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Literatur: Die Taschenbücher der 50er Jahre

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Literatur  

Die Taschenbücher der 50er Jahre

13.12.2016, 16:18 Uhr | dpa

Literatur: Die Taschenbücher der 50er Jahre. Cover des Buches "Zwischen Nierentisch und Musiktruhe: Die Taschenbücher der 50er Jahre" von Reinhard Klimmt und Patrick Rössler.

Cover des Buches "Zwischen Nierentisch und Musiktruhe: Die Taschenbücher der 50er Jahre" von Reinhard Klimmt und Patrick Rössler. Foto: Achilla Presse. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Als in der jungen Bundesrepublik Nierentisch und Musiktruhe im meist noch fernsehfreien Wohnzimmer standen und der Petticoat in Mode war, setzte auch das Taschenbuch zum Nachkriegsboom an und revolutionierte die Verlagslandschaft. Es wurde eine verlegerische Erfolgsgeschichte.

Den Anfang machten die rororo-Taschenbücher (Rowohlts Rotationsromane) quasi als Beitrag des Rowohlt-Verlags zum "literarischen Wiederaufbau Deutschlands". Kurt Tucholsky hatte bereits vor dem Krieg gefordert: "Macht die Bücher billiger!".

Ein opulenter, zweiteiliger Bild-Text-Band von zwei leidenschaftlichen Sammlern und Experten (Reinhard Klimmt - dem früheren SPD-Spitzenpolitiker - und Patrick Rössler) ruft jetzt in farbenprächtigen Abbildungen die höchst unterschiedlichen, mal reißerischen und oft künstlerisch anspruchsvollen Werke der damaligen Buchkunstgestalter in Erinnerung ("Reihenweise - Die Taschenbücher der 1950er Jahre und ihre Gestalter", Band 1 und 2, Achilla Presse). Es ist nichts weniger als eine kleine Kultur- und Sittengeschichte der 50er Wiederaufbaujahre im Nachkriegsdeutschland.

Vor allem ist es aber auch eine Geschichte des grafischen Designs und der Buchgestaltung in West- und Ostdeutschland, die die damaligen Künstler aus der Anonymität oder dem Vergessen holt. Dies geschieht mit einer schier unendlichen Zahl von durchweg farbigen Abbildungen der Taschenbuchcover, die bei älteren Lesern Erinnerungen an lesehungrige Jugendjahre wecken. Bei nachgewachsene Lesegenerationen werden sie Erstaunen über die Vielseitigkeit buchkünstlerischer Gestaltung in den 50er Jahren hervorrufen. Ergänzt werden die Abbildungen durch Essays von Experten zu einzelnen Taschenbuchreihen der Verlage neben Rowohlt unter anderem Ullstein, Goldmann, Fischer, List, Heyne oder Aufbau mit ihren Abenteuerromanen, Kinder- und Jugendbüchern sowie anspruchsvoller Weltliteratur oder Wissenschafts- und Sachbuchreihen bis hin zu populären Ratgebern ("Was Männern gut schmeckt").

"Das gute Buch für jedermann" war natürlich ein nicht ganz zutreffender Werbeslogan, waren doch als "Massenware Taschenbuch" auch weniger anspruchsvolle Unterhaltungsromane im verkaufsträchtigen Angebot. Treffender brachten es die List-Bücher auf den Punkt mit ihrem Slogan "Aus der Tasche in die Hand - nicht für Ihren Bücherschrank gedruckt". Und das gab es immerhin für den Preis einer Kinokarte von 1,90 DM, wobei es bald auch ein Wechselspiel zwischen der Kinoleinwand und den Taschenbüchern gab - angefangen von reißerischen Aufmachungen vieler Bücher im Stil kleiner Filmplakate bis hin zu verfilmten Kriminalromanen. Ein berühmtes Beispiel dafür waren die Goldmann-Taschenbücher mit den Edgar-Wallace-Krimis und der legendären Filmreihe vom "Hexer" bis zum "Frosch mit der Maske".

Zu den Ullstein-Klassikern zählten zum Beispiel Erich Maria Remarques Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues" und "Bonjour Tristesse" der Französin Françoise Sagan. Die später berühmten rororo-Tthriller gab es erst ab 1961, unter anderem mit Autoren wie dem Berliner Soziologie-Professor Horst Bosetzky, der zunächst unter dem Pseudonym "-ky" verborgen blieb ("Kein Reihenhaus für Robin Hood", "Einer von uns beiden") und als einer der Erfinder des "Sozio-Krimis" in Deutschland gilt.

Die DDR tat sich, wie es in der Dokumentation heißt, anfangs schwer mit Kriminalromanen trotz des Krimi-Liebhabers Bertolt Brecht, der immerhin 5000 Kriminalromane besaß. Die eher anspruchsvollen bb-Taschenbücher des Aufbau Verlags wurden zur führenden Taschenbuchreihe der DDR neben Reihen anderer Verlage. Da schrieb auch ein bekannter Rechtsanwalt einen Krimi wie "Mord im Grunewald" (der natürlich im "verruchten" West-Berlin liegt), während Conan Doyles Klassiker "Der Hund von Baskerville" als "stark konstruiertes Geschwätz" beinahe der Zensur zum Opfer gefallen wäre.

Ein bemerkenswertes Kapitel der DDR-Taschenbuchgeschichte behandelt die Dokumentation mit den "Panther"- und später "Seven Sea Books" in englischer Sprache für den Auslandsvertrieb, was ein "für die internationale Reputation der DDR wichtiges Projekt" gewesen sei. Mit dabei der später in der DDR geschmähte Stefan Heym.

Bemerkenswert sind in der Dokumentation auch die persönlichen Anmerkungen und Leseerlebnisse von Klimmt und Rössler, wenn zum Beispiel Klimmt Norman Mailers Buch "Die Nackten und die Toten" für seine Generation eine ähnliche antimilitaristische Bedeutung zuschreibt wie Remarques "Im Westen nichts Neues" für die Väter-Generation.

Ein besonderes Verdienst der zweibändigen Dokumentation ist es auch, dass die meisten der heute in Vergessenheit geratenen Buchgestalter wieder in Erinnerung gerufen werden und ihren gebührenden Platz erhalten (damals wurden manche von ihnen nicht einmal im Buch erwähnt). Denn viele Taschenbücher gehörten mit ihren oft kunstvoll gestalteten Covern keineswegs zu "Stiefkindern der Buchkunst".

Markante Beispiele sind Karl Grönings und Gisela Pferdmenges' Cover von Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" mit einem androgyn-sinnlichen Mowgli oder Travens "Totenschiff" mit dem durch ein Bullauge zu sehenden Schiffswrack eines "Seelenverkäufers" und Albert Camus' Roman "Die Pest" mit einer bedrohlich auf den Betrachter zulaufenden schwarzen Pinselschrift vor gelbem Häuserhintergrund. Bilder, die in Erinnerung bleiben oder es wert sind, wieder neuen Lesergenerationen vorgestellt zu werden, als kleine Kunstwerke auf billigen Taschenbüchern und als Zeugnisse einer eigenen Kulturgeschichte des Buches in der deutschen Nachkriegszeit. Hier ist die Gelegenheit dazu.

Reinhard Klimmt und Patrick Rössler: Reihenweise. Die Taschenbücher der 1950er Jahre und ihre Gestalter, Achilla Presse, 2 Bände im Schuber, 544 und 388 Seiten, zusammen 249 Euro. Reinhard Klimmt - Publikationen. Lieferbar durch buechergaertner@t-online.de oder reinhard.klimmt@t-online.de. ISBN 978-3-00-052234-5.

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