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In den Fängen des Stalkers: "Angst"

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In den Fängen des Stalkers: "Angst"

24.01.2013, 14:10 Uhr | dpa

Dirk Kurbjuweit hat einen beklemmenden Roman geschrieben.

Dirk Kurbjuweit hat einen beklemmenden Roman geschrieben. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Sie verfolgen Prominente und bombardieren sie mit unerwünschten Liebesbriefen. Sie belästigen die Ex-Partnerin mit rachsüchtigen Anrufen und stellen ihr so lange nach, bis sie sich nirgendwo mehr sicher fühlt und in ständigem Ausnahmezustand lebt. Schlimmstenfalls kommt es zu tätlichen Übergriffen.

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Meistens sind Stalker nur schwer zu fassen. Die Opfer fühlen sich ohnmächtig, von Polizei und Staat im Stich gelassen.

Der "Spiegel"-Journalist Dirk Kurbjuweit schildert in seinem sechsten Roman "Angst", wie das scheinbar geordnete Leben einer deutschen Mittelstandsfamilie durch einen Stalker aus den Fugen gerät. Doch anders als man zunächst denken könnte, ist der Stalker in diesem Roman nicht nur eine zerstörerische Kraft. Sein unerwünschtes Auftreten führt überraschenderweise auch zu einer Art Katharsis, einer seelischen Reinigung: Nicht aufgearbeitete eheliche und familiäre Konflikte werden nach oben gespült, unangenehme Wahrheiten ans Licht gebracht. Letztlich gibt es sogar eine Chance zum Neuanfang. Allerdings muss erst ein Mensch sterben.

Randolph Tiefenthaler, der Ich-Erzähler des Romans, ist ein erfolgreicher Architekt. Mit seiner Frau Rebecca und seinen beiden Kindern lebt er in einer schönen Altbauwohnung in Berlin. Alles könnte perfekt sein, wäre da nicht dieser seltsame Nachbar im Souterrain. Anfangs wirkt Herr Tiberius noch relativ unauffällig - ein kleiner, dicker Mann mit großem Kopf und Haaren gekämmt wie Elvis Presley. Nur "in seinen Augen funkelte etwas, das mir fremd war, auf Anhieb unheimlich", vermerkt Tiefenthaler.

Herr Tiberius stellt Kekse und Kuchen vor die Tür der Familie, freundet sich sogar ein bisschen mit den Kindern an. Man erfährt, dass er keiner geregelten Arbeit nachgeht und ein ehemaliges Heimkind ist. Doch das ist schließlich kein Verbrechen. Dann aber läuft die Geschichte entschieden aus dem Ruder. Herr Tiberius beginnt, Liebesbriefe an Rebecca zu schreiben, er beobachtet sie heimlich durchs Fenster. Schließlich beschuldigt der obskure Nachbar das Ehepaar, seine eigenen Kinder sexuell zu missbrauchen. Er zeigt sie deshalb sogar an.

Damit setzt der Stalker eine Spirale der Angst und des Misstrauens in Gang. Bei den Ehepartnern werden absurde Verdächtigungen geschürt, der normale Tagesablauf wird gesprengt. Bei Randolph Tiefenthaler, einem überzeugten "Legalisten", der sich "sogar als Fußgänger schwertut, bei Rot über die Straße zu gehen", wird das Vertrauen in den Rechtsstaat zutiefst erschüttert. Die Polizei taucht bei ihm auf, um den unhaltbaren Anschuldigungen des Nachbarn nachzugehen. Die Rechtsanwältin, die er engagiert, kann nichts gegen den Stalker ausrichten.

Ausgerechnet in dieser unerträglichen Situation nähert er sich wieder einem Menschen an, dem er sich seit langem entfremdet hat: Seinem Vater. Dieser, ein emotional gehemmter Mann und ausgeprägter Waffennarr, hat Tiefenthalers Kindheit zu einer ständigen Bedrohung werden lassen: "Für mich war zu Hause ein Ort, an dem man erschossen werden konnte." Doch jetzt kommt der Vater dem Sohn zu Hilfe. Am Ende steht ein Akt der Selbstjustiz. Der Stalker ist tot, der Vater im Gefängnis. So viel ist klar, oder doch nicht?

"Angst" wird aus der Rückschau erzählt. Der Roman beginnt mit dem Besuch beim inhaftierten Vater und berichtet vom Tod des Stalkers. Man könnte meinen, dass damit bereits die Spannung genommen sei. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Denn der gut komponierte Roman hält einige Überraschungen und Volten parat. Kurbjuweit nimmt einen mit auf eine dramatische Achterbahnfahrt, in der er die Untiefen und Widersprüchlichkeiten der menschlichen Psyche meisterhaft auslotet. Mehrere seiner Romane sind bereits verfilmt worden. Dieser hat einmal mehr das Potenzial dafür.

Dirk Kurbjuweit: Angst. Rowohlt Verlag, Reinbek. 256 Seiten, 18,95 Euro, ISBN 978-3-87134-729-0

Quelle: dpa

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