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Literatur: Ein-Mann-Karneval auf Wanderschaft - Anne Webers "Kirio"

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Literatur  

Ein-Mann-Karneval auf Wanderschaft - Anne Webers "Kirio"

23.03.2017, 08:17 Uhr | dpa

Literatur: Ein-Mann-Karneval auf Wanderschaft - Anne Webers "Kirio". In Anne Webers Roman "Kirio" ist nichts selbstvertändlich.

In Anne Webers Roman "Kirio" ist nichts selbstvertändlich. Foto: Markus Scholz. (Quelle: dpa)

Frankfurt am Main (dpa) - Wer ein Buch aufschlägt, hat viele Vor-Annahmen im Kopf. Etwa, dass dessen Held sich auf zwei Beinen fortbewegt statt Rad schlagend. Im konventionellen Roman darf man auch meist davon ausgehen, dass der Erzähler weiß, wer er ist und wozu es ihn gibt.

Die 1964 in Offenbach geborene und seit 1983 in Paris lebende Autorin Anne Weber mag all diese Standard-Erwartungen nicht einlösen in ihrem Roman "Kirio". Trotzdem ist ihr kurzes, verspieltes Buch eine belebende und irgendwie auch orientierende Lektüre.

Erzählt wird weniger eine Handlung als vielmehr eine Figur, der in Südfrankreich geborene Junge "Kirio", in Szenen seiner Wanderschaft. Kirio ist ein Trickster - eine Sagengestalt, die immer in Bewegung ist und dabei schöpferischen Schabernack treibt. Er spricht mit Tieren, Pflanzen und Gegenständen. Und er verändert durch seine konsequente Andersheit die Welt um sich, wie es auch der sagenhafte Siddhartha oder der heilige Franz von Assisi getan haben sollen.

Zum Beispiel seinen Lateinlehrer, der Kirio in den Pausen auf Händen gehen sieht. Manchmal braucht es keinen blutigen Aufstand, um die herrschende Ordnung auszuhebeln, versteht der Altphilologe: "Wer sich auf den Kopf stellt, stellt im selben Augenblick die Welt auf den Kopf, er befördert, was oben ist, nach unten, und umgekehrt."

Dass Kirio mehr ist als ein Klassenclown, wird an seiner Wirkung auf andere Menschen deutlich. In Paris löst er mit seiner außerweltlichen Flötenmusik im Park spontane Volksfeststimmung aus: "Jeder redete mit jedem, als wären sie alle miteinander groß geworden; ein Kind auf den Schultern tragend oder den Nachbarn im Gespräch am Arm fassend, lachte man sich an. [...] Wenn das Stimmengewirr abklang, fing Kirio wieder zu spielen an."

Der Held, der sein Heldentum nicht ahnt, kann gar den Fall eines Selbstmörders aus dem Fenster verlangsamen oder dem französischen Präsidenten aus dem Umfragetief helfen. Im hessischen Hanau schließlich, wo schon der barocke Schelm "Simplicissimus" sein Unwesen trieb, löst er sich einfach in Luft auf. In der Literatur ist alles möglich, was sagbar ist.

Ein exzentrischer Blondschopf, der Menschen inspiriert und unwissentlich rettet - das könnte auch ein wohlfeiles Erbauungsstück sein. Die Autorin Weber hat ihrem Text allerdings einen geistreichen doppelten Boden eingezogen.

Denn das allwissende Ich, das für die Szenen aus Kirios Leben immer wieder neue Erzähler heranzieht, thematisiert sich laufend selbst. Es lässt den Leser raten, was es eigentlich ist, gibt Hinweise und verwirrt ihn zugleich. Erzählt hier eine Art Gottheit? Oder erzählt das Erzählen selbst? Die Frage "Wer spricht?" ist nur scheinbar einfach.

Zusammen mit dem anarchischen Potenzial Kirios ergibt sich die Aufforderung an den Leser, für die Dauer der Lektüre einmal nichts als selbstverständlich anzusehen. "Ich schaffe eine zweite Wirklichkeit", sagt Weber in einem Interview, "so wie jeder besondere Blick auf die Welt eine eigene Wirklichkeit schafft -, und zwar eine, die meiner Figur und ihren Besonderheiten angemessen ist. Wollen wir doch mal sehen, wer sich am Ende durchsetzt!"

Die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse hat ihre Auswahl diesmal zur Grundsatz-Angelegenheit erklärt. Die Vorsitzende Kristina Maidt-Zinke sieht sich in Zeiten beinahe inflationärer Textproduktion. Die Frage sei: "Was erscheint nicht nur im Augenblick bemerkenswert, sondern hat auch die Chancen, als literarisches Werk zu überleben?" Das Lese-Erlebnis von "Kirio" ist hinreichend grundsätzlich und hinreichend anders, um Chancen darauf zu haben.

Anne Weber: Kirio. S. Fischer, Frankfurt/Main, 224 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-10-397269-6

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