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Literatur  

Wie Siegfried Lenz die "Deutschstunde" schrieb

23.01.2017, 13:40 Uhr | dpa

Literatur: Wie Siegfried Lenz die "Deutschstunde" schrieb. Die kommentierte Ausgabe der "Deutschstunde" von Siegfried Lenz.

Die kommentierte Ausgabe der "Deutschstunde" von Siegfried Lenz. Foto: Carsten Rehder. (Quelle: dpa)

Hamburg (dpa) - Fast ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung der "Deutschstunde" (1968) lüftet jetzt eine kommentierte Ausgabe manches Geheimnis über den Entstehungsprozess des großen Nachkriegsromans.

Vier Anläufe brauchte Siegfried Lenz (1926-2014) für den Einstieg, zwei Textpassagen strich er komplett. "Das erste Jahr Arbeit an der 'Deutschstunde' war für Lenz ein Irrweg", sagte Günter Berg, Chef der Siegfried Lenz Stiftung in Hamburg und Herausgeber des kommentierten Bandes, am Montag in Hamburg.

Am Abend sollte die neue Ausgabe in Berlin mit einer Lesung und einem Gespräch mit Berg und dem Germanisten Prof. Heinrich Detering im Berliner Ensemble vorgestellt werden. Der Roman ist vor allem eine Aufarbeitung der Nazi-Zeit und eines Vater-Sohn-Konfliktes. Das Werk wurde in über 20 Sprachen übersetzt und 2,2 Millionen Mal verkauft.

Die "Deutschstunde" ist der zweite Band der "Hamburger Ausgabe der Werke von Siegfried Lenz". Die 25-bändige Werkausgabe soll in den nächsten sechs bis sieben Jahren komplett erscheinen, sagt Berg.

Die ersten Ideen zur "Deutschstunde" keimen 1962. Am 3. Juni 1964 notiert Lenz auf der dänischen Ostseeinsel Insel Alsen, auf der er später noch viele Werke in seinem Ferienhaus schreiben wird: "Die Deutschstunde: ein pädagogischer Roman, die Strafarbeit eines schwer erziehbaren jungen Mannes, der auf Hannöver-Sand, einer Insel in der Elbe, einsitzt. Seit zwei Jahren bedacht und entworfen und der Stau ist so groß, daß ich mich dem Anfang entgegenfreue."

Doch am 1. Juni 1965 macht, wie Berg schreibt, eine Notiz von Lenz deutlich, dass dieser sich ein Jahr mit der Arbeit an dem neuen Roman in die falsche Richtung bewegt hatte und ihm genau zu dieser Zeit die entscheidende Wende gelungen war.

Der Ostpreuße kritisierte selber seinen "idyllischen Exotismus Masurens". "Die zwangsläufige Mündung in die Heimatliteratur hat die Deutschstunde, zumindest in der bisherigen Form scheitern lassen. Einen Winter lang schrieb ich an diesem masurischen Erziehungsroman: zuletzt ertrug ich es selbst nicht mehr (...) was jede Erzählung braucht, das 'epische Wasser' sozusagen, fließt nicht mehr."

Aber dann heißt es: "In der neuen Deutschstunde glaube ich alles gefunden zu haben; an einem glücklichen Abend: bei steifem Nordost, knackendem Öfchen und gutem Rum sassen wir (Anm.: er und seine Frau Lilo) lange und sprachen über dies Buch, und gemeinsam entwarfen wir die neue Erzählung, die sich auf so selbstverständliche Weise ergeben hat: dies Land, dieser Himmel, ein Künstler und die Macht."

Berg fasst seine Nachlassstudien so zusammen: "Lenz wollte ein Jahr lang, vom Herbst 1964 bis zum Sommer 1965, einen vollkommen anderen Roman schreiben. Der hieß zwar auch immer 'Die Deutschstunde', aber worum es dabei gehen sollte, war sehr, sehr eng von der Figurenkonstellation und der Situation noch in Masuren angesiedelt."

Anfangs wollte Lenz seinen jugendlichen Roman-Protagonisten eine Strafarbeit zum Thema "Ein Denkmal, das ich kenne" schreiben lassen. Schließlich muss Siggi Jepsen "Über die Freuden der Pflicht" schreiben. Und da er so viel zu erzählen hat, gibt er zunächst ein leeres Blatt ab. In einer Arrestzelle schreibt er sich dann die Seele frei: Über seinen in der NS-Zeit verblendeten Vater, der als Dorfpolizist an der deutsch-dänischen Grenze ein Malverbot gegen einen befreundeten Künstler durchsetzen will - und dabei noch auf Denunziation durch den Sohn hofft, der bei dem Maler wie zu Hause ist.

Dass Lenz dabei den Maler Emil Nolde, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr ansteht (7. August), im Blick hatte, ist bekannt. Ein Streitpunkt ist bis heute, warum Lenz Nolde wählte und wie sehr er um dessen Anbiederungen an die Nazis wusste. Diese wiederum hatten Noldes Werk dennoch als "entartet" diffamiert.

In dem Kapitel "Der Nolde-Komplex" kommt Berg zu dem Schluss, dass Lenz keineswegs die Biographie Noldes mit seinem Roman habe korrigieren wollen: "Nolde repräsentierte für ihn nicht nur den Konflikt des Malers mit der Macht - Stichwort Malverbot: das war natürlich ganz wichtig -, sondern repräsentierte den rauschhaft arbeitenden kompromisslosen Künstler, der sich nur seinem Werk verpflichtet sieht und irgendwie durch die Gezeiten kommen muss."

Außerdem gibt es nach Ansicht Bergs kaum ein bildnerisches Werk, in dem der Norden so deutlich vorkommt. Und: Nolde war zwölf Jahre auf Alsen und dort quasi ein Vorgänger von Lenz, der später 25 Jahre lang dort Urlaub machte und schrieb. Vielleicht habe auch dies eine Rolle gespielt, sagt Berg. "Lenz hat sich an Nolde abgearbeitet."

Dass der Begriff Pflicht für Lenz große persönliche Bedeutung hatte, ist für Berg sicher. "Ich glaube, Pflicht ist die Vokabel, die der Lenz von früh auf kennengelernt hat. Der Vater war nicht da, die Mutter war oft nicht da, er musste in die Schule, ins Internat, dann als 17-Jähriger in den Krieg. Der stand immer unter der Knute der Pflicht. Das Gefängnis des Siggi war ja sozusagen auch das Schreibgefängnis des Autors, der die Geschichte im Kopf hat - Pflicht war für Lenz zeitlebens eine wichtige Vokabel, nicht als Druck nur, den man von außen bekommt, sondern auch eine Pflicht zu erfüllen, war eine Passion und Mission von Lenz."

Am 10. Februar 1968 setzt Lenz unter das Manuskript den Schlusspunkt: "Finis operis!" (Ende der Arbeit).

Die Rezeptionsgeschichte des Romans zeichnet Berg ebenfalls nach - unter dem Titel "Der Makel der Lesbarkeit". Der viel gelobte Roman ist sofort ein Bestseller, aber allein dies sehen damals manche Kritiker kritisch. Sein Freund Marcel Reich-Ranicki verzichtet wegen der engen Freundschaft auf eine Rezension, führt dafür aber ein großes Interview mit teils provozierenden Fragen. Tenor: Das Buch könne womöglich Zugeständnisse an den Geschmack der breiten Masse machen. Lenz antwortet geduldig, doch sein letzter Satz an Reich-Ranicki wird nicht gedruckt: "Sollte Ihre Frage schließlich darauf hinauslaufen, mich selbst einen spezifischen Makel für mein Buch finden zu lassen, nun, es hat den Makel der Lesbarkeit."

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