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Peter Handke über den "Stillen Ort"

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Peter Handke über den "Stillen Ort"

17.10.2012, 10:15 Uhr | dpa

Peter Handke über den "Stillen Ort". Peter Handke überrascht mit einem Buch über Toiletten.

Peter Handke überrascht mit einem Buch über Toiletten. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Von Peter Handke hätte man manches erwartet, aber nicht unbedingt ein Buch über Toiletten. "Versuch über den Stillen Ort" heißt der jetzt erschienene Band von gut 100 Seiten.

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Um es vorwegzunehmen: Der Versuch ist gelungen. Handke lässt seinen Leser nicht nur schmunzeln, er lässt ihn über sein Verhältnis zur Welt nachdenken. Und das ist schon ein Kunststückchen.

Der Dichter nähert sich dem Gegenstand vom Wort her: Der "Stille Ort" - er schreibt ihn wie einen Eigennamen groß - impliziert ja eine Stätte des Schweigens, eine Rückzugsmöglichkeit. Geräusche mag es hier zwar auch geben, aber sie "tun nichts zur Sache. Geschweige denn tun es Gerüche". Handke verweigert sich jedem Pennälerhumor, der bei einem solchen Thema heute fast zwangsläufig erwartet wird.

Die Toilette ist ein Ort, an dem man sich vor der Welt verschließt. Es gibt viele Menschen, die die Toilettentür auch dann gewohnheitsmäßig verriegeln, wenn sie allein in der Wohnung sind und eine Störung folglich nicht zu befürchten hätten. Klo kommt von Klosett, was "abgeschlossener Raum" bedeutet, und ist mit der "Klause" verwandt, welche der Duden definiert als "Behausung eines Einsiedlers", "Klosterzelle", "Ort des Ungestörtseins" oder auch "Bergschlucht".

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass gerade der oftmals heftig angefeindete Handke dem Stillen Ort große Sympathie entgegenbringt. Der kleine Raum bietet jedem Weltflüchtling willkommenes Asyl - "Ich muss mal kurz wohin", sagt man ja und ist dann erst mal verschwunden. Sicher, diese Form des Ausreißens ist zeitlich eng begrenzt, aber dafür ist sie nahezu jederzeit möglich und wird fast immer akzeptiert.

Ist der Stille Ort ausnahmsweise einmal nicht zugänglich, wird seine überragende Bedeutung sofort offensichtlich. Alles andere tritt dann in den Hintergrund. Handke selbst erinnert sich, wie er als Kind an seinem ersten Tag im Internat nicht nach der Toilette zu fragen wagte, obschon er ihrer dringend bedurfte.

"So standen wir Neulinge, Wildwüchslinge aus den entferntesten Landwinkeln, und standen, und beteten nach, und der kalte Abendregen klatschte jenseits der verschlossenen Refektoriumstüren heftiger und heftiger auf die Kieswege draußen im Schlosshof, wo, oder täusche ich mich?, dazu noch der Schlossspringbrunnen dazwischenplätschert." Was passiert wohl als nächstes? Natürlich, alsbald flutet ein Rinnsal über den Steinfußboden, "klammnaß wie an den Beinen".

Durchaus nachvollziehbar, dass der Autor seit jeher immer ein Gefühl der Erleichterung, ja der Geborgenheit und Aufgehobenheit verspürt hat, wenn er die Tür des privatesten aller Räume hinter sich absperren konnte. Nach der Schulzeit hat er auf einer Wanderung auch mal eine ganze Nacht im Bahnhofsklo zugebracht, "in einer Art Halbkreis um die Klosettmuschel geringelt". Zwar teilte er sich die Schlafstatt mit Weberknechten an den Kabinenwänden, zwar fiel sein Blick direkt auf das "Schmieröl, oder was es war, rund um die Schrauben, mit denen der Kachelsockel im Boden befestigt war", doch "um nichts in der Welt" hätte er tauschen mögen. Auch der Abort kann Sehnsuchtsort sein.

(Peter Handke: Versuch über den Stillen Ort, Suhrkamp Verlag, 109 Seiten, 17,95 Euro, ISBN-13 978-3518423172)

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