Kolumne "Heldin der Woche"

Wenn Britney im verrutschten Schlafi pinselt

09.11.2017, 16:15 Uhr | Anja Rützel, t-online.de

Die Künstlerin in Aktion: Britney Spears verwirklicht sich an der Leinwand.

Malende Berühmtheiten klecksen oft nur Vorabendserienkunst zusammen. Britney Spears jüngstes Blumengemälde kann mehr: Die schlichte Pinselei hilft, an das Massaker in Las Vegas zu erinnern.

Jeder Mensch ist ein Künstler – das ist ein Satz, den gewissenlose Erziehungsmenschen schon im Kindergarten an ihre Schützlinge hinreden, damit die nicht frustriert mit ihren untalentierten, fingerfarbenverschmierten Patscherpfoten an den flachsblonden Haaren ihres ebenfalls minderbegabten Nebensitzers rupfen.

Das klingt jetzt grob, aber Desillusionierung kann nie früh genug einsetzen. Meine Meinung.

Andererseits ist da noch Britney Spears.

Sie ist mit ihren Karriereslaloms, rätselhaften Privaterscheinungen und einer sehr sympathischen vollen Schippe Wurstigkeit im Grunde ja so etwas wie die popstargewordene Desillusionierung selbst, weswegen man ihr mehr durchgehen lässt als Kollegen und Kolleginnen, die durchgängig auf ihre tatscherfrei polierte Oberfläche achten.

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Britney gebührt in dieser Woche die Heldenkrone, weil sie letztens munter ein Blumenbild zusammenkleckste, dessen überschaubarer traditionell-künstlerischer Wert auch ihre größten Fans widerspruchslos einsehen dürften. Und weil sie daraus keinen Hehl macht: "Sometimes you just gotta play!", schrieb sie unter ihr Instagrambild, das sie im Schaffungsprozess und Kurz-Pyjama zeigte.

"Sometimes you just gotta pay", dachte sich nun ein amerikanischer Klatschjournalist und erwarb die harmlos-naive Blümchenpinselei bei einer Versteigerung in Las Vegas für: 10.000 Dollar.

Prominentenbilder sind moderne Reliquien

Das Geld soll einen Beitrag zu einem Denkmal leisten, das an die Opfer des Massakers in Las Vegas erinnern soll. Und das ist zum einen ein schönes Beispiel dafür, wie aus einer Spielerei im verrutschten Schlafi eine gute Sache entstehen kann. Und zum anderen ein neues Anschauungsobjekt für das sonderbare Verhältnis von Ruhm und Wert.

Kunstkritiker Jerry Saltz schrieb einmal, die Besessenheit der Menschen mit ihren berühmten Zeitgenossen sei inzwischen so ballonesk aufgeblasen, dass auch die lächerlichste Kritzelei einer prominenten Person ein tiefergehendes Geheimnis zu bergen scheine – und darum zu einer Art moderner Reliquie werde. Allerdings ist Saltz selbst absolut besessen von einem dieser weithin bekannten Amateur-Pinsler: Er schrieb eine glühend begeisterte Kritik über die Gemälde von George Bush, dem jüngeren, der jetzt gerne Selbstporträts von sich selbst anfertigt, auf denen er gerade in der Badewanne sitzt (man sieht aber nur Knubbelknie und Zehen, also ruhig Blut).

Also ruhig weiterkünstlern, geschätzte Trullalala-Ikonen!

Es müssen nicht immer Gemälde sein

Wobei es wirklich nicht immer die bildende Kunst sein muss. Berühmtheiten neigen nämlich dazu, Werke zu produzieren, von denen sie annehmen, das sie dem ähneln, was sich die Allgemeinheit so unter Kunst vorstellt. Sie sind es eben von Berufs wegen gewohnt, die Erwartungen der Masse zu erfüllen.

Britney Spears bestes Kunstwerk ist auch zehn Jahre später immer noch kein Gemälde, sondern ihr Performance-Stück, in dem sie in einen Frisörsalon marschierte und sich den Kopf kahl rasierte. Im besten Fall berührt Kunst ja das Leben ihrer Betrachter, und Britneys Scherity-Moment inspirierte sogar ein eigenes Mantra-Meme. Das hat auch heute noch Gültigkeit: "If Britney can make it through 2007, then I can make it through today."

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