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Andreas Bauer: "Der Zuschauer wird keinen Unterschied zu den Herren bemerken"

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"Der Zuschauer wird keinen Unterschied zu den Herren bemerken"

01.12.2011, 12:10 Uhr | pr, t-online.de

Andreas Bauer: "Der Zuschauer wird keinen Unterschied zu den Herren bemerken". Andreas Bauer ist der Bundestrainer der Skisprung-Damen. (Quelle: dpa)

Andreas Bauer ist der Bundestrainer der Skisprung-Damen. (Quelle: dpa)

Das Interview führte Patrick Rutishauser

Der Wintersport bekommt in diesem Jahr eine weitere Attraktion hinzu: Erstmals findet ein Weltcup in der Disziplin Skisprung Damen statt. Die Premiere steigt am 3. Dezember im norwegischen Lillehammer. Insgesamt macht der Damen-Tross in diesem Winter neun Mal in Skisprungstadien Station. Den meisten Wintersport-Fans dürfte die Disziplin, die 2014 olympisch sein wird, nur von den Herren bekannt sein.

Damen-Bundestrainer Andreas Bauer verrät im Interview mit t-online.de, wer die Favoriten sind, wo die Deutschen stehen und auch sonst alles, was sie über das Frauen-Skispringen wissen müssen. 

Herr Bauer, nun haben auch die Damen eine eigene-Weltcup-Serie. Was verändert sich dadurch?

Andreas Bauer: Rein skisprungtechnisch ändert sich nichts. Was sich ändert, ist das Umfeld. Walter Hofer (Renndirektor, Anm. d. Red.) plant, die Premiere des Damen-Weltcups in Lillehammer als Fernsehproduktion mit den Herren zusammen zu veranstalten. Das heißt, zunächst startet der erste Durchgang der Damen, dann der erste der Herren, dann folgt das Finale der Damen und zum Schluss das der Herren. Für die Mädels verändert sich, dass sie unten durch das Exit-Gate rausgehen und sie dann erst einmal den Journalisten das ein oder andere Interview geben dürfen. Die Aufmerksamkeit wird einfach größer. Auch die Materialkontrollen werden professioneller. Darüber hinaus findet der Wettkampf in einem Weltcup-Stadion statt und wird auch bezüglich der Vermarktung professioneller organisiert. 

Versuchen sie, die Athletinnen darauf vorzubereiten?

Man muss sie zum einen psychologisch darauf vorbereiten, das haben wir schon gemacht. Zum anderen hat Ralph Eder (Pressesprecher des DSV, Anm. d. Red.) für die Mädchen unter anderem eine Medienschulung veranstaltet, wie er sie auch für Athleten anderer DSV-Disziplinen durchführt. Uns war das vor allem deshalb wichtig, weil wir viele junge Athletinnen im Kader haben, wie beispielsweise Katharina Althaus und Anna Rupprecht, die erst 15 Jahre alt sind.  

Wie macht man das psychologisch? Was sagt man den Athletinnen da?

Die Mädels müssen sich auf das Wesentliche konzentrieren. Ich war 17 Jahre im Herrenbereich Trainer, und der größte Unterschied zu den Damen ist, dass Frauen 100 Antennen haben und alles wahrnehmen, was sich rund um den Sport tut. Wenn man sich dann in so einem Umfeld bewegt, muss man sich konzentrieren und sich auf seine technischen Aufgaben fokussieren. Daran arbeiten wir, denn das kann man üben.  

Wie groß sind die Leistungsunterschiede zwischen Männern und Frauen?

Die Leistungsunterschiede sind schon noch sehr markant. Der Zuschauer wird davon allerdings nichts bemerken, weil die Damen im Anlauf fünf oder acht Meter weiter oben starten. Daraus resultiert eine deutlich höhere Geschwindigkeit, womit die Damen wiederum  auf die gleichen Weiten kommen wie die Herren. Der Zuschauer merkt das nicht, sondern nur der fachkundige Beobachter oder aber der Kommentator weist darauf hin. Die besten Springerinnen können schon sehr, sehr gut Skispringen, gerade wenn man Daniela Iraschko aus Österreich sieht. Es gibt eine Weltelite bestehend aus 15 bis 20 Athletinnen.  

Woran muss gearbeitet werden, um zu den Herren aufzuschließen?

Die Damen werden, auf die absolute Leistung bezogen, nie zu den Männern aufschließen. Das ist wie in der Leichtathletik. Dort liegt der Herren-Weltrekord im Weitsprung bei 8,90 Meter und bei den Damen bei 7,50 Meter. Das wird immer so bleiben. 

Liegt das an den athletischen Voraussetzungen?

Richtig. Das Skispringen ist in der letzten Konsequenz auf Athletik aufgebaut und diese beeinflusst natürlich auch die Sprungtechnik. Wenn man mit einer großen Athletik abspringt, dann kann man auch in der Flugphase eine ganz andere Körperhaltung einnehmen. Es wird immer ein Unterschied in der Athletik bleiben und immer auch ein kleiner Unterschied in der Sprungtechnik.  

Trainieren die Damen und die Herren gemeinsam?

Nein. Das haben wir noch nicht gemacht. Das liegt daran, dass die Schanzengrößen unterschiedlich sind. 105 bis 110 Meter ist die Größe, die die Damen springen. Die Herren springen fast keine Schanzen mehr unter 130, 140 Metern. Für die Weltcup-Premiere in Lillehammer gehen die Herren extra auf die Kleinschanze zurück. Die Damen sind noch nicht so weit, um die ganz großen Schanzen zu springen. Die zehn, 15 Weltbesten würden die großen Schanzen meistern, aber bei den anderen ist das Leistungsgefälle zu groß.  

Gian-Franco Kasper, Präsident des Internationalen Skiverbandes (FIS), hat mal zum Thema Frauen und Skispringen gesagt: "Bei der Landung zerreißt es die Gebärmutter." Spüren sie immer noch Vorurteile gegenüber dem Frauen-Skispringen? 

Ich glaube dieses Zitat ist nicht nur sehr alt, sondern auch längst überholt. Ich muss sagen, es gibt keine Vorurteile mehr, so erfahre ich die Situation zumindest. Ich spüre eher ein positives Feedback, dass die Mädchen in großer Breite 105- bis 110-Meter-Schanzen meistern und dort wirklich gute Leistungen zeigen. Man begegnet uns von allen Seiten mit Respekt, eine Wertschätzung ist spürbar. Es ist eben auch ein kompaktes Feld vorhanden, und man sieht wirklich viele gute Sprünge. 

Wer sind die Top-Athletinnen der deutschen Mannschaft, und wie schätzen sie diese im Weltklassement ein?

International verhält es sich so: Es gibt zwei Österreicherinnen, die derzeit eine Klasse für sich sind. Wenn Althaus Dritte wird wie beim Sommer-Grand-Prix in Trondheim, dann sind diese Österreicherinnen schon mal 20 Punkte voraus. Dahinter ist das Feld gemischt. Wir hatten in Trondheim fünf Athletinnen unter den Top-15. Dort waren wir recht breit aufgestellt. Unsere Leistungsträgerinnen heißen in erster Linie Melanie Faißt, Ulrike Gräßler, Juliane Seyfarth, Anna Häfele, Jenna Mohr, Anna Rupprecht und Katharina Althaus. Das ist der Stamm, aus dem sich die Weltcup-Mannschaft rekrutieren wird.  

Glauben sie, dass die Zuschauer das Frauen-Skispringen genauso annehmen werden wie das Herren-Skispringen? 

Ich glaube, dass das Damen-Skispringen seinen Weg machen wird. Ich vergleiche das ein wenig mit den Anfängen des Biathlons. Auch hier war die Öffentlichkeit skeptisch. Wenn man das mit heute vergleicht, was die für einen tollen Sport abliefern, hat sich das Damen-Biathlon unheimlich positiv entwickelt – auch als Fernseh-Sportart. Das hängt natürlich auch immer mit den Erfolgen aus dem eigenen Lager zusammen. Wenn die deutschen Biathletinnen nicht so erfolgreich wären, dann wäre die Begeisterung auch nicht so da.   

Wie sind sie zum Amt des Cheftrainers der Frauen gekommen?

Das war eine interne Umstellung des deutschen Skiverbandes. Ich war von 1996 bis 2003 Co-Trainer von Reinhard Heß, verantwortlich für die B-Nationalmannschaft Skisprung. Von 2003 bis 2011 war ich Sprungtrainer der Nordischen Kombination und jetzt eben Bundestrainer der Skisprung-Damen. Der Skiverband ordnet jedes Frühjahr seine Strukturen neu, und der Damen-Skisprung ist im April olympisch geworden. Also hat der Verband  gehandelt. An dieser Stelle möchte ich ein großes Lob an unsere Führung aussprechen. Die hat das Damen-Skispringen als eigenständige Disziplin auf den Weg gebracht und auch finanziell unterstützt. Wir haben in kurzer Zeit neue Strukturen mit zwei Lehrgangsgruppen geschaffen. Es gibt eine A- und eine Junioren-Nationalmannschaft. Die A-Nationalmannschaft besteht aus fünf Athletinnen und die Junioren-Nationalmannschaft aus sechs. Und die beiden 15-jährigen Althaus und Rupprecht haben bereits leistungsmäßig aufgeschlossen.

Die Damen werden 2014 in Sotschi Olympia-Premiere haben. Was bedeutet das für die junge Disziplin?

Das hat das Frauen-Skispringen entscheidend beeinflusst und nach vorne gebracht. In allen Skiverbänden hat die Disziplin eine unheimliche Aufwertung erfahren. Das sieht man daran, dass im Sommer 18 oder 20 verschiedene Nationen Damen an den Start geschickt haben, was ich nicht erwartet hatte. Jeder nationale Skiverband nimmt das Frauen-Skispringen jetzt ernst. Die klassischen Ski-Nationen wie Österreich, Deutschland, Norwegen, Frankreich, Italien usw. fördern mit viel Engagement und Nachhaltigkeit. Man erkennt das beispielsweise an den Trainerbesetzungen. In Slowenien arbeitet der ehemalige Weltcup-Gesamtsieger Primoz Perterka jetzt für die Frauen, in Österreich haben sie Harald Rodlauer geholt. Er war als Skisprung-Trainer der italienischen Kombinierer sehr erfolgreich. In Norwegen haben sie Sigurd Pettersen geholt. Der ist ehemaliger Vierschanzentournee-Sieger. Wenn das Frauen-Skispringen nicht olympisch wäre, würde es irgendwo so nebenher vor sich hin dümpeln und sich nicht weiterentwickeln. Aber das gehört der Vergangenheit an.

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