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Nach dem Krieg: Ein Dorf und seine Besatzer

19.07.2016, 14:18 Uhr | dpa

Berlin (dpa) - Jahrzehntelang war es ein Tabuthema: Nicht nur Russen, sondern auch westliche Besatzungssoldaten haben deutsche Frauen nach Kriegsende massenhaft vergewaltigt.

Die Konstanzer Historikerin Miriam Gebhardt hat diese Verbrechen 2015 in ihrem Aufsehen erregenden Buch "Als die Soldaten kamen" in breitem Stil enthüllt und damit zum 70. Jahrestag des Kriegsendes eine lebhafte Diskussion entfacht. Was Miriam Gebhardt wissenschaftlich untersucht hat, schildert der Journalist Jochen Metzger nun fiktional in seinem Roman "Und doch ist es Heimat".

Auf beeindruckende Weise macht er aus tatsächlichen schockierenden Begebenheiten der französischen Besatzungszeit in einem nordbadischen Dorf eine aufwühlende Geschichte. Faszinierend dabei ist, wie der Autor "große Geschichte" auf den dörflichen Mikrokosmos herunterbricht. Der Leser erfährt - ganz wie die Dorfbewohner - nur sehr wenig von dem, was draußen in der Welt geschieht. Die militärischen Niederlagen, die politischen Entscheidungen, die das Schicksal der Menschen bestimmen, all das bleibt außen vor. Eines Tages ziehen die letzten deutschen Soldaten ab und die französischen Besatzer sind da. Damit ist der Krieg zu Ende.

Aber das eigentliche Unheil beginnt nun erst. Bis dahin folgte das Dorfleben archaischen Regeln - den Gesetzen der Natur, dem Wechsel der Jahreszeiten, alten Traditionen und Ritualen. Die Kirche hat hier ihre Macht noch nicht verloren. Die Bewohner sind gottesfürchtig und fromm. So auch die junge Marie, die wie andere Frauen im Dorf ein grausames Schicksal erleidet: Sie wird von marokkanischen Soldaten brutal vergewaltigt. Marie wird schwanger. Sie, die fromme Frau, meint, eine Frucht des Teufels in sich zu tragen.

Trotz ihrer Skrupel und obwohl es eigentlich streng verboten ist, wendet sie sich an eine Engelmacherin. Sie hat Glück: Sie übersteht die Abtreibung, zumindest physisch. Über die Verheerungen der Seele redet niemand. Auch wird kein Soldat je zur Rechenschaft gezogen. Es gilt das Faustrecht. Als die Soldaten abziehen, scheint das Schlimmste vorbei. Die Menschen atmen auf.

Auch der Kriegsheimkehrer Hans, der einzige Gebildete im Dorf, der fließend Homer zitieren kann, möchte einfach nur wieder seinen normalen Alltag leben. Doch daraus wird nichts, denn plötzlich müssen sich alle Männer im Dorf bei der französischen Kommandantur melden. Sie werden als Kriegsgefangene abgeführt. Die Männer müssen im Elsass Zwangsarbeit leisten - eine Wiedergutmachung für die Verbrechen der Deutschen, die zuvor jahrelang französische Zwangsarbeiter ins "Reich" verschleppt hatten.

Metzger enthält sich jeder einseitigen Schuldzuweisung. Denn auch die Dorfbewohner sind nicht nur Opfer: Eine frühe Szene des Buchs schildert, wie sich eine jüdische Familie das Leben nimmt, weil sie ins KZ geschickt werden soll. Im Dorf gibt es wie überall im Land Opportunisten und scheinheilige Profiteure des NS-Regimes. Und die Franzosen sind keineswegs nur Feinde und brutale Besatzer, bisweilen menschelt es auf angenehme Weise.

Die große Stärke des Romans liegt in der authentischen Schilderung des Dorfes und seiner Bewohner. Er ist hautnah am Menschen geschrieben. Die Porträts - von der zahnlosen Alten bis zu dem Jungen Hermann, der viel zu früh erwachsen wird - sind stimmig und vielschichtig. Man spürt, dass der Autor die Region bestens kennt und mit vielen Zeitzeugen gesprochen hat. Das Buch mit dem leider etwas kitschigen Titel hat auch wegen der durchgehenden Präsensform einen unmittelbaren, stark filmischen Charakter. Man könnte es sich gut als Doku-Drama vorstellen.

Jochen Metzger: Und doch ist es Heimat, Kindler Verlag, Hamburg, 368 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-463-40673-2

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