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Literatur: Inge Jens über das "Entschwinden" ihres Mannes

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Inge Jens über das "Entschwinden" ihres Mannes

20.04.2016, 15:11 Uhr | dpa

Literatur: Inge Jens über das "Entschwinden" ihres Mannes. Inge Jens schreibt in "Langsames Entschwinden.

Inge Jens schreibt in "Langsames Entschwinden. Vom Leben mit einem Demenzkranken" über ihren Mann Walter Jens. Foto: Bernd Weißbrod. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Walter Jens steht in seinem Wohnzimmer und ruft "Ich will hier weg, ich will nach Hause!". Die Szene gehört zu den "gespenstischen Dingen", die seine Frau Inge Jens in den letzten Lebensjahren ihres Mannes erlebt, erleidet und mutig bis an die Grenzen der Selbstaufgabe erträgt.

"Ich habe oft mit mir gerungen, ob es nicht Zeit wäre, ihm das immer wieder so vehement eingeforderte Recht auf Sterbehilfe endlich zu gewähren. Ich habe es nicht geschafft", so Inge Jens, die unter anderem die Tagebücher von Thomas Mann herausgegeben und kommentiert hat.

Inge Jens (89) berichtet in ihrem "vermutlich letzten Buch", wie sie selbst betont, über das "Langsame Entschwinden" ihres Mannes Walter Jens und damit auch "Vom Leben mit einem Demenzkranken", wie der Untertitel des Buches lautet (Rowohlt Verlag). Wie er heißt, wo er wohnt, ob Sommer oder Winter ist - das weiß Walter Jens schon lange nicht mehr. Dem einstmals wortmächtigen Rhetoriker und "Stimmführer" der Republik, der die Berliner Akademie der Künste durch schwere Zeiten geführt und die Evangelien übersetzt hat, sind, wie seine Frau nüchtern-erschreckend notiert, "die wichtigsten Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Reden, ja, auch Fernsehen oder Musikhören verlorengegangen".

Es begann damit, dass er beim angeblichen Lesen in seinem vertrauten Sessel das Buch verkehrt herum hielt. Seine Frau ist überzeugt, dass ihr Mann, der früher auch unter Depressionen litt, genau registriert hat, wie ihm alles entglitt. Und das bei einem Mann, der gerne Theodor Fontane zitierte: "Wer am meisten redet, ist der reinste Mensch." Aus, vorbei, Geschichte. "Ich sah, wie mein Mann langsam ein anderer wurde."

Und nicht nur das. Ihr eigener Mann begann, um sich zu schlagen. "Zunächst mit Worten, später dann auch de facto." Dennoch kämpft Inge Jens um die letzte Würde ihres schwer kranken Mannes und gerät dabei, sicherlich wie viele andere ihrer Leidensgenossinnen in den zahlreichen ähnlichen Fällen im Lande auch, an die Grenzen ihrer Leistungs- und Leidensfähigkeit als Frau von über 80 Jahren. Auch wenn sie privilegierter ist als andere und wichtige Hilfen hat, wie sie selbst betont. Denn in ein Heim soll ihr Mann nicht kommen (auch wenn er nachts im Haus herumgeistert).

"Ob das für ihn wichtig ist oder nur meiner Beruhigung dient, vermag ich allerdings nicht zu entscheiden." Und: "Wer kann heute noch die materiellen Ressourcen aufbringen, die eine solche Individualbetreuung verlangt?" Über diesen Zwiespalt mit all seinen Höhen und Tiefen - auch mit berührend-bewegenden Momente in dieser schweren Zeit - gibt das Buch protokollartig Auskunft in Form von Briefen an Freunde und Bekannte.

Der Zustand ihres Mannes sei "kaum vorstellbar", schreibt Inge Jens. "Man weiß so verdammt wenig über diese Krankheit", vor der sich das Ehepaar Jens wie alle Menschen auch gefürchtet haben mag und daher eine "Betreuungs- und Vorsorge-Vollmacht" unterschrieben hat. "Wenn ich geistig so verwirrt bin, daß ich nicht mehr weiß, wer ich bin, wo ich bin und Familie und Freunde nicht mehr erkenne", heißt es darin, "dann verlange ich, daß alle medizinischen Maßnahmen unterbleiben, die mich am Sterben hindern." Doch das bleibt letztendlich Theorie.

Ja, ihr Mann habe nie so leben wollen, wie er jetzt lebte. Aber: "Ich glaube nicht, daß er sterben möchte. Es geschieht nichts, was das Leben künstlich verlängern könnte, aber es zu verkürzen, steht uns dennoch nicht zu." Walter Jens freut sich über Schokolade, Kuchen, Spätzle, Auto fahren. Dann wieder ein rapider Verfall, Walter Jens ruft "Hilf mir! Hilf mir doch endlich!" und Inge Jens hofft inständig, "daß er nicht mehr allzu lang so weiterexistieren muß".

Sie sei im Laufe seiner jahrelangen Krankheit sehr vorsichtig geworden mit der Bemerkung "Das ist doch kein Leben mehr", schreibt Inge Jens. "Aber jetzt sage ich es auch ... mit zunehmend weniger schlechtem Gewissen." Und nüchtern notiert sie: "Zu beten hilft eben auch nur dem, der daran glaubt." Walter Jens starb drei Monate nach seinem 90. Geburtstag am 9. Juni 2013 in Tübingen.

Inge Jens: Langsames Entschwinden. Vom Leben mit einem Demenzkranken. Rowohlt Verlag, Reinbek, 160 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-498-03344-6.

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