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Durch die Provinz: "Ab vom Schuss"

25.04.2017, 14:44 Uhr | dpa

Literatur - Durch die Provinz: "Ab vom Schuss". .

Blick ins Scharzatal - Idylle oder Provinz? Foto: Jan-Peter Kasper. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Bad Harzburg hat auch schon mal bessere Zeiten gesehen.

Heute sieht es so aus: "Die Stadt stapelt sich auf den Hang als Freilichtmuseum für Spukhausmodelle in Stein, Holz und Schindel, und mitten in diese in die dunkle Landschaft geronnene Gothic Novel führt die langweiligste aller Fußgängerzonen, "Bummelallee" genannt."

Das Kurbad ist wie der gesamte Westharz ein Wendeverlierer. Denn nach Öffnung der deutsch-deutschen Grenze zog es die wanderlustigen Touristen eher in den Ostharz. Orte wie Braunlage oder eben Bad Harzburg hatten das Nachsehen. In ihnen scheint die "gute alte bundesrepublikanische Zeit" mit eintönigen Fußgängerzonen, trüben Betonklötzen und vor sich hin gammelnden Freizeitparks stehengeblieben zu sein. "Vielleicht können nur Verrückte diesen verzweifelten, dunklen, nebligen Landstrich noch retten", schreibt Andrea Diener in ihrem Buch "Ab vom Schuss".

Ihre Reisen in die "internationale Provinz" führten die Journalistin jedoch nicht nur in vergessene Ecken Deutschlands, sondern auch in die Mongolei und Burundi, weit entfernte Länder, die nicht gerade als Top-Touristendestinationen bekannt sind. "Provinz ist da, wo Landlust aufhört", heißt es. "Das Land ist Sehnsuchtsort, die Provinz nicht."

Doch Provinz ist eben auch ein sehr dehnbarer Begriff, der in jeder Nation anders interpretiert wird. Im riesigen China zum Bespiel ist auch eine Stadt mit einer oder zwei Millionen Einwohnern schon Provinz. Alles ist relativ. Und wie will man in einem weithin leeren Land wie der Mongolei eigentlich Provinz definieren? Der Begriff erscheint also etwas bemüht, um sehr unterschiedliche Reportagen thematisch unter einen Hut zu bringen.

Auch einen gesellschaftspolitischen Debattenbeitrag zum gerade aktuellen Thema Provinz liefert das Buch ausdrücklich nicht. Befinden und Mentalität der Provinzbewohner, manchmal derzeit auch despektierlich die "Abgehängten" genannt, werden höchstens einmal am Rande gestreift. Das Buch bleibt im Wesentlichen auf der Ebene der Reisereportage.

Wenn man nicht mehr als das erwartet, kann man es mit Gewinn lesen. Das gilt ganz besonders für die Kapitel, die sich mit der europäischen Provinz beschäftigen. Allerdings muss man hier auch viel Tristesse ertragen. Zum Beispiel Maribor: Warum um Himmels willen wurde ausgerechnet diese trübselige slowenische Industriestadt mit ihren Sexshops, Handyläden und Matratzen-Discountern 2012 zur europäischen Kulturhauptstadt erkoren? Und hat das überhaupt jemand mitbekommen? "Es gibt hier nichts, was man nur als halbwegs ansehnlich bezeichnen könnte", lautet das vernichtende Urteil der Autorin. Provinz vom Allerfeinsten findet man dagegen am gar nicht so weit entfernten Bleder See, ein Ort von "fast unwirklicher Schönheit", an dem einst schon Staatschef Tito Urlaub machte.

Provinz grotesk bietet das Kapitel "Wenn die Tropen Trauer tragen" über das Freizeitparadies "Tropical Islands" in der Niederlausitz, angeblich eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands. Hier wird die Provinz mit aller Macht auf exotisch und weltläufig getrimmt mittels künstlicher Lagune, Palmen, karibischer Shopping-Boulevards, Bali-Pavillons und Papageiengekrächze vom Tonband. Beim Genuss schlumpfblauer Slushies aus Plastik-Ananas lässt sich die reale Welt draußen, das "brandenburgische Nirgendwo", locker wegbeamen. Doch will man das wirklich?

Es ist leicht, sich über die Provinz lustig zu machen. Manchmal gibt die Autorin dieser Versuchung nach. Oft allerdings sind ihre Berichte von leiser Melancholie durchweht. Und einmal macht sie der Provinz sogar eine Liebeserklärung. Das Schwarzatal in Thüringen war zu DDR-Zeiten ein beliebtes Touristenziel. Jetzt liegt es irgendwie ab vom Schuss, wenige Ausflügler zieht es hierher. Dabei bietet es nicht nur eine wildromantische Landschaft, sondern auch die schmackhaftesten Klöße der Welt. Idylle pur, nicht mehr Provinz, sondern wahre Landlust.

- Andrea Diener: Ab vom Schuss. Reisen in die internationale Provinz, Rowohlt Verlag, Reinbek, 206 Seiten, 14,99 Euro ISBN 978-3-499-63172-6.

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