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Literatur - Hedwig Pringsheim: Einsam fließen die Tage dahin

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Hedwig Pringsheim: Einsam fließen die Tage dahin

17.01.2017, 15:11 Uhr | dpa

Literatur - Hedwig Pringsheim: Einsam fließen die Tage dahin. "Hedwig Pringsheims Tagebücher".

"Hedwig Pringsheims Tagebücher". Foto: Wallstein Verlag. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - In der "amazing family" (erstaunliche Familie), wie der "Jahrhundertclan" um Thomas Mann im amerikanischen Exil auch genannt wurde, rückt seit einiger Zeit auch Hedwig Pringsheim in den Blickwinkel.

Nach der vielbeachteten Biografie von Inge und Walter Jens über die Mutter von Katia Mann erscheinen ihre Tagebücher in mehreren Bänden. Jetzt ist der fünfte Band aus den Jahren 1911 bis 1916 erschienen, also auch mit den ersten Jahren des Ersten Weltkriegs ("Hedwig Pringsheim: Tagebücher 1911-1916", Wallstein Verlag).

Die Aufzeichnungen können mit den Tagebüchern ihres Schwiegersohnes und späteren Literaturnobelpreisträgers nicht verglichen werden und nehmen auch nicht ihren Rang ein. Sie geben aber doch Einblick in das Familienleben einer großbürgerlichen und begüterten Münchner Familie mit kulturellen Interessen und schildern auch das gesellschaftliche Umfeld der späten Kaiserzeit.

Geboren wurde Hedwig Pringsheim 1855 in Berlin als Tochter der Frauenrechtlerin und Autorin Hedwig Dohm, so dass auch die damalige Reichshauptstadt in den Tagebüchern immer wieder eine Rolle spielt. Das Elternhaus war ein beliebter Treffpunkt als Berliner Künstler- und Intellektuellen-Salon. Thomas Mann las gern im Familienkreis aus den Manuskripten seiner neuen Werke vor (der Sensationserfolg "Buddenbrooks" war bereits Jahre zuvor erschienen), so auch 1911 und 1912 aus dem "Felix Krull" und der "Davos-Novelle", die später "Der Zauberberg" hieß. Die vorgelesenen Kapitel fand Hedwig Pringsheim "vielleicht ein bisschen breit", "aber ausgezeichnet im ganzen".

Vom Schluss der Novelle "Tod in Venedig" war sie enttäuscht - der in den Knaben Tadzio verliebte Schriftsteller stirbt am Lido von Venedig. Der "Zauberberg" war beeinflusst oder sogar initiiert von längeren Aufenthalten Katia Manns, der Ehefrau von Thomas Mann, in dem Schweizer Luftkurort Davos.

Die Tagebücher Hedwig Pringsheims sind in diesen Jahren auch von der Sorge um die Gesundheit ihrer Tochter Katia und dann natürlich auch vom ausbrechenden Ersten Weltkrieg bestimmt, wie die Herausgeberin Cristina Herbst in ihrer ausführlichen und äußerst informativen Einleitung betont. Hedwig Pringsheim begleitet auch ihre Tochter nach Davos. "Die Eltern kümmern sich um die Tochter, nicht der Ehemann", merkt die Herausgeberin an.

Auch im Haushalt sei Thomas Mann anfangs auf die Schwiegermutter angewiesen gewesen. "Sie kümmert sich um die Kinder, um die Garderobe, um das Personal, kurz um alles. Daß Thomas Mann ihr dafür dankbar ist, ist nirgends zu lesen." Auch den Bau des repräsentativen Familiensitzes in München kann sich das junge Paar Katia und Thomas Mann trotz eigener Einkünfte des Schriftstellers nur mit Hilfe von Katias Eltern leisten.

Zur anfänglichen Kriegsbegeisterung ihres "Schwiegertommys" geht die Tochter der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm auf deutliche Distanz. Womit sie sich allerdings nicht nur in der Familie isoliert. Thomas Manns Äußerungen über Politik findet sie "unerträglich" oder "eher peinlich". Auch in Briefen an den Publizisten und schärfsten öffentlichen Wilhelm II.-Kritiker Maximilian Harden, mit dem sie eine Brieffreundschaft über lange Jahre pflegt, findet sie offene Worte. Sie leide "unter dem gehässigen Chauvinismus, der täglich mehr und mehr geschürt wird, unsäglich". Das sei "grauenhaft, beschämend, widerwärtig", schreibt sie und ärgert sich maßlos über "dieses blödwitzige Verkennen der anderen Nationen, dieses pralende, stinkende Eigenlob".

Sie leidet auch darunter, dass sie mit ihrer mangelnden Kriegsbegeisterung allein steht, wie die Herausgeberin betont. So schreibt Hedwig Pringsheim am 12. Januar 1915 an Harden, dem sie offenbar vieles anvertrauen und ihr Herz öffnen kann: "Ein bisschen mehr Ansprache möchte ich haben, gar so einsam fließen meine Tage dahin." Sie vertieft sich immer wieder in die Lektüre von Tolstois Roman "Krieg und Frieden".

Die Tagebucheintragungen in den insgesamt vorgesehenen neun Bänden von 1885 bis 1941 (Band 6 soll im Frühjahr 2017 erscheinen) sind in ihrer Ausführlichkeit nicht durchgehend von größerem Interesse für heutige Leser. Das wird aber mehr als wettgemacht von der Herausgeberin durch die umfangreiche Einleitung (ein eigenes kleines Buch) und die Anhänge mit verschiedenen Dokumenten und Briefen, die nicht nur einen bemerkenswerten Einblick in den "Familienclan" der Manns der frühen Jahre, sondern auch in das gesellschaftliche Leben der späten Kaiserzeit in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts geben.

Hedwig und Alfred Pringsheim starben Anfang der 40er Jahre im Exil in Zürich, nachdem sie gleich nach der Machtergreifung der Nazis 1933 enteignet und aus ihrer Münchner Villa vertrieben worden waren. Sie wurde sofort abgerissen, um Platz für einen NS-Bau zu schaffen.

- Hedwig Pringsheim - Tagebücher Band 5, 1911-1916, herausgegeben und kommentiert von Cristina Herbst, Wallstein Verlag, Göttingen, 827 Seiten, 49,90 Euro, ISBN 978-3-8353-1804-5.

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