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Literatur  

Die eiskalte Gräfin

15.03.2016, 10:22 Uhr | dpa

Köln (dpa) - Es ist kurz vor Kriegsende in der österreichischen Provinz. Die Russen stehen vor der Tür. Doch auf Schloss Rechnitz geht es hoch her. Zusammen mit diversen Nazi-Freunden feiert die schöne Gräfin Margit Batthyany ein rauschendes Fest.

Auf dem Höhepunkt der Veranstaltung ereilt die Festgäste ein Anruf. Am Bahnhof stünden 180 an Fleckfieber erkrankte jüdische Zwangsarbeiter. Sie müssten sofort erschossen werden. Die Gäste zieren sich nicht lang. In aller Eile werden Waffen verteilt, eine Gruppe von Männern zieht hinaus und erschießt die Juden. Anschließend kehren die Mörder zurück auf das Fest. Es wird weiter gelacht, getanzt, getrunken. The show must go on.

Mehr als 70 Jahre später legt eine Kollegin dem Schweizer Redakteur Sacha Batthyany einen Artikel auf den Schreibtisch. Überschrift "Die Gastgeberin der Hölle". Es ist die Geschichte des Massakers von Rechnitz, in dessen Mittelpunkt Margit Batthyany steht, eine geborene Thyssen. Sie ist dem Journalisten nur allzu gut bekannt, denn sie ist seine Großtante. "Was hast du denn für eine Familie", fragt die Kollegin irritiert. Ja, was hat er für eine Familie? Sacha Batthyany begibt sich auf eine jahrelange Spurensuche, die ihn nach Österreich, Ungarn, Russland und sogar bis nach Argentinien führt.

Das Ergebnis liegt jetzt vor. In seinem Buch "Und was hat das mit mir zu tun?" schildert Batthyany (42) nicht nur ein monströses Verbrechen, er seziert auch seine eigene Familie, eine ungarische Adelsdynastie, die nach dem Krieg verarmte und ins Exil ging, in der es Täter wie auch Opfer gab. Es ist keineswegs die erste Auseinandersetzung mit dem Massaker von Rechnitz. Bereits 2006 erhob der Brite David Litchfield in "The Thyssen Art Macabre" schwere Vorwürfe gegen die Gräfin. Elfriede Jelinek stellte das Verbrechen 2010 in den Mittelpunkt ihres umstrittenen Theaterstücks "Rechnitz oder Der Würgeengel".

Gräfin Margit Batthyany (1911-1989) war eine Tochter des Stahlmagnaten Heinrich Thyssen und eine Schwester des Kunstsammlers Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza. Die milliardenschwere Erbin beschäftigte sich zeitlebens am liebsten mit ihren Pferden. Sacha Batthany hat diese Tante als strenge Erscheinung in Erinnerung, eine Frau, die sich gerne mit Seidenfoulards und Krokodilledertaschen schmückte und deren spitze Eidechsen-Zunge ihn als kleinen Jungen besonders faszinierte.

War diese Frau eine Mörderin? Zumindest war sie Mitwisserin. Hans-Joachim Oldenburg, einer der Haupttäter, war ihr Geliebter. Nach dem Krieg soll sie dafür gesorgt haben, dass der Gutsverwalter geräuschlos nach Argentinien verschwand. 1946 mussten sich sieben Männer wegen des Massakers vor Gericht verantworten. Zwei der Hauptzeugen wurden noch während des Prozesses durch Fememorde aus dem Weg geräumt. Die Gräfin wurde nie angeklagt.

Noch eine zweite Frau in der Familie hat Schuld auf sich geladen. Sacha Batthyanys Großmutter Maritta kam einem verzweifelten jüdischen Ehepaar in einer existentiellen Notsituation nicht zu Hilfe. Es waren die Eltern ihrer besten Freundin. Schließlich wurden die Mandls vor ihren Augen hinterrücks erschossen. "Wenigstens die Mandls hätte ich retten können", schrieb sie reumütig in ihr Tagebuch. Stattdessen hielt sie die Version aufrecht, dass die Mandls Selbstmord begangen hätten. Erst Batthyany wird den Enkeln der Ermordeten die Wahrheit sagen.

Am Ende wird für den Autor die Reise in die Vergangenheit auch eine Reise zu sich selbst. Wäre er mutig genug gewesen, die Mandls zu retten oder muss er sich nicht eingestehen, genauso schwach wie seine Vorfahren zu sein? "Wir waren eine Familie von Maulwürfen", sagt seine Großmutter, die von ihrer eigenen "sprachlosen Betroffenheit" erzählt. Diese Sprachlosigkeit hat Sacha Batthyany mit diesem elegenant erzählten und bewegenden Buch nun beendet.

Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 256 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-462-04831-5

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