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Film - "Neben den Gleisen": Der Stammtisch kommt zu Wort

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"Neben den Gleisen": Der Stammtisch kommt zu Wort

03.04.2017, 10:44 Uhr | dpa

Film - "Neben den Gleisen": Der Stammtisch kommt zu Wort. Im Kiosk am Bahnhof Boizenburg wird auch manchmal geschwiegen - um Fußball zu sehen.

Im Kiosk am Bahnhof Boizenburg wird auch manchmal geschwiegen - um Fußball zu sehen. Foto: deutschfilm. (Quelle: dpa)

Hamburg/Boizenburg (dpa) - Wenn Medien über heikle Themen wie die Flüchtlingspolitik berichten, wird die Kommentarfunktion im Internet häufig abgeschaltet. Der Filmemacher Dieter Schumann geht den umgekehrten Weg. Ihn interessiert, was die Leute am Stammtisch denken.

Für seinen Dokumentarfilm "Neben den Gleisen" hat er den Bahnhofskiosk in Boizenburg an der Strecke Berlin-Hamburg besucht. In der Nachbarschaft der westmecklenburgischen Kleinstadt liegt das Erstaufnahmelager Nostorf/Horst. Täglich kommen Flüchtlinge am Bahnhof an oder reisen ab, beobachtet von den Gästen des Kiosks auf dem Vorplatz. Unter ihnen sind Schichtarbeiter, Arbeitslose, Rentner, Fußballfans - überwiegend Menschen, die sich als Verlierer sehen. Ihre Ansichten sind zum Teil alles andere als "korrekt". Schumann lässt sie reden, fast anderthalb Stunden lang.

Flüchtlinge, die "dicke Hose schieben", könne er nicht leiden, sagt ein 19 Jahre alter Drogensüchtiger auf dem Bahnsteig. "Wenn mir so einer über'n Weg läuft, hat er kein langes schönes Leben mehr." Ein junger Zimmermann, Jahrgang 1989, meint: "Die Kriegsflüchtlinge, die können gerne kommen, habe ich kein Problem mit, aber diese Wirtschaftsflüchtlinge, die einfach nur kommen, weil sie hier ihr Geld kriegen und alles sowas, will ich hier nicht haben." Janos ist stolz, noch als "offizieller DDR-Bürger" geboren worden zu sein.

Hardy, ein Hartz-IV-Empfänger, ist der Ansicht, die jungen Syrer sollten lieber im eigenen Land mit der Waffe kämpfen, als nach Deutschland zu flüchten. Er selbst fühlt sich vom deutschen Staat ungerecht behandelt. "Meinungsfreiheit - die gibt's bei uns nicht." Mit einer Geste deutet er Handschellen an, die ihm angeblich drohten, wenn er auf der Straße seine Gedanken preisgeben würde. Dann schimpft er vor der Kamera drauf los, auf die "sogenannte Demokratie" und auf den "Kapitalismus pur" - bis er beinahe seinen Zug verpasst.

Auch andere Besucher des Kiosks äußern Vorbehalte gegen die meist syrischen Flüchtlinge. Aber das Lokal ist kein Treffpunkt von Ausländerfeinden. Zu den Stammgästen gehört auch Roman aus Polen. Der etwa 40-Jährige arbeitet im Schlachthof. Zur Politik will er sich nicht äußern. Mit den anderen Gästen versteht er sich prächtig. Einige von ihnen sind ebenfalls Schichtarbeiter im Schlachthof oder in einer Süßwarenfabrik, wie Wanja aus Russland. Er sei eigentlich Arzt für manuelle Therapie, sagt er auf Russisch. Aber nun schlägt er sich als Arbeiter in Deutschland durch. Einige Kioskgäste befreit Wanja mit einer kurzen Massage und einem Ruck von ihren Nackenschmerzen.

Die Flüchtlinge kehren nicht im Kiosk ein, aber auch sie kommen zu Wort. Im Grunde wollen sie das Gleiche wie Roman und Wanja: arbeiten und Geld verdienen. "Germany is a dream for us", sagt ein Student, der vor dem Bürgerkrieg geflohen ist. "Syria is finished." Und ein älterer Flüchtling meint: "Wir müssen leben wie alle anderen Menschen."

Bernd und Regina betreiben den Kiosk seit 25 Jahren. Bernd hatte zuvor an der innerdeutschen Grenze gearbeitet, im Pflanzen-Quarantänedienst, wie er sagt. Als das zu Ende ging, gründete er den Kiosk und hatte Erfolg. Er öffnet den Laden morgens um 5.00 Uhr. Als erster Gast kommt Michael, ein Bayer, der nach dem Verlust von Frau, Arbeit und Gesundheit in Boizenburg gestrandet ist. Michael ist rundum frustriert, hat die Hoffnung auf einen Neuanfang aber nicht ganz aufgegeben. "Vielleicht kommt noch mal ein Engel vorbei."

In dem Kiosk sind schon kleine Wunder geschehen. Ein Mittfünfziger aus Bad Hersfeld kam als Bundeswehrsoldat nach Westmecklenburg. In Boizenburg eröffnete der Hesse ein Blumengeschäft mit schließlich drei Filialen. Eines Tages sei eine Frau in den Kiosk gekommen, erzählt er. Es habe sofort "bum" gemacht. Liebe auf den ersten Blick. Fast neun Jahre halte die Beziehung schon.

Auch von Sex träumen die Männer zwischen den mit Fußballschals dekorierten Wänden immer wieder. Eine nicht mehr ganz junge Besucherin befeuert ihre Fantasie, indem sie ihre Jacke öffnet und sich mit den Händen lasziv über ihr durchsichtiges Top streicht. In dem Kiosk findet viel Menschliches statt, wie die überaus geduldige Kamera (Michael Kockot) zeigt. Um Gestorbene wird mit einer Kerze getrauert, wer Geburtstag hat, wird in den Arm genommen. Eine Freundin des aggressiv auftretenden Drogenabhängigen erzählt nebenbei, dass sie einen Arabisch-Kurs gemacht und viele syrische Freunde habe.

Neben den Gleisen, Deutschland 2016, 89 Min., FSK ab 12, von Dieter SchumannJ

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