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Hahnenkammrennen in Kitzbühel: Scott Macartney lebt - aber die Schuldfrage bleibt

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Ski alpin  

Die nie zu beantwortende Schuldfrage

21.01.2008, 11:11 Uhr | Jörg Hausmann, t-online.de

Scott Macartney (Foto: imago)Scott Macartney (Foto: imago) Das Wichtigste: Scott Macartney lebt. Und nicht nur das: Der auf der Kitzbüheler Streif so spektakulär verunglückte US-Abfahrer ist - aller Voraussicht nach - aus medizinischer Sicht so wieder herstellbar, dass der 30-Jährige ein Wiedersehen mit der Hahnenkammstrecke feiern wird. Dass es dafür aber - zumindest gefühlt - gleich mehrerer Schutzengel bedurfte, brachte und bringt zuvorderst seinen Landsmann Bode Miller auf die Palme. Mit seiner jederzeit unterhaltsamen Fahrweise ist der Weltklasse-Allrounder einer der wesentlichen Bestandteile des großen Spektakels. Es werde mit dem Leben der Fahrer gespielt, giftete der wie Macartney 30-Jährige in Richtung der Veranstalter und Verantwortlicher der FIS. Die lassen sich die Schuld an den furchtbaren Bildern aus dem Zielraum des Ski-Mekkas jedoch nicht in die Schuhe schieben.

Wieder zurück aus dem Koma Macartney am Tag danach

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Champagner-Publikum

"Immer, wenn etwas passiert", bemerkte der erfahrene FIS-Renndirektor Günter Hujara, "sind die Leute überrascht, dass etwas passiert." Genau darin liegt das Problem: Über Geschwindigkeiten jenseits der 140 Kilometer pro Stunde ins Staunen zu geraten, beim Zerlegen des Hummers und Schlürfen des Champagners aber nicht über die möglichen Folgen für die wagemutigen Protagonisten in ihren hautengen Anzügen nachzudenken.

Risiko bleibt Risiko

Zehntausende mehr oder minder prominenter Zuschauer belagern Jahr für Jahr Ende Januar den Ort in Tirol, den sein legendärer Skiabfahrtshang weltberühmt gemacht hat. Und da zwischen Krustentieren, Perlwein und Pelzkragen auch noch echter Männersport geboten wird, kommen diese Zehntausende immer wieder, und das gerne. Und solange die tollkühnen Männer auf ihren fliegenden Brettern sicher im Zielraum abschwingen, herrscht die pure Begeisterung. Ist das aber - wie bei der 68. Hahnenkamm-Auflage - wieder mal nicht der Fall, werden die alten Fässer aufgemacht. Nochmals Hujara: "Es tut uns extrem Leid, aber der Abfahrtsrennsport ist eben ein Risikosport. Jeder, der auf die Rennstrecke geht, weiß, was ihn erwartet."

Was niemand sehen will

Das mag nicht für jeden gelten, der hinter den weichen Werbebanden im Streckenauslauf der Ankunft Macartneys entgegenfieberte. Ungezählte Pseudo- oder Gelegenheitsfans, angezogen vom Mythos Kitzbühel, verstummten gemeinsam mit der Masse, als Macartney nur noch zuckte. Der eigentlich zum Schutz seines Kopfes vorgesehene Helm lag meterweit hinter dem Dritten der ebenfalls klassischen Abfahrt in Val Gardena. ARD-Kommentator Bernd Schmelzer - geschockt wie alle - durfte von Berufs wegen nicht schweigen und erzählte von "Bildern, die wir nicht sehen wollen." Die aber gehören - leider - dazu und sind auch immer wieder in unschöner Regelmäßigkeit zu sehen.

Läufer nicken den Zielsprung ab

"Die Streif wird niemals einfach sein. Da ist Kitzbühel, das ist die Legende", befand Sieger Didier Cuche scheinbar cool. Um mit Blick auf den Zielsprung hinzuzusetzen: "Der war extrem." Umso mehr, da Macartney an dieser Stelle mit 141,2 Kilometern pro Stunde gemessen wurde und somit schneller angerast kam als alle Konkurrenten vor und nach ihm. "Da wurde im Laufe der Woche drei mal herumgedoktert", meldete sich erneut Miller zu Wort. Hujara konterte: "Läufer und Trainer haben es besichtigt und für gut geheißen. Die Trainer vertreten die Athleten, ich frage sie: 'Habt Ihr mit den Läufern gesprochen?'"

Mit einem Ski wird noch gewertet

Als es am Sonntag Morgen auch für Macartney wieder möglich war, zu sprechen und angesprochen zu werden, wollte dieser verrückte Hund zunächst wissen, welche Zeit er denn erzielt habe. Tatsächlich kam der Nordamerikaner noch als 33. in die Wertung, weil ihm nur ein Ski verloren gegangen war und er mit dem zweiten noch die Ziellinie passiert hatte: Perversität des Regelwerks.

Stemmle, das Netz - und Miller

Pervers auch, dass der beste Vertreter der USA, Miller, seinen mit Österreichs Mario Scheiber geteilten Rang zwei im Grunde Brian Stemmle verdankt. Der Kanadier verließ 1989 die Ausfahrt des Steilhangs nicht vorschriftsmäßig, blieb mit der Spitze seines linken Skis in einer Masche des Fangnetzes hängen und zog sich dabei einen Beckentrümmerbruch zu. Das Leben des damals 23-Jährigen war gar in Gefahr. Das von Miller nicht. Der verschenkte an gleicher Stelle 19 Jahre später "nur" den möglichen Sieg - weil die Maschen des Netzes seit Stemmle erst viel höher beginnen. Darunter - natürlich längst auch von Sponsoren als Werbefläche besetzt - erstreckt sich ein befahrbares Stück Kunststoffplane. Das diente Miller als Fahrhilfe und Stütze, um im Rennen zu bleiben.

Schneemangel führt 1993 zur Absage

Ein Rennen, das - um mit den Puristen zu sprechen - endlich wieder an Kitzbühel erinnert. Das war in den 90er Jahren durchaus nicht mehr so gewesen - mit einem negativen Höhepunkt. "1993", rekapitulierte Rennleiter Peter Obernauer zwei Tage vor Macartneys Unglück im Interview mit der "Süddeutsche Zeitung", "war die Stadt gähnend leer, keine Gäste da. Damals mussten wir das Hahnenkamm-Rennen absagen, und dann hieß es: 'So kann es nicht weitergehen'." Seitdem besorgen Schneekanonen, was die Natur - warum auch immer - nicht mehr schafft.

Überleben zählt

Heraus kam bei der Präparierung 2008 eine "extrem unruhige" Piste, wie Scheiber die Auflage beschrieb. "Aber eine Autobahn soll es auch nicht sein", fügte der Einheimische hinzu. "Die Leute sollen im Fernsehen schon sehen, wie anspruchsvoll das ist." Danke, Macartney war deutlich genug. Oder, so fasste Routinier Marco Büchel, der Rang acht belegte, zusammen: "Es ist das schwierigste Kitzbühel, das ich kenne." Es ginge, so der 36-Jährige, "ums nackte Überleben". Das war zu sehen...

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