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Literatur - "Falsche" Utopien: SED-Filmverbote und zerstörte Biografien

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Literatur  

"Falsche" Utopien: SED-Filmverbote und zerstörte Biografien

20.04.2016, 15:11 Uhr | dpa

Literatur - "Falsche" Utopien: SED-Filmverbote und zerstörte Biografien. Das Firmenschild der Deutschen Film AG (DEFA).

Das Firmenschild der Deutschen Film AG (DEFA). Foto: Nestor Bachmann. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Die Drohung des hochrangigen SED-Funktionärs im DEFA-Filmstudio Babelsberg war unmissverständlich: "Wer die Hand gegen die Arbeiterklasse erhebt, dem wird sie abgehauen!".

Es ging bei dieser Veranstaltung Mitte der 60er Jahre um den Film "Spur der Steine" von Frank Beyer, der wie zahlreiche andere DEFA-Filme bis zum Ende der DDR im "Tabu-Tresor" oder "Giftschrank" der "Partei der Arbeiterklasse" verschwand und erst 1990 auf der Berlinale wieder öffentlich zu sehen war. Es war eine der verheerenden Folgen für die Kulturszene der DDR nach dem berüchtigten SED-Plenum Ende 1965, was jetzt in dem faktenreichen mit zum Teil bisher unveröffentlichten Dokumenten erschienenen Band "Verbotene Utopie - Die SED, die DEFA und das 11. Plenum" (Bertz + Fischer, Berlin) spannend nachzulesen ist.

Es ist die bisher wohl umfassendste Dokumentation zu diesem Thema, übrigens auch mit einer Originalton-CD und Netzverweisen auf die im Bundesarchiv per Internet abrufbaren Tondokumente dazu. "Sie dürfen doch nicht denken, daß wir uns als Partei- und Arbeiterfunktionäre weiter von jedem beliebigen Schreiber anspucken lassen, liebe Genossen! Das ist zu Ende, absolut zu Ende", machte der allmächtige SED-Chef Walter Ulbricht deutlich und fügte drohend hinzu: "Wir werden uns mit denjenigen beschäftigen, die das zu einer Spezialität gemacht haben."

Wenn sich Politiker in totalitären Staaten mit Künstlern "beschäftigen" wollen (mit deren Werken sie in ihrer Freizeit meistens wenig am Hut haben), schrillen die Alarmglocken, erinnerte das die damals Betroffenen doch an die ähnlich klingende und bedrohliche Wortwahl der Nazis im Dritten Reich. So klang es auch aus der Stasi-Zentrale in der DDR, die nach dem SED-Kulturplenum "neue Aufgaben" sah, denn "Skeptizismus ist kein Weg, sondern eine Krankheit, die wir ausrotten müssen". Dieses Vokabular erinnerte an das Standardwerk des Romanisten Victor Klemperer über die offizielle Wortwahl im Dritten Reich ("LTI Lingua Tertii Imperii"), die er als "Sprache des Fanatismus" charakterisierte.

Was löste diesen fanatischen Hass der Parteifunktionäre aus, ging es doch "nur" um Literatur, Theater und Filme wie "Das Kaninchen bin ich" von Kurt Maetzig, "Der Frühling braucht Zeit" von Günter Stahnke oder "Wenn du groß bist, lieber Adam" von Egon Günther. Die Künstler sind den Funktionären plötzlich zu "realistisch" und "pessimistisch" (in den 50er Jahren waren sie es zu wenig und zu abstrakt, also für das Volk zu wenig verständlich). Sie säten mit ihrem "Dreck" und "konterrevolutionärem Machwerk" eine "Kultur des Zweifelns" mit einer "primitiven italienischen sozialkritischen Masche", wie der offenbar im italienischen Film-Neorealismus sachkundige Ostberliner SED-Funktionär Konrad Naumann meinte. Die "Kultur des Zweifelns" hatte schon zuvor Konrad Wolfs damals heftig umstrittene Verfilmung des Christa-Wolf-Romans "Der geteilte Himmel" gesät.

Man muss nicht gleich die in dem Buch geäußerte etwas großzügige Auffassung teilen, die "deutsche Nouvelle Vague" habe zuerst bei der DEFA stattgefunden - etwa zeitgleich gab es im Westen des Landes den Aufbruch des "Jungen deutschen Films" mit Alexander Kluge ("Abschied von gestern"), Rainer Werner Fassbinder und anderen. Schlüssiger erscheint die von der Filmpublizistin Regine Sylvester geäußerte Vermutung, damals hätten die DEFA-Filme in der DDR der 60er Jahre etwas verändern können, auch die gesamte Filmgeschichte der DDR. "Heute sind sie interessante Raritäten eines abgeschlossenen Sammelgebiets. Jegliches hat seine Zeit."

Immerhin gibt es die Filme noch (die auch als DVD erhältlich sind), es hatte damals auch Gerüchte gegeben, dass sie vernichtet werden sollen. Es sind Raritäten aus einem untergegangenen Staat mit heute absurd erscheinenden Argumentationen und Szenen, die eher an Kafka erinnern, mit Denunziationen aus den eigenen Reihen und mit ideologischen Grabenkämpfen auch unter den Künstlern selbst.

Diese Art Kommando-Kulturpolitik brauchte auch Handlanger, wie im Buch betont wird. Da ruft ein Kulturminister am 7. Drehtag eines Films den Regisseur (Frank Beyer) zu sich, "um über Buch und Konzeption zu reden". Liedermacher wie Wolf Biermann und Autoren wie Stefan Heym und Heiner Müller werden zu Staatsfeinden erklärt, was ihnen nicht nur Ärger bereitete, sondern auch schmeichelte angesichts der Tatsache, dass ein Staat sie so wichtig nimmt (was manche von ihnen später vermissen werden).

Als Heym ins DDR-Innenministerium zitiert wird, begegnen ihm im Flur drei Männer: "Ein Major links, ein Major rechts, Wolf Biermann in der Mitte." DDR-Künstler im Zentrum der Macht. Szenen eines Staates, der sich auch als Kulturstaat verstand. Keiner kam mehr ins Gefängnis wie in den 50er Jahren noch Erich Loest, Wolfgang Harich und Walter Janka. "Es sind nur ein paar Biografien umgelenkt worden", heißt es in dem Buch mit Understatement-Vokabular. Es gab Berufsverbot, Entlassungen und andere Strafmaßnahmen. Die Staatsmacht "beschäftigte" sich mit den aufmüpfigen Künstlern. Der große alte Mann des DEFA-Kinos, Kurt Maetzig ("Ehe im Schatten"), übt die von ihm verlangte "Selbstkritik" und drückte das mit den "umgelenkten Biografien" in seinen Erinnerungen deutlicher aus: "Man hat mir das Rückgrat gebrochen."

Maetzig war das klassische Beispiel für die paradox-paranoide SED-Kulturpolitik, die gerade jene Künstler vor den Kopf und aus den Reihen stieß, die sich als überzeugte Sozialisten verstanden, oft auch SED-Mitglieder waren und selbst nach dem Mauerbau von 1961 bei der Fahne blieben, aber der trügerischen Hoffnung zum Opfer fielen, nach der Schließung der Grenzen könne man im Lande selbst nun offener und ehrlicher miteinander umgehen. Sie verkannten den Charakter des "Befehlssozialismus" nach dem Motto "Wer Sozialist ist bestimme ich".

Dabei waren die offiziell attackierten Filme in Wahrheit liebevoll-kritische Annäherungsversuche der Künstler an ihren zweiten deutschen Staat als neue Heimat getreu dem Motto "Wer liebt darf kritisieren".

Andreas Kötzing/Ralf Schenk (Herausgeber): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum (DEFA-Stiftung Schriftenreihe). Bertz+Fischer Verlag, Berlin, 544 Seiten, plus Audio-CD, 29,00 Euro, ISBN 978-3-86505-406-7.

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