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Niki Pilic: "Wie eine Mount-Everest-Besteigung"

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Pilic: "Beim DTB wissen sie alles besser"

24.11.2010, 20:50 Uhr | t-online.de, t-online.de

Niki Pilic: "Wie eine Mount-Everest-Besteigung". Niki Pilic (re.) mit der serbischen Nummer eins Novak Djokovic. (Foto: imago)

Niki Pilic (re.) mit der serbischen Nummer eins Novak Djokovic. (Foto: imago)

Das Interview führte Nils Tittizer

Wenn sich vom 3. bis zum 5. Dezember in Belgrad Serbien und Frankreich im Davis-Cup-Finale gegenüberstehen, ist ein Mann dabei, der das Gefühl des Siegens allzu gut kennt. Der 72-jährige Niki Pilic kann auf eine sehr erfolgreiche Karriere als Trainer und Teamchef diverser Davis-Cup-Mannschaften blicken. Der ehemalige Tennis-Trainer von Boris Becker und Michael Stich ist bis heute der einzige Betreuer, der bereits viermal die Mannschafts-Trophäe gewann. Mit Deutschland war Pilic dreimal erfolgreich, mit Kroatien einmal. Siegt er auch mit Serbien, wäre das der fünfte Triumph, mit der dritten Nation.

Im Interview mit t-online.de spricht der Kroate über diese einmalige Chance, das Gefühl des Davis-Cup-Gewinns und über die Rivalität zwischen Becker und Stich. Am Deutschen Tennis-Bund (DTB) übt Pilic, Besitzer einer Tennis-Akademie in Oberschleißheim zudem heftige Kritik.

t-online.de: Herr Pilic, wie lange mussten Sie als Kroate überlegen, die serbische Mannschaft zu übernehmen?

Pilic: Das war für mich keine Überlegung. Novak Djokovic und sein Vater fragten mich, ob ich den Job annehmen würde. Zu dieser Zeit war das serbische Team noch in der zweiten Liga, es gab diverse Probleme mit der Organisation, und vieles war chaotisch. Aber ich habe viel Potenzial in der Mannschaft gesehen, und wenn Novak mich unbedingt haben will, dann komme ich.

Welche Chance hat Serbien, gegen Frankreich den Davis Cup zu gewinnen?

Als ich angetreten bin, wollte ich nicht nur die erste Runde gewinnen. Jetzt stehen wir im Finale. Gegen Frankreich wird es ein schweres Match, das wissen wir. Im Davis Cup werden die Karten anders gemischt.

Wie würden Sie einen möglichen Triumph einordnen? War es ein größerer Erfolg, mit Deutschland oder mit Kroatien den Davis Cup zu gewinnen? Oder ist vielleicht sogar Serbien das Top-Erlebnis?

Der Erfolg 1988 mit Deutschland in Göteborg war eine Sensation. Und es war eine fantastische Sache, 2005 in Bratislava mit Kroatien zu gewinnen. In dem Jahr haben wir in Los Angeles das amerikanische Dream-Team um Agassi, Roddick und die Bryan-Brüder aus dem Wettbewerb geworfen. Da hatten sie 106 Jahre zu Hause nicht mehr in der ersten Runde verloren. Aber auch jetzt, wenn wir gewinnen sollten, ist das etwas ganz Besonderes.

Was für ein Gefühl war es, den Davis Cup viermal in den Händen zu halten?

Das ist eine sehr besondere Situation: Der Amerikaner beschreibt es mit "walking on the water". Das fühlt sich an wie Fliegen. Man ist einfach sehr zufrieden. Im Davis Cup sind sehr viele Emotionen involviert. Diese Emotionen sind unmenschlich stark. Wenn man das Endspiel gewinnt, ist man sehr happy. Dann weiß man, dass man den bestmöglichen Job gemacht hat. Jeder Davis-Cup-Gewinn ist für mich ein Gefühl, wie den Mount Everest zu besteigen.

Nachdem Sie fünf Jahre Kroatien trainiert haben, haben sie 2005 mit den Worten "Meine Mission ist beendet" ihr Amt niedergelegt – was werden ihre Worte sein, wenn Sie mit Serbien 2010 den Davis Cup gewinnen sollten?

(lacht) Ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Ich muss sehen, wie es dann in mir aussieht. Mir fällt schon etwas Gutes ein.

Sollten sie gewinnen, wie wird dann gefeiert?

Der Kroate kann schon sehr ordentlich feiern. Aber ich bin in diesem Bereich wie ein Preuße, ich bin eher ruhig. Ich mache keine große Stimmung.  Aber die Serben sind ganz anders beim Feiern.

Das heißt, ihre Spieler würden es richtig krachen lassen?

Oh ja, auf jeden Fall. Die Serben sind, was das angeht, unmenschlich. Da geht es richtig zur Sache.

Nun zu Ihrer Nummer eins: Novak Djokovic. Hat für Ihn das Davis-Cup-Finale einen höheren Stellenwert als das ATP-Finale?

Ja sicher. Er wird extrem fokussiert auf unser großes Finale sein.

Wird er gegen Frankreich der Schlüssel zum Erfolg sein?

Ich habe mit Novak als Nummer drei der Welt jemanden, der zwei Matches gewinnen kann. Aber er muss verdammt gutes Tennis spielen. Egal ob gegen Monfils, Llodra, Simon oder Gasquet – er muss ans Limit gehen.

Serbien hat in Belgrad noch nie verloren. Ist das ein gutes Omen?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Das ist mit Sicherheit ein Vorteil. Aber wir können nur gewinnen, wenn wir gut spielen. Und dann ist es egal, wo wir spielen.

Ihr erfolgreiches Motto war immer "vier Freunde müsst ihr sein" – wie ist die Stimmung im serbischen Team?

Die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft ist sehr gut. Die Spieler sind alles feine Jungs, die alle Humor haben. Egal ob beim Essen, auf oder neben dem Platz. Sie verstehen sich gut. Aber ich verlange, dass sie trotz des Spaßes gutes Tennis spielen. 

Würden Sie uns verraten, wer hinter Djokovic die Nummer zwei sein wird?

Nein, natürlich nicht. Wir müssen sieben Tage vorher sehen, wer sich gut fühlt und gut drauf ist. Natürlich hat Tipsarevic zuletzt fantastisch gespielt (zwei Siege im Davis-Cup-Halbfinale gegen Tschechien, Anm. der Red.). Vielleicht hat er ein kleines Plus. Aber wir werden zwei, drei Tage zusammen trainieren, sehen, wer in Form ist. Dann entscheiden wir, wer spielt.

Kommen wir nach Deutschland. Wie intensiv haben Sie die Boom-Zeiten des deutschen Tennis Ende der 80er bis Anfang der 90er erlebt?

Das war wohl die beste Zeit des deutschen Tennis überhaupt. Wir konnten den Davis Cup in den Jahren 1988, 1989, 1993 gewinnen. Elf Jahre habe ich nicht ein einziges Match in Deutschland verloren. Ich bin sehr glücklich, dass ich zu dieser Zeit Teamchef sein durfte.

Das siegreiche deutsche Davis-Cup-Team von 1989: Kühnen, Becker, Jelen, Steeb und Pilic (v. li.) (Foto: imago) Das siegreiche deutsche Davis-Cup-Team von 1989: Kühnen, Becker, Jelen, Steeb und Pilic (v. li.) (Foto: imago)

Wie haben Sie es eigentlich geschafft, die Rivalität zwischen Boris Becker und Michael Stich zu kanalisieren und sie für den Erfolg der deutschen Mannschaft (Bsp. Olympia-Gold 1992 in Barcelona) zu nutzen?

Da war meine Rolle ein besonders große. Die beiden haben zu der Zeit kein Wort miteinander gesprochen. Es bedurfte sehr viel diplomatischen Geschicks. Beide waren Weltklasse-Spieler, hochmotiviert – aber ich musste sie zusammenbringen.

Was war der Unterschied zwischen den beiden. Wer hatte mehr Talent?

Michael Stich hatte ein sehr großes Tennispotenzial. Boris hatte etwas mehr Willen und hat gekämpft wie ein Tier. Er war wohl kämpferisch etwas stärker. Wenn Michael einen guten Tag hatte, konnte er jeden schlagen. Aber wenn Michael einen schlechten Tag hatte, dann hat er sich auch schon mal hängen lassen – Boris hätte so etwas nie getan. Er hatte diesen enormen Willen. Er hat immer um jeden Punkt gekämpft.

Sehen Sie in Deutschland einen neuen Boris Becker oder eine neue Steffi Graf?

Wir haben mit Philipp Kohlschreiber einen sehr guten Spieler, aber man kann ihn nicht mit Becker oder Stich vergleichen. Er hat nicht das Kaliber eines Boris Beckers.

Woran liegt es, dass das deutsche Tennis seit mehr als einem Jahrzehnt dahinsiecht?

Man muss einen Weltklassespieler haben mit Charisma und Ausstrahlung. Das setzt eine Entwicklung in Gang und zieht andere gute Spieler nach. Aber nicht jede Generation ist gleich. Das ist doch im Fußball genauso: Die Generationen um Franz Beckenbauer 1974 und Lothar Matthäus 1990 waren sensationell. Zuletzt gab es aber auch dort ein Tief. Jetzt sind wieder Weltstars am Reifen. So kann es im deutschen Tennis auch passieren.

Wer war das größte Talent, mit dem Sie je gearbeitet haben?

Ich habe mit vielen großen Spielern gearbeitet. Mit Boris Becker habe ich sehr lange gearbeitet. Michael Stich kam zu mir, als er noch in der Weltrangliste auf Position 500 stand. Ich habe aus ihm die Nummer zwei der Welt gemacht. Goran Ivanisevic hat bei mir gewohnt. Novak Djokovic hat viereinhalb Jahre in meiner Akademie trainiert. Ich freue mich, dass ich die Möglichkeit hatte, mit so vielen Talenten zu arbeiten. Alle Spieler hatten ihre besonderen Qualitäten.

Welchen Grund vermuten Sie, dass Boris Becker vor seinem Durchbruch mit Trainer Günther Bosch durch das Rost der Talentsucher des DTB fiel?

Die Leute hatten einfach keine Ahnung.

Hat Novak Djokovic das Zeug zur Nummer eins?

Ich weiß nicht, was in den nächsten zwei bis drei Jahren passiert. Er ist in derselben Zeit wie Federer und Nadal. Die derzeit besten Spieler der Welt. In dieser Hinsicht hat er etwas Pech. Aber in zwei bis drei Jahren kann viel passieren. Er hat beide bereits geschlagen. Das Zeug dazu hat er. Nadals Körper ist anfällig. Und wer weiß, was Federer in drei Jahren macht.

Was meinen Sie genau?

In drei Jahren könnte es sein, dass Federer sich mehr Zeit für seine Familie nimmt und den Tennissport an den Nagel hängt.

Zu wem aus der erfolgreichen deutschen Mannschaft haben Sie noch engen Kontakt?

Zu Becker und Co. habe ich noch Kontakt. Zum DTB habe ich null Kontakt. Warum, müssen sie den DTB fragen. Schon seit Jahren brauchen die Leute keinen Rat von mir. Sie wissen alles besser. Ich war 15 Jahre Teamchef. Diese Leute denken, dass sie mich nicht brauchen. Aber es ist für mich in Ordnung. Ich habe in den letzten fünf Jahren die Nummer drei der Welt (Novak Djokovic, Anm. der Redaktion) und mit Ernests Gulbis die Nummer fünfundzwanzig herausgebracht. Ich wüsste gerne, wer das sonst noch in den letzten Jahren geschafft hat.

Patrik Kühnen war bei ihren Davis-Cup-Siegen mit Deutschland als Spieler dabei. Was halten Sie vom derzeitigen deutschen Teamchef?

Mit Patrik komme ich sehr gut zurecht. Wir sprechen sehr oft. Er ist ein sehr lieber Kerl. Er weiß, was ich für den DTB getan habe. Er hat einen sehr großen Willen, die deutsche Mannschaft nach oben zu bringen. Ich denke, er macht einen guten Job. Er ist der Richtige für Deutschland.

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