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Literatur  

Des Gezähmten Eigensinn: "Hagard" von Lukas Bärfuss

23.03.2017, 08:17 Uhr | dpa

Literatur - Des Gezähmten Eigensinn: "Hagard" von Lukas Bärfuss. Lukas Bärfuss' Held leidet am Dasein.

Lukas Bärfuss' Held leidet am Dasein. Foto: Markus Scholz. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Wieder haut einer ab. Philip heißt er. Ihm ist das Dasein zu dröge, und der Zufall bietet ihm einen Ausweg: Er wird zum Stalker.

Lukas Bärfuss' Roman "Hagard" wächst zu einem faszinierenden Wechselspiel von Jäger und Gejagter, von Zähmung und Rebellion heran. Nicht umsonst geht der Romantitel auf die Falknersprache zurück, in der damit wilde Greifvögel gemeint sind, die sich trotz Abrichtung nicht vollständig bändigen lassen.

Am Bellevue, wo Goldküste und Zürich aneinander docken, beginnt der Roman des 45-Jährigen. "Ein ungesunder Atem" hängt über der Stadt, "als würde sich nicht der Frühling, sondern eine fiebrige Krankheit ankündigen", heißt es. Zwischen Feierabend-Waden, Stöckelschuhen und Businessanzügen erblickt der Immobilienmakler Philip - solide durchschnittlich, Ende vierzig, Vater eines Buben - auf dem Trottoir zwei pflaumenblaue Ballerinas. Die Fersen und Fesseln darin gehören einer Frau Mitte 20, namenlos, gesichtslos. Er ist gefangen genommen.

Aus Überdruss an seinem Alltag trifft Philip eine letzte bewusste Entscheidung: Er lässt den anstehenden Termin sausen und geht ihr hinterher - erst zu einem Pelzgeschäft am Bürkliplatz, weiter an den Hauptbahnhof, in den Vorortzug Richtung Agglomeration, dann übers Feld, zu einem Wohnkomplex. Ins Nirgendwo. "Ein Zauber hatte sich seiner bemächtigt." Philip desertiert aus seinem Leben - auch wenn der Leser von diesem abgelegten Kleid nicht allzu viel erfährt.

Mit der Flucht beginnt die Entfremdung von der Welt. Seinem Handy-Akku geht die Power aus. Der Kontakt zur Assistentin und zum Kindermädchen geht verloren. Auto und Geldbörse kommen ihm abhanden, später auch ein Schuh. Während Philip innerhalb von 36 Stunden immer weiter verwahrlost und auf die reine Existenz zurückgeworfen wird, erstrahlt die Unbekannte in immer göttlicherer Pracht: "geblendet jeder, der die Lider nicht senkt".

Die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse lobt, der "kunstvoll konstruierte Psycho-Noir" habe den "atemlosen, seltsam unheimlichen Sog einer Stadt-Odyssee". Tatsächlich füttert Bärfuss diesen Sog mit den Mitteln einer klassischen Novelle: Die Handlung ist straff gebaut, auf das Wesentliche konzentriert, symbolhaft.

Nicht zu übersehen sind Anklänge an Wilhelm Jensens "Gradiva", in der ein Archäologe in ähnlicher Konstellation einer Unbekannten durch die Ruinen von Pompeji hinterher steigt. Sigmund Freud untersuchte 1907, wie bei Jensen Träume zu Wahn und Raserei führen. So dürfte es auch bei "Hagard" interessant sein, sollte Protagonist Philip einmal psychoanalytisch untersucht werden.

Bei Bärfuss gibt es jedoch noch eine zweite Erzählebene: sein Schreiben über das Schreiben. Er lässt seinen Ich-Erzähler heftig mit seinem Protagonisten ringen. Philips Sehnsucht, schreibt er einmal, sei ein "Wechselspiel aus Konformismus und Trotzphase, ein unreifes, kindisches Verhalten, populär in allerlei Schmonzetten". Er nennt sie "halbsüße Romane über Männer im besten Alter".

Fürwahr stellt sich die Frage: Was ist nur los mit diesen Typen? Zuletzt ließen etwa auch Jonas Lüscher ("Kraft") und Peter Stamm ("Weit über das Land") ihre Protagonisten aufstehen und gehen. Anscheinend ist in der heutigen Durcheinanderwelt das Begehren allzu mächtig, zu fliehen und seine Grenzen zu überschreiten - zumindest für Durchschnitts-Männer in der Literatur.

In "Hagard" inspiziert der Ich-Erzähler seine Hauptfigur bei diesem Exodus. Er beobachtet den Beobachter. Sein Stalking-Opfer heißt Philip. Der Blick auf dessen Untergang ist hart, beklemmend. Und fabelhaft zugleich.

Lukas Bärfuss: Hagard. Wallstein Verlag, 174 S., 19,90 Euro, ISBN 978-3-8353-1840-3

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