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Literatur - Dichter, Denker oder doch Barbaren: "Was ist deutsch?"

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Literatur  

Dichter, Denker oder doch Barbaren: "Was ist deutsch?"

04.04.2017, 11:26 Uhr | dpa

Literatur - Dichter, Denker oder doch Barbaren: "Was ist deutsch?". "Was ist Deutsch?" Das untersucht Dieter Borchmeyer in seinem Buch.

"Was ist Deutsch?" Das untersucht Dieter Borchmeyer in seinem Buch. Foto: Rowohlt Verlag. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Ist der Deutsche ruhelos und "ständig auf dem Sprung" oder im tiefsten Inneren doch eine romantische Seele und ein "grübelnder Bedenkenträger"?

Gehört er zum vielbeschworenen "Volk der Dichter und Denker", also zum "Volk Goethes und Nietzsches", ist er ein ewiger Romantiker voller Innerlichkeit und dabei gleichzeitig ordnungsliebend, arbeitswütig, sparsam und obrigkeitshörig? Oder gehört er letztendlich als "Nachfahre der Hunnen" doch zu den "barbarischen Stämmen"?

Diese und andere Fragen thematisiert das im wahrsten Sinne des Wortes schwergewichtige, aber auch tiefgründige und doch zum Lesen verführende Buch "Was ist deutsch? Die Suche eine Nation nach sich selbst" des Literaturwissenschaftlers Dieter Borchmeyer.

Es sind über 1000 Seiten Analyse, Geschichtsrückblick, Zitatenschatz (allzu ausufernd), Sympathieversuch und nüchtern-unbequeme Realitätsbeschau eines Volkscharakters, der für viele schwer zu fassen ist und an dem sich Philosophen, Dichter und Politiker schon "abgearbeitet" haben. Für den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert ist die Antwort auf die Frage "Was ist deutsch?" schon die Frage selbst. Aber wenn es nur so einfach wäre. War die Frage schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert virulent, haben die Deutschen erst recht nach der Katastrophe des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs einen fundamentalen Verlust ihres Selbstwertgefühls erfahren, konstatiert Borchmeyer in seinem Buch, das auch als eine fesselnde deutsche Geistes-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte zu lesen ist.

Nazi-Vergleiche sind international schnell (und leichtfertig) zur Hand, wenn es um Kritik an Deutschland geht wie zuletzt aus Griechenland, Polen oder der Türkei. Und die Deutschen selbst treibt nicht erst seit der Flüchtlingskrise die Angst um, dass sich ihr Land nach der wiedergewonnenen Einheit nun wieder grundlegend verändert, auch kulturell. "Deutschland schafft sich ab" formulierte es schon früher provozierend Thilo Sarrazin mit seinem umstrittenen Buch, das wohl nicht von ungefähr zu einem der größten Sachbucherfolge in der Bundesrepublik wurde.

Dabei ist doch "das Deutsche wesenhaft Weltbürgerlichkeit", ein Grundgedanke des modernen deutschen Humanismus von Goethe bis Thomas Mann, wie Borchmeyer hervorhebt - und wie es wohl auf dem Höhepunkt der aktuellen Flüchtlingskrise Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auch mit ihrer Bemerkung meinte, "dann ist das nicht mein Land", wenn man sich für humanitäre Gastfreundschaft auch noch entschuldigen müsse.

Der deutsch-baltische philosophische Schriftsteller Hermann Graf Keyserling, der zeitweise auch in Paris und Berlin lebte, sah 1928 eine Übernationalität des Deutschtums und seiner Kultur, also das Gegenteil einer Engstirnigkeit. Daher sei es "vom Menschheitsstandpunkt sehr viel wichtiger noch als die Erhaltung des Deutschen Reichs", den Geist des klassischen Weimar zu erhalten. Was aber eben auch seine Kehrseite hat. Denn mit einer "Introvertiertheit der Deutschen" und ihren "gelehrten Geistern", diesen "in sich gekehrten Typus", wie ihn Keyserling nennt, ist das so eine Sache.

Thomas Mann meinte 1933, gerade der Wahn, man könne ein "unpolitischer Kulturmensch" sein, diese "bürgerliche-deutsche Selbsttäuschung", habe Deutschlands Elend verschuldet. Überhaupt würden die "Gebildeten Deutschlands" auf dem Gebiet der Theorie lebhaft streiten, "dafür aber ziemlich gern den irdischen Machthabern die ganze Wirklichkeit des Lebens überlassen", die somit von den Intellektuellen nichts zu befürchten hätten, wie die französische Schriftstellerin Madame de Staël 1810 in ihrem berühmt gewordenen Buch "De l'Allemagne" (Über Deutschland) schrieb. Darin beklagte sie auch das Fehlen einer deutschen Konversationskultur. Typisch deutsch sei auch ein zu hoher Respekt vor der Macht und eine Bedenkenträgerei, wenn es darum gehe, handelnd aufzutreten.

Auch für den amerikanischen Historiker schottischer Herkunft (und Fontane-Liebhaber), Gordon A. Craig (1913-2005), hat eine obrigkeitsstaatliche Gehorsamsethik die Deutschen bis weit ins 20. Jahrhundert geprägt. Goethe wiederum waren vor allem die "Aufpasserei und Verbieterei" von allem und jedem im öffentlichen Leben zuwider, worunter vor allem die Kinder zu leiden hätten. Auch das Rauchen und Biertrinken konnte der Weimarer Dichterfürst und Geheimrat nicht leiden: In einigen Generationen werde man "schon sehen, was die Bierbäuche und Schmauchlümmel aus Deutschland gemacht haben". Für Nietzsche war das Bier sogar eine Metapher für eine nationale Verdummung der Deutschen ("Wieviel Bier ist in der deutschen Intelligenz!").

Als Rettung gegen die "Verdummung" pries Richard Wagner dagegen in seinen "Meistersingern von Nürnberg" die "heil'ge deutsche Kunst". Der Hölderlin-Wiederentdecker Norbert von Hellingrath meinte 1915, also mitten im Ersten Weltkrieg (in dem Hellingrath 1916 in Verdun fiel), auch wenn die Deutschen immer wieder als "Barbaren" und "Nachfolger der alten Hunnen" bezeichnet werden, müsse doch das Ausland darauf hingewiesen werden, "daß wir eigentlich im Grunde das Volk Goethes" seien. Wenn auch behaftet mit dem "Faust"-Syndrom, wie Kritiker hinzufügen - dem Streben als Lebensprinzip, genannt auch die "deutsche Unruhe", verdammt dazu, wie eben auch Deutschlands Hauptstadt, "immerzu zu werden".

Aber das kann man auch globaler sehen, wie es der Philosoph und Medientheoretiker Boris Groys im Programmheft zur jüngsten "Faust"-Inszenierung von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne anmerkt: "Der 'Faust' unserer Zeit ist Google."

- Dieter Borchmeyer: Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst. Rowohlt Berlin, 1056 Seiten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-87134-070-3.

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