-Platzierung in der Gesamtwertung aus?
Ganz sicher muss man auch Frank in den Favoritenkreis mit einbeziehen. Jetzt sollte man nicht sagen, mit Sicherheit gewinnt Fränki, aber um einen Podiumsplatz kann er ganz sicher auch mitfahren. Wer Zweiter bei der Tour de Suisse werden kann, kann ganz sicher auch um einen Podiumsplatz bei der Tour de France mitfahren.

Wie schätzen sie Tony Martins Chancen ein?
Tony war bei den Zeitfahren zuletzt in guter Form. Aber (lacht), lieber Tony, ich liebe dich wie einen Bruder. Aber ich hoffe, dass Fabian Cancellara (Teamkollege von Voigt) den Prolog der Tour gewinnt.

Wird es im nächsten Jahr den Rennfahrer Jens Voigt, der dann 41 Jahre alt ist, noch geben? Und dann vielleicht seine 16. Tour-Teilnahme?
Ne, also noch einmal eine Tour kann ich mir nicht vorstellen. Aber warten wir ab. Dass ich im nächsten Jahr aber noch Rennen fahre, das ist durchaus möglich.

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