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Paul Verhoeven: Chef der Berlinale-Jury

07.02.2017, 17:26 Uhr | dpa

Film - Paul Verhoeven: Chef der Berlinale-Jury. Paul Verhoevens aktueller Film "Elle" ist bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet worden.

Paul Verhoevens aktueller Film "Elle" ist bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. Foto: Jan Woitas. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Ursprünglich wollte der 1938 in Amsterdam geborene Paul Verhoeven der Wissenschaft dienen, studierte Mathematik und Physik.

Als seine damalige Freundin und spätere Ehefrau 1966 ungeplant schwanger wurde, dachte er daran, den Beruf des Lehrers zu wählen. Doch er war, wie er selbst einmal sagte, "vom Kino-Virus infiziert". Seit 30 Jahren gehört er zu den erfolgreichsten Hollywood-Regisseuren. Jetzt leitet er die Jury der Berlinale.

Paul Verhoeven hat bei vielen Hits Regie geführt. Derzeit sorgt sein Vergewaltigungsdrama "Elle" (ab 16. Februar in den deutschen Kinos) für Furore. Hauptdarstellerin Isabelle Huppert bekam bereits einen Golden Globe und darf auf einen Oscar hoffen. Doch Filmfans verbinden seinen Namen vor allem mit der Schlüsselszene des Erotik-Thrillers "Basic Instinct" (1992): Hauptdarstellerin Sharon Stone schlägt bei einem Verhör ihre Beine übereinander - und unter dem knappen Kleid trägt sie, weithin sichtbar, keine Unterwäsche.

Dem in Den Haag aufgewachsenen Sohn eines Lehrers und einer Hutmacherin brachte "Basic Instinct" endgültig den Ruf eines Skandal-Regisseurs ein. Die Ursache für seine Lust am Schockieren hat er bei sich selbst ausgemacht: Die ungewollte Schwangerschaft habe ihn verwirrt, weshalb er sich einer sehr gläubigen Pfingstgemeinde angeschlossen habe. Diese Zeit nannte er später "religiöse Psychose". Er habe dabei die dunklen Seiten in sich entdeckt, erklärte er in einem Interview: "Meine Arbeit wurde zu einem Anker in der Wirklichkeit, darum hatte ich das Bedürfnis, alles so explizit darzustellen."

Das Besessensein vom Extremen durchzieht sein gesamtes Werk. So erzählt er in "RoboCop" (1987), seinem ersten großen Hollywood-Erfolg, die Geschichte eines zum Roboter geklonten Ex-Polizisten, der mit seiner Vergangenheit als Mensch ringt. Die Darstellung brutaler Gewalt löste heftige Kontroversen aus. Der Schocker kam erst nach vielen Schnittauflagen in die Kinos. Kritiker allerdings lobten den Film für seine unterschwellige Kritik an einer ganz auf Profitsucht ausgerichteten Gesellschaft.

Bekannt geworden war Paul Verhoeven schon 1973 in seiner Heimat, den Niederlanden, durch die erotisch aufgeheizte Liebesgeschichte "Türkische Früchte". Mit mehr als 3,3 Millionen Kinobesuchern gilt der 1974 für einen Oscar nominierte Film noch heute als einer der größten Hits der niederländischen Kinos und öffnete Verhoeven die Tore in Hollywood. Nach "RoboCop" gelangen ihm mit "Total Recall" (1990) mit Arnold Schwarzenegger und "Basic Instinct" mit Michael Douglas enorme Kassenerfolge.

Ähnlich erfolgreich an den Kassen war Paul Verhoeven nie wieder. "Showgirls" (1995), sein mit expliziten Gewalt- und Sex-Szenen gespicktes Drama um eine Tänzerin in Las Vegas, fiel beim Publikum durch. Verhoeven bekam dafür mehrere "Goldene Himbeeren" für die schlechtesten Filme des Jahres. Wobei er sich sportlich gab: Der charmante Mann holte die satirisch gemeinte Ehrung als erster Regisseur überhaupt persönlich ab.

Nach zwei weiteren künstlerisch nicht sonderlich erfolgreichen Filmen ging Verhoeven in seine Heimat und arbeitete 2006 ein traumatisches historisches Kapitel filmisch auf, die deutsche Besatzung der Niederlande. In "Schwarzbuch" erzählt er die Geschichte einer Jüdin (Carice van Houten), die während des Zweiten Weltkrieges eine Liebesbeziehung mit einem SS-Offizier (Sebastian Koch) hat. Der Film gegen alle Klischees von den nur guten Widerstandskämpfern und den nur schlechten Deutschen wurde ein großer Kritikererfolg.

Zuletzt kam seine französisch-deutsch-belgische Produktion "Elle" heraus. Der Thriller um eine Frau (Isabelle Huppert), die auf sehr ungewöhnliche Weise mit ihrem Vergewaltiger umgeht, wurde seit der Uraufführung beim Filmfestival von Cannes im Mai vorigen Jahres weltweit mit Auszeichnungen überschüttet. Isabelle Huppert gilt vielen als aussichtsreichste Kandidatin für die Auszeichnung mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin. In Deutschland startet der Film am 16. Februar, während der Berlinale, in den Kinos.

Verhoeven, jetzt 78, hat noch viele Pläne. Sein ehrgeizigster: die Adaption seines eigenen Bestsellers "Jesus: Die Geschichte eines Menschen" aus dem Jahr 2009. In dem Buch wird Jesus als Revoluzzer gezeigt. Auch hier gibt es zahlreiche provozierende Gewaltdarstellungen. Am Beginn etwa steht eine Vergewaltigung Marias durch einen römischen Soldaten. Konservative Christen in den USA haben mit Empörung reagiert, Kritiker mit Verwirrung. Ein Geldgeber für eine Verfilmung hat sich bisher nicht gefunden.

Jetzt leitet Paul Verhoeven als erster niederländischer Jury-Präsident die Wettbewerbsjury der 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Man darf gespannt sein, ob die von ihm angeführten Juroren, darunter auch die deutsche Schauspielerin Julia Jentsch ("24 Wochen"), am Ende der Filmfestspiele mit ungewöhnlichen, gar schockierenden Entscheidungen überraschen.

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