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Das Fiasko eines Wissenschaftlers: "Kraft"

28.02.2017, 15:06 Uhr | dpa

Literatur - Das Fiasko eines Wissenschaftlers: "Kraft". Jonas Lüscher liebt offenbar lange, manchmal gewundene Satzkonstruktionen.

Jonas Lüscher liebt offenbar lange, manchmal gewundene Satzkonstruktionen. Foto: Jean-Christophe Bott. (Quelle: dpa)

erlin (dpa) - "Frühling der Barbaren" hieß die kleine, feine Novelle, mit der Jonas Lüscher (40) 2013 für Aufsehen sorgte und in der er die Verwerfungen des Finanzkapitalismus grotesk verdichtete.

Das Werk des damals unbekannten Schweizers entwickelte sich überraschend zum Bestseller und stand sogar auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Nach einem Ausflug in die Wissenschaft hat Lüscher nun sein zweites Werk vorgelegt.

"Kraft" ist die Geschichte eines Tübinger Rhetorikprofessors, dessen Leben sich in einer Sackgasse befindet und der im Silicon Valley den großen Befreiungsschlag versucht. Einmal mehr erweist sich Lüscher in diesem politischen, satirisch zugespitzten Roman als präziser und glasklarer Beobachter unserer Gesellschaft und ihrer Krisensymptome.

Auf den ersten Blick erscheint Richard Kraft sehr erfolgreich, hat er doch als Nachfolger des berühmten Walter Jens auf dem Rhetoriklehrstuhl in Tübingen eine gewisse akademische Reputation erworben. Doch seine Ehe mit Heike steht nach 14 Jahren vor dem Ende, das Verhältnis zu den beiden halbwüchsigen Töchtern ist mehr als unterkühlt. Hinzu kommen finanzielle Probleme: Da Kraft noch seine erste Frau und die Kinder aus dieser Beziehung finanzieren muss, kann er sich die gewünschte Scheidung nicht leisten. Da ereilt ihn ein Wink des Schicksals.

Ein kalifornischer Internet-Mogul lobt eine Million Dollar für einen Essay-Wettbewerb aus. Ganz im Sinne des fortschrittsgläubigen IT-Millionärs muss in dem Vortrag begründet werden, "weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können". Kraft glaubt, das Ganze mit links zu wuppen. In Kalifornien trifft er seinen alten Kumpel István wieder. Mit dem gebürtigen Ungarn verbindet ihn eine lange Geschichte. In den 1980er Jahren waren sie beide glühende Anhänger von Reagan und Thatcher und unterschieden sich somit deutlich vom linken Mainstream an der Uni.

Weltanschauung war für Kraft aber immer nur ein "Mittel der Distinktion". Dumm nur, dass dann der Neoliberalismus zur grassierenden Mode wurde und er somit sein Alleinstellungsmerkmal verlor. Plötzlich machte es keinen Spaß mehr, "das Banner der Freiheit zu schwenken und das Lied von der Privatisierung durch Deregulierung" zu singen. In Wahrheit waren Krafts Ideale nur opportunistische Attitüden.

Auch in der Liebe gab er sich Illusionen hin. Die Bildhauerin Ruth erwählte er wegen ihrer breiten Hüften, eine Verheißung für die von ihm ersehnte Familiengründung. Doch eines Tages verlässt sie ihn Hals über Kopf mit den Kindern. Die Biologin Johanna begeisterte sich mehr für ihre Hefeproben als für seine Ernst-Jünger-Rezitationen. Sie wird er unter bizarren Umständen in Kalifornien wiedertreffen.

Überhaupt Kalifornien. Dort wird Krafts Leben endgültig zur Slapstick-Komödie. Die abgedrehten digitalen Weltverbesserungsutopien der dortigen Hightech-Jünger lassen ihn verwirrt zurück, während er selbst in zunehmender Verzweiflung versucht, aus wild zusammengewürfelten Zitate-Versatzstücken seinen Vortrag zu zimmern, den er am Ende aber als "ausgedachte Hühnerkacke" in die Tonne tritt. Man ahnt: Mit dem Preisgeld wird das nichts. Der Tiefpunkt ist erreicht, als er bei einer Ruderfahrt kentert und sich mit Müh und Not nackt und ohne Handy ans Ufer retten kann - eine traurige, zutiefst lächerliche Erscheinung.

Trotz vieler satirischer und witziger Szenen ist "Kraft", diese Tragikomödie, nicht immer eine leichte Lektüre. Dazu ist der Roman von Thema und Sprache her zu akademisch. Lüscher liebt lange, manchmal gewundene Satzkonstruktionen. Man sollte zudem ein dezidiertes Interesse an Politik mitbringen. Dann kann man den Roman als hellsichtiges Resumée der Geschichte des Kapitalismus und seines Scheiterns genießen. Am Ende steht eine düstere Analyse der Gegenwart mit ihrer unheilvollen Rückkehr des Nationalismus, der "Salonfähigkeit des Rassismus" und der "Legitimation der Ignoranz". Fazit: "Alles ist schlecht."

- Jonas Lüscher: Kraft, C.H. Beck Verlag, München, 237 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-406-70531-1.

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