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Literatur  

Literaturarchiv im digitalen Wandel

29.03.2016, 11:08 Uhr | dpa

Literatur: Literaturarchiv im digitalen Wandel. Zahlreiche Disketten von Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Friedrich Kittler im deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar.

Zahlreiche Disketten von Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Friedrich Kittler im deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar. Foto: Christoph Schmidt. (Quelle: dpa)

Marbach am Neckar (dpa) - Neun Festplatten, 648 Disketten, 100 CD-Roms - die 1,1 Terabyte umfassenden rund 1,7 Millionen Dateien, die mit Friedrich Kittlers Nachlass ins Deutsche Literaturarchiv (DLA) nach Marbach kamen, sprengen dort alles bisher digital Dagewesene.

Wie bislang keiner hatte der 2011 gestorbene Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker seine Gedanken digital fixiert. Datei für Datei, Byte für Byte sichert EDV-Experte Heinz Werner Kramski in Baden-Württemberg nun den Nachlass und versucht der Datenflut inklusive Filmaufnahmen, aufgezeichneter Interviews oder Fotografien Stück um Stück Herr zu werden. Dabei gilt für das digitale Literaturarchiv die Maxime: Erst wird alles geklont - aufgearbeitet und für die Forschung sortiert wird dann nur die Kopie.

Zu groß sei die Gefahr, beim Bearbeiten doch etwas unwiederbringlich zu löschen, erzählt Roland Kamzelak, DLA-Vize. Auf der anderen Seite biete das Digitale aber auch bisher nicht gekannte Chancen: "Was früher im Papierkorb landete, war weg. Heute ist es möglich, dass der Inhalt digitaler Papierkörbe doch noch vorhanden ist und gesichert werden kann." Archivleiter Ulrich von Bülow: "Auf Laptops finden sich manchmal Dinge, von denen die Autoren oder ihre Erben gar nichts wussten - oder dachten, sie hätten sie für immer gelöscht."

"Wenn ein Laptop von Botho Strauß voll war, nahm er den nächsten", erklärt von Bülow so manche Datenflut. Vieles auch von anderen namhaften Autoren sei zunächst mal nur gesichert. Der Nachlass des Dramatikers Thomas Strittmatter ("Gesualdo"), gestorben 1995 mit nur 33 Jahren, ist seines Wissens nach der einzige bereits komplett aufgearbeitete eines deutschen Autors. Strittmatters Eltern schenkten Marbach mit dem literarischen Nachlass des frühen Computerfans einen Atari-Rechner, einen Laptop und gut 40 Disketten.

Speicherplatz sei kein Problem, betont er. "Problematisch sind aber Dateiformate, die veraltet sind." Mit modernen PCs seien diverse Formate nicht mehr lesbar. Dann schlägt die Stunde von Freaks, die alte Hard- und Software sammeln. Sogar das Bundeskriminalamt habe sich schon der Marbacher Fähigkeiten bedient, erzählen die Experten.

Weiteres Problem ist die Entmagnetisierung: Sie schreitet schneller voran als der Zerfall von Papier. Ein Schiller-Gedanke auf Diskette wäre längst verloren, sein Papier ist noch erhalten. "Ein Blatt von 1900 kann man genauso in die Hand nehmen, wie ein Blatt von 2016. Bei Textdateien ist das natürlich anders", sagt von Bülow.

Marbach sammelt, was sich auf und neben Schreibtischen von Autoren findet - aber das ist nicht zwangläufig weniger Papier, wie man vermuten könnte. Im Gegenteil, so von Bülow: "Wir haben jetzt eher mehr Papier als weniger, auch bei Autoren, die mit Computer schreiben." Früher hatten die Autoren maximal einen Durchschlag von Briefen. Jedes Schiller-Wort auf Papier war ein Unikat. Heute ist der Ausdruck einer Mail schnell gemacht und abgeheftet.

Zudem schwirren inzwischen Texte, möglicherweise schützenswerte, über irgendwelche Clouds durch das Internet, möglicherweise mit Passwort geschützt, das keiner kennt. Dann sind sie weg. Vieles geht verloren. Wobei die Marbacher Experten nicht von Verlust sprechen wollen, schließlich sei vieles, was heute etwa über WhatsApp kommuniziert wird, früher telefonisch abgesprochen worden und damit genauso weg.

Von Bülow: "In keiner Generation wurde so viel geschrieben wie heute. Die Jugend ist permanent am Schreiben - aber auf dem Smartphone." Neue Literaturformen entstehen, etwa mit 140 Zeichen auf Twitter. Für Kamzelek gehören Smartphones und ihr womöglich geheimnisvoller Inhalt inzwischen längst dazu: "Smartphones sind kleine Computer. Im Zweifelsfall würde ich sie einem Nachlass immer zurechnen." Sogar ein Selfie gibt es schon in Marbach: Peter Handke fotografierte sich mal in einem Autospiegel.

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