Startseite
Sie sind hier: Home > Sport > Tour de France >

Bradley Wiggins: erst Trinker jetzt Tour-Dominator

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Der Träger des Gelben Trikots hat eine dunkle Vergangenheit

10.07.2012, 20:18 Uhr | sid

Bradley Wiggins: erst Trinker jetzt Tour-Dominator. Bradley Wiggins beherrscht seine Konkurrenz bei der Tour de France. (Quelle: imago)

Bradley Wiggins beherrscht seine Konkurrenz bei der Tour de France. (Quelle: imago)

Erst Trinker jetzt der Mann in Gelb: Als Bradley Marc Wiggins erstmals der Größte war, warfen ihn die Götter unsanft aus dem Olymp. Der Mann, der so abgeklärt die Tour de France 2012 beherrscht, wurde vor acht Jahren vom Ruhm beherrscht, den ihm der Olympiasieg in Athen (Bahn, Einerverfolgung) beschert hatte. Sechs Stunden täglich, so gab er später zu, habe er nichts getan, als Bier zu trinken, um ewig auf Wolke sieben zu bleiben. Aufgehört hat er erst, als seine Frau Cath schwanger wurde.

Es wäre allzu oberflächlich, die Wandlung des 32-Jährigen zum derzeit wohl komplettesten Radrennfahrer der Welt allein auf diese Episode zurückzuführen. Indes gehört sie zur Biografie eines Mannes, der durch eine harte Schule gegangen ist, der eine dunkle Vergangenheit hat.

Kein Kontakt zum Vater

Wenn Bradley Wiggins heute als reifer Sportler die Konkurrenz düpiert, fährt er gleichsam seinen Dämonen davon. Der Alkohol war einer der Dämonen, sein Vater ein anderer. Gary Wiggins war selbst Radprofi, ein leidlich guter, ein Wandervogel. Einige Jahre fuhr er für belgische Teams, lebte mit seiner Frau Linda in Gent. 1980 kam dort Sohn Bradley zur Welt, zwei Jahre später ging die Ehe in die Brüche.

Mutter und Sohn zogen in den Nordwesten Londons, der Vater brach den Kontakt für 14 lange Jahre ab. Gary Wiggins starb Anfang 2008 in einem Krankenhaus im australischen Aberdeen. Passanten hatten ihn halbtot geprügelt auf der Straße gefunden.

Gary Wiggins in Schmuggel verwickelt

Ein halbes Jahr später wurde Bradley Wiggins in Peking zum zweiten und dritten Mal Olympiasieger. Der Sohn verarbeitete all das im gleichen Jahr in seiner Biografie "In Pursuit of Glory" (Auf der Jagd nach Ruhm). Sein Erzeuger kommt darin denkbar schlecht weg. Nicht nur, weil er die Familie im Stich ließ.

Vater Wiggins schmuggelte Drogen, Dopingmittel, Amphetamine. Jenes Teufelszeug, mit dem sich Weltmeister Tom Simpson bei der Tour 1967 vollpumpte, ehe er am Mont Ventoux tot vom Rad fiel.

Vater Wiggins schmuggelte die Amphetamine in den Windeln seines Sohnes durch den Zoll. "Er hat in Belgien damit begonnen. Er stand unter Druck, das Leben zu finanzieren", erinnerte sich Bradley.

Wiggins fährt in der Form seines Lebens

Der Spitzenreiter düpiert beim Zeitfahren die Konkurrenz.

Der Spitzenreiter düpiert beim Zeitfahren die Konkurrenz.


Auf einer Pressekonferenz platzt Wiggins der Kragen

Er selbst habe niemals illegale Substanzen zu sich genommen. "2002 bin ich als Neuprofi in ein Team gekommen, das eine klare Anti-Doping-Linie fuhr. Aber ich wäre sicher gefährdet gewesen - ich war 21, lebte alleine in Frankreich, stand unter Druck und hatte niemanden, mit dem ich meine Probleme teilen konnte", sagte Wiggins einst. Dementsprechend allergisch reagierte er nun auf Vergleiche, die seine bei der Tour so dominante Sky-Truppe in die Nähe von Lance Armstrongs US-Postal-Team rücken, das zehn Jahre zuvor die Tour in ähnlicher Weise beherrschte - nach allen Erkenntnissen wohl mit systematischem Doping.

Und so platzte Wiggins fürchterlich der Kragen, als ihn ein Journalist auf die zahlreichen Skeptiker bei Twitter ansprach, die bei Sky Lug und Trug wittern. "Fucking Wankers", verdammte Wichser, seien diese Leute, polterte Wiggins in bester Diktion der Pubs im Norden Londons, "ich kann sie nicht ertragen. Für sie ist es doch leicht, anonym bei Twitter diesen Mist zu schreiben. Das ist einfacher, als selbst den Arsch hochzubekommen. Sie wissen doch genau, dass sie in ihrem Leben nichts erreichen werden."

Wiggins kann aber auch anders

Trotz dieses Ausbruches gilt der baumlange Brite mit den charismatischen rotbraunen Koteletten gemeinhin als angenehmer Zeitgenosse, als weltgewandter Meister des höflichen Understatements.

Nach seinem Husarenritt im Zeitfahren von Besancon diktierte er den Journalisten geduldig allerlei Beschwichtigungen in die Blöcke, zunächst in fließendem Französisch, dann in lupenreinem Oxford-Englisch. "Der Weg nach Paris ist noch lang. Bekanntlich ist die Oper nie vorbei, bevor die fette Frau gesungen hat. Und die hat noch nicht einmal die Bühne betreten", sagte Wiggins.

Ein leises Schmunzeln konnte er dabei nicht verbergen. Denn schlagen, das weiß der Dominator, könnte er sich nur selbst. Das kann und will er nicht zulassen. Diese Tour ist seine Tour.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Anzeige
Biermann über den Gipfelsturm 
"Das war ein richtiges Gänsehautgefühl"

Der deutsche Amateur-Radsportler erklimmt den Mont Ventoux mit einem Spenderherz. Video

"So schnell wie seit 10 Jahren nicht" 
Christoph Biermann gerät in Köln an seine Grenzen

Beim Velodom wird deutlich: Die Härte am Berg fehlt ihm nach seiner Herztransplantation noch. Video

Nach Herztransplantation auf den Mont Ventoux 
Christoph Biermann und das Rennen seines Lebens

Acht Monate wartete der Hobby-Radfahrer auf ein Spenderherz. Jetzt nimmt er den Ventoux ins Visier. Video



Anzeige
shopping-portal