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Literatur  

Über den Versuch, ein Fuchs zu sein

07.02.2017, 16:32 Uhr | dpa

Literatur: Über den Versuch, ein Fuchs zu sein. Das Cover des Buchs "Der Geschmack von Laub und Erde" von Charles Foster.

Das Cover des Buchs "Der Geschmack von Laub und Erde" von Charles Foster. Foto: Piper Verlag. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Wenn ein Mann am helllichten Tag unter einem Rhododendronbusch eines Vorgartens kauert, kann es sich wohl nur um einen Obdachlosen handeln.

Das dachte sich jedenfalls ein Londoner Polizist, der den im Unterholz herumlümmelnden Charles Foster wegen "widerrechtlichen" Betretens eines fremden Grundstücks zurechtwies.

Doch auf die Frage, warum er hier einfach so schlief, bekam der Polizist eine mehr als verstörende Antwort: "Ich versuche, ein Fuchs zu sein, ich will wissen, wie es ist, wenn man den ganzen Tag Verkehrslärm hört und nur Knöchel und Waden sieht anstatt die ganzen Menschen."

Wahrscheinlich hielt der Polizist diesen Foster für geistesgestört oder zumindest pervers. Er ermahnte ihn, schnellstens "auf den Boden der Tatsachen" zurückzukommen. Wie hätte der Beamte auch ahnen können, dass er hier Zeuge eines außergewöhnlichen Experiments war, nämlich des Selbstversuchs eines Menschen, sich in ein Tier zu verwandeln? Denn Foster hatte die Wahrheit gesagt: Er wollte tatsächlich mitten im Londoner East End das Leben eines Fuchses führen. Wie sich das anfühlte, beschreibt er in seinem Buch "Der Geschmack von Laub und Erde", das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist.

Der gelernte Tierarzt, Anwalt und Rechtsmediziner hat sich jedoch nicht nur eingehend mit Füchsen beschäftigt, er ist im Laufe seines Lebens auch in die Rolle eines Dachses, Otters, Rothirsches und Mauerseglers geschlüpft. Wie nehmen all diese Tiere ihre Umwelt wahr, welche Sinne gebrauchen sie, welche sind eher unerheblich und ist es überhaupt möglich, als Mensch die gleichen sinnlichen Erfahrungen wie diese Tiere zu machen?

Der Leser verfolgt diesen Selbstversuch mit Bewunderung, Staunen, bisweilen auch mit Ekel. Denn allein das Lesen von Fosters tierischem Speiseplan kostet Überwindung. So wenn er als Dachs Regenwürmer zu sich nimmt oder Abfalltonnen nach Art eines Fuchses nach Speiseresten durchstöbert. Für einen Fuchs mögen die fauligen, schimmeligen Gerüche verheißungsvoll sein - aber für einen Menschen?

Gerade die Nahrungsaufnahme zeigt die Grenzen des Experiments auf: "Die kulinarischen Unwägbarkeiten des Dachsalltags konnte ich nicht nachahmen." Und bisweilen wird auch der hartgesottenste Forscher schwach: "Ganz unten im Rucksack versteckten sich schuldbewusst Sardinen, Thunfisch und Bohnen." Überhaupt Gerüche. Der Mensch ist ein visuelles Wesen, Riechen und Hören sind nur "die Gehilfen des Sehsinns".

Ein Dachs dagegen muss nicht gut sehen können, sein Leben spielt sich zum großen Teil im Dunkeln ab. Um ein Leben als Dachs nachzuahmen, muss der Mensch also seinen Geruchssinn schärfen, um das riechen zu lernen, "was wir so unbeholfen als "Erde" bezeichnen: Laub, Dung, Aas, Behausungen, Regen, Eier und Schrecknisse". Bis zu einem gewissen Grade ist das trainierbar, ebenso wie man sich vielleicht mit einiger Mühe eine Vorstellung davon verschaffen kann, wie ein vorbeifahrendes Kraftfahrzeug auf einen feinhörigen Dachs wirkt, nämlich wie ein brutaler Tsumani.

Aber das Kratzen der Borstenhaare, wenn sich Regenwürmer durch die Erde wühlen, werden wir Menschen trotzdem nie hören können. Dazu fehlen uns einfach ein paar Frequenzen. Und den scharfen Blick eines Mauerseglers, der bei einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern aus dem Flug eine Arbeitsbiene von einer Drohne unterscheiden kann, können wir nur bewundernd beschreiben, aber nicht nachahmen. Gerade das Kapitel über den Mauersegler bleibt deshalb auch sehr abstrakt.

Andere Tiere wie etwa der Hirsch scheinen den Autor selbst nur wenig fasziniert zu haben. Denn Rothirsche sind Opfer, und "Beute zu sein hat nichts Ruhmreiches". Das Buch ist mit erfrischender Selbstironie und britischem Humor geschrieben. Es lehrt uns vor allem eins: Respekt vor Tieren zu haben und von unserem hohen Ross herunterzukommen. Denn auch der Mensch, die angebliche "Krone der Schöpfung", ist ein beschränktes Wesen und "Artengrenzen sind, wenn nicht illusionär, so zumindest vage und manchmal auch durchlässig."

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