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Literatur  

Erinnerungen sind nicht fälschungssicher

21.03.2017, 12:14 Uhr | dpa

Literatur: Erinnerungen sind nicht fälschungssicher. Das Cover des Buches "Das trügerische Gedächtnis.

Das Cover des Buches "Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht" von Julia Shaw. Foto: Hanser Verlag. (Quelle: dpa)

München (dpa) - Die Erinnerungen von Zeugen können extrem trügen, das ist schon länger bekannt. Menschen lassen sich sogar dazu bringen, sich an eine eigene Straftat zu erinnern - die sie nie begangen haben.

Gezeigt hat das die Rechtspsychologin Julia Shaw. Sie lehrt und forscht in London, berät Rechtsanwälte, Polizei und Militär und hat nun ein Buch über den aktuellen Stand der Gedächtnisforschung geschrieben. "Das trügerische Gedächtnis" begeistert - und erschüttert. Leser werden ihre Erinnerungen in ganz neuem Licht betrachten.

Erinnerungen bildeten die Grundlage unseres Lebens und unserer Identität. "Sie formen das, was wir erlebt zu haben glauben und wozu wir uns daher auch in Zukunft befähigt glauben", schreibt Shaw. "Aus all diesen Gründen können wir unser Gedächtnis nicht infrage stellen, ohne zugleich zwangsläufig die Fundamente unserer Identität infrage zu stellen." Erinnerungsfehler träfen aber nicht nur Menschen mit Alzheimer oder Hirnverletzungen, sie seien keineswegs die Ausnahme, sondern vielmehr die Norm.

Es gebe auch ständig Erinnerungen, die sich echt anfühlen, aber nicht auf tatsächlichen Ereignissen beruhen, erklärt Shaw. Im Laufe weniger Interviews sei es ihr zum Beispiel gelungen, die Erinnerungen von Versuchspersonen massiv zu verzerren. "Ich habe Menschen schon davon überzeugt, dass sie Straftaten begangen haben, die es nie gegeben hat, dass sie sich eine körperliche Verletzung zugezogen haben, die sie niemals hatten, oder dass sie von einem Hund angefallen wurden, obwohl eine solche Attacke nie stattfand."

Mit psychologischen Tricks ließen sich auch falsche Erinnerungen an die frühesten Babymonate kreieren - etwa zu Kinderbettchen oder Mobiles. Die Probanden beharrten dann steif und fest darauf, dass dies echte Erinnerungen seien. In Wahrheit gebe es keinerlei Erinnerung an die früheste Kindheit - was nicht bedeute, dass Ereignisse während dieser Zeit bedeutungslos seien. In Studien sei mehrfach nachgewiesen, dass belastende Kindheitserfahrungen lebenslang andauernde Folgen haben können.

Beschrieben wird auch, was aus einem Leben voller Erinnerungen am Ende am ehesten übrig bleibt. "Am meisten offenbar Erinnerungen aus der Zeit zwischen 10 und 30 Jahren." Der Gipfel liege in den späten Teenagerjahren - über alle Kulturen hinweg. "Das sind die Erinnerungen, die uns definiert haben. Es sind die Erinnerungen, die uns zu denen gemacht haben, die wir sind." Darum seien es die kostbarsten und die, die am lebhaftesten in Erinnerung bleiben.

Shaw geht auf den Einfluss gedächtnisverändernder Drogen ein und auf Menschen mit Hyperthymesie, einem schier unglaublich guten Erinnerungsvermögen. Diese könnten für jeden einzelnen Tag sagen, was sie gemacht haben. Allerdings gelte das nur für das, was sie selbst erlebt haben - nicht für Dinge, die mit dem eigenen Leben nichts zu tun hatten. Vielleicht sei das Gedächtnis wie eine Videokamera und Menschen mit Hyperthymesie einfach besser darin, die Wiedergabe abzurufen.

Die Expertin betont, dass es keine nützlichen Erinnerungen erzeugt, wenn Babys oder Kleinkinder vor Lernprogramme oder Lernfilme gesetzt werden. Im Gegenteil: "Bei einer Untersuchung der Korrelation zwischen Spracherwerb und Medienkonsum kam heraus, dass die Babys zwischen 8 und 16 Monaten für jede Stunde, die sie täglich mit einem Medium verbrachten, sechs bis acht Wörter weniger kannten." Ähnliches gelte für die vielen Angebote zum Lernen im Schlaf. "Die Einzigen, die von Programmen vom Schlage "Erfolgreich werden im Schlaf" profitieren, sind die Leute, die sie verkaufen."

Beschrieben wird, was für eine immense Rolle fehlerhafte Erinnerungen bei Verurteilungen Unschuldiger spielten - und spielen - und was es mit dem Phänomen der Super-Recognizer auf sich hat, die sich auch nach Jahren noch an nahezu jedes Gesicht erinnern können. Shaw erklärt, dass Erinnerungen an traumatische Ereignisse über die Zeit außerordentlich konsistent bleiben, deutlich stabiler als positive Lebenserfahrungen. Und sie verdeutlicht, wie trügerisch die Erinnerung an Tage mit einschneidenden Ereignissen wie dem Challenger-Unglück oder dem Angriff auf das World Trade Center sind. Befragte Menschen allerdings seien gerade dabei absolut überzeugt, die Dinge genau so erlebt zu haben.

Am Ende schreibt Shaw: "Wenn ich meinen Job gut gemacht habe, sollte Ihnen Ihr Gedächtnis jetzt hoffnungslos störanfällig und unfassbar ungenau vorkommen." Ziel sei gewesen, die Einsicht zu schaffen, dass "wir alle ein bedenklich fehlerhaftes Gedächtnis haben". Das gelingt der Psychologin in der Tat wirklich hervorragend. Viele Anekdoten und Details zu eigenen Arbeiten sind eingefügt. "Das trügerische Gedächtnis" gibt den aktuellen Stand der Forschung ebenso faktentreu wie verständlich und unterhaltsam formuliert wieder.

- Julia Shaw: Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht. Hanser Verlag, München, 304 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-446-44877-3.

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