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Literatur: Anna Kaminsky über "Frauen in der DDR"

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Anna Kaminsky über "Frauen in der DDR"

20.12.2016, 16:51 Uhr | dpa

Literatur: Anna Kaminsky über "Frauen in der DDR". Das Cover des Buches "Frauen in der DDR" von Anna Kaminsky.

Das Cover des Buches "Frauen in der DDR" von Anna Kaminsky. Foto: Ch. Links Verlag. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Um Kinder und Karriere gleichzeitig haben zu können, müssten Frauen nur "Superwoman" sein: "hervorragend organisiert, jede Minute des Tages ausnutzend, in vielerlei Hinsicht beweisend, dass sie etwas tun können, was wir von einem Mann nie erwarten würden".

Das behauptet jedenfalls die amerikanische Politikwissenschaftlerin Anne-Marie Slaughter in der Frauenzeitschrift "Brigitte" (11/2016). Demzufolge waren die meisten Frauen in der DDR "Superfrauen". Denn sie arbeiteten Vollzeit, kümmerten sich um Haushalt und Familie und engagierten sich auch noch gesellschaftspolitisch. Ein neues Sachbuch beschäftigt sich näher mit dem Leben der Frauen in der DDR.

In ihrem Buch "Frauen in der DDR" möchte Anna Kaminsky der Frage nachgehen, wer "die" ostdeutsche Frau war. Der eigentliche Fokus liegt aber darauf, wie emanzipiert ostdeutsche Frauen wirklich waren. Antworten auf diese Frage bekommt der Leser schon im einleitenden Kapitel, in dem Kaminsky bereits vom Scheitern der Gleichberechtigung spricht und suggestiv fragt: "Genossen sie die Gleichberechtigung oder litten sie unter einem Staat, der ihnen nicht nur vorschrieb, was und wie sie zu arbeiten hatten, sondern sich auch in allen anderen 'Frauenfragen' für zuständig erklärte?"

Die Autorin, selbst in der DDR geboren und aufgewachsen, versucht mit dem Mythos der Gleichberechtigung der Frauen in der DDR aufzuräumen, von dem sie meint, dass er sich unberechtigterweise nach dem Ende der DDR hartnäckig hielt. Doch dass zwischen dem Gebot der Gleichberechtigung, das bereits Teil der ersten Verfassung von 1949 war, und der Lebenswirklichkeit Defizite bestanden, stellte der "Frauenreport '90" schon 1990 fest. Auch die verkürzte, ökonomische Auffassung von Gleichberechtigung in der DDR ist in der Forschung nicht neu. Und natürlich folgt aus einer hohen Erwerbsquote bei Frauen - in der DDR betrug sie 1989 unter Berücksichtigung der in Ausbildung Befindlichen 91,2 Prozent - nicht automatisch eine Gleichstellung. Was hat diese Publikation anderen Untersuchungen also hinzuzufügen?

Anna Kaminsky wage "einen Gesamtblick auf die Situation von Frauen in der DDR, der das politische Leben genauso einschließt wie das berufliche und das private", kündigt der Verlag das Buch an. Doch das Wagnis gelingt nicht, weil sie nicht wissenschaftlich, das heißt unvoreingenommen und sorgfältig arbeitet.

Beim Lesen entsteht der Eindruck einer Zerrissenheit der Autorin, die als Zeitzeugin, als Forschende, aber eben auch als Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die sie seit 2001 ist, schreibt. Diese Zerrissenheit zeigt sich zum Beispiel in Widersprüchen. Auf der einen Seite heißt es "Um Frauen dauerhaft in Arbeit zu bringen, mussten dringend bei Kinderbetreuung und Hausarbeit Erleichterungen geschaffen werden. Bis zum Ende der DDR wurde hierfür jedoch keine zufriedenstellende Lösung gefunden", auf der anderen schreibt sie kurz darauf: "Das später in der DDR erreichte flächendeckende Angebot an Kinderbetreuung stellte vor diesem Erfahrungshintergrund in der Tat einen enormen Fortschritt dar".

Eine gewisse Zwiespältigkeit zeigt sich ebenfalls in ihrem Blick auf die DDR beziehungsweise in ihrer Präsentation der DDR. Wenn sie solch banale Sätze schreibt wie "Männer und Frauen fanden ihre Lebenspartner in der DDR ebenso wie in anderen Ländern: im Sportverein, auf der Arbeit, beim Tanz oder ganz einfach durch Zufall", könnte man meinen, dass es sich bei dem zweiten deutschen Staat um einen fremden Planeten handelte. Doch natürlich kennt auch das Innenleben einer Diktatur viele Facetten, für die sich die Autorin allerdings wenig interessiert.

Vergleiche zieht Kaminsky einseitig nur zugunsten der Bundesrepublik. Zum Beispiel schreibt sie: "Noch im Jahr 1961 waren unter allen Studenten an den Universitäten und Hochschulen der DDR nur 25 Prozent Frauen. Damit lag die DDR, die sich ja die Gleichberechtigung der Frauen auf die Fahnen geschrieben hatte, gleichauf mit der Bundesrepublik, der man so gern eine rückständige Frauenpolitik ankreidete." Doch ist eine Politik, die die Berufstätigkeit der Frau bis 1977 nur mit Zustimmung des Ehemannes erlaubte etwa nicht rückständig?

Sie ist auch nicht auf dem aktuellsten Stand der Forschung, wenn sie behauptet, dass Maxie Wander in ihrem Band "Guten Morgen, du Schöne" "Frauen aus der DDR in ihrem eigenen Erleben zu Wort kommen lässt". Das Buch zog in den 1970er Jahren Leserinnen und Leser in Ost und West in seinen Bann. Doch auch wenn die 19 Frauengeschichten auf Interviews beruhen, ist mittlerweile bekannt, dass Maxie Wander sehr frei mit ihrem Material umgegangen ist. Sie hat es stark bearbeitet, verschiedene Frauen sogar zu einem Porträt vermischt und sich selbst eingebracht. Doch da Anna Kaminsky mit einer gekürzten und umgeschriebenen, von Maxie Wander nicht autorisierten westdeutschen Lizenzausgabe arbeitet, kann sie die literarische Qualität des Buches nicht erkennen und kommt außerdem zu dem falschen Schluss, dass es die ostdeutsche Variante von Alice Schwarzers feministischem Bestseller "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen" sei.

Auch wenn sie viele andere Arbeiten und Statistiken zum Thema heranzieht und zitiert, so legt Kaminsky eben nicht "die erste wissenschaftliche Gesamtdarstellung" vor, wie es in einer Besprechung im Deutschlandfunk hieß. Vielmehr distanzierte sich der Ch. Links Verlag auf der Buchpremiere Mitte November von der Wissenschaftlichkeit des Buches und betonte, dass es bewusst nicht in der Wissenschaftsreihe erschienen sei.

Anna Kaminsky gibt leider kein differenziertes Bild der Frauen in der DDR wieder. Dabei ist sie doch selbst lebendiges Beispiel dafür, dass und wie abweichendes Verhalten im Alltag dieser Diktatur möglich war. Eindrücklich schilderte sie auf ihrer Buchpremiere, wie sie es schaffte, ihren Sohn keinem Kindergarten anvertrauen zu müssen, sondern ihn – was für DDR-Verhältnisse sehr ungewöhnlich war – zu Hause erzog und freiberuflich arbeitete.

Im letzten Kapitel streift Kaminsky die schwierige Situation ostdeutscher Frauen nach 1989 - sie verloren als Erste ihre Arbeitsplätze - und schlägt den Bogen zur Gegenwart. Einerseits lobt sie den rechtlich garantierten Anspruch auf die Betreuung von Kindern im heutigen Deutschland, andererseits präsentiert sie die DDR, in der es das dichteste Netz von Kinderkrippen in Europa gab, als Negativbeispiel staatlicher Regulierung im Bereich Frauen- und Familienpolitik.

Ihr Plädoyer, "zu akzeptieren, dass weder Männer noch Frauen alles gleichzeitig und ohne Einschränkungen und Abstriche haben können. Berufstätigkeit, Kinder, Haushalt, Freizeit und Familienleben", ist höchst unbefriedigend und passt zudem nicht zu ihrer pauschalen Behauptung am Anfang des Buches, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mittlerweile zum modernen Familienbild in der Bundesrepublik gehöre. Es sind diese Widersprüche und Pauschalurteile, die das Buch unglaubwürdig machen. Kaminsky verspielt die Chance, die Lage der Frauen in der DDR, insbesondere den Wandel ihrer gesellschaftlichen Position gerade durch ihre massenhafte Eingliederung in den Arbeitsmarkt und die damit einhergehende ökonomische Unabhängigkeit, genau zu untersuchen.

- Anna Kaminsky: Frauen in der DDR. Ch. Links Verlag, 320 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-86153-913-1

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