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Alles andere als heile Welt: Familien in der Nachkriegszeit

31.07.2017, 11:59 Uhr | dpa

Literatur - Alles andere als heile Welt: Familien in der Nachkriegszeit. In seinem anrührenden Buch schildert Huber die Schwierigkeiten des Familienlebens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

In seinem anrührenden Buch schildert Huber die Schwierigkeiten des Familienlebens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Foto: Berlin Verlag. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Es soll ja Menschen geben, die sich nach der heilen Welt der 50er Jahre zurücksehnen. Als es noch klassische Familien gab, die Rollenverteilung noch eindeutig war und man jeden Sonntag brav in die Kirche ging.

Die 50er stehen auch für den Optimismus der Wirtschaftswunderjahre, als es aufwärts ging mit Deutschland und der Glaube an die Zukunft noch grenzenlos war. Das alles ist ja auch nicht falsch, nur blenden solche Sehnsuchtsvorstellungen die vielen Schattenseiten jener Jahre gerne aus.

Die rückt dagegen der Journalist und Historiker Florian Huber in den Vordergrund. Sein Buch "Hinter den Türen warten die Gespenster" ist eine Reise in den verstörenden Familienkosmos der 50er Jahre. Huber zeigt, wie das Drama der Nazizeit und des Krieges noch lange wie ein dunkler Schatten auf vielen deutschen Familien lag und als Hypothek den Neuanfang schwer belastete, ja manchmal sogar unmöglich machte.

Schweigen, Verdrängen und Vertuschen beherrschten den Alltag und sorgten für Entfremdung, Zerrissenheit und Misstrauen unter den Familienmitgliedern. Wie in seinem vielgerühmten Buch "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt" über den Massenselbstmord in einem vorpommerschen Dorf am Ende des Zweiten Weltkriegs greift Huber auch in dem aktuellen Werk wieder auf viele Zeitzeugenberichte zurück.

Vor allem die Nachkriegskinder haben ihre bedrückenden Familienerlebnisse niedergeschrieben. Einige davon sind bekannt, etwa die Erinnerungen von Kindern und Enkeln von NS-Kriegsverbrechern. Interessanter, da typischer sind aber die Allerweltsschicksale, etwa das der Familie Lehmann.

Wilhelm und Hedwig Lehmann lernen sich im Skiurlaub kennen. Sie sind kaum sieben Monate zusammen, da muss Wilhelm an die Front. Was er dort erlebt - die Erschießung von Partisanen - vergräbt er tief in sich. Er wird schwer verletzt, dann folgt auf den Krieg die Gefangenschaft. Alles in allem sind Wilhelm und Hedwig sieben Jahre getrennt. Als sie sich endlich wiedersehen, sind sie einander fremd geworden. Hedwig musste sich all die Jahre allein durchkämpfen und hat dabei an Selbstbewusstsein gewonnen. Wilhelm dagegen ist ein kranker, zerstörter Mann. So werden sie einander zur Enttäuschung. Wilhelm kann Hedwig nicht die ersehnte Stärke und Geborgenheit bieten und ihre Selbständigkeit ist für ihn eine permanente Provokation. Sie entfacht seine Wut.

In gewisser Weise war diese Konstellation typisch. In den langen Kriegsjahren wurde vor allem für die Soldaten draußen die Familie zum idealisierten Sehnsuchtsort. Die Hoffnung auf einen Neubeginn im Kreise der Lieben hielt sie aufrecht. Doch als der Moment dann tatsächlich da war, folgte allzu oft die Enttäuschung. Denn es war nicht möglich, einfach so weiterzumachen, als sei nichts geschehen.

Die Väter kamen als Verlierer zurück, als Männer, "denen alles misslungen war". Plötzlich standen sie da im Flur, "knochig, grau, mürrisch, dünnhäutig". Ihre Kinder erkannten sie nicht mehr, als Männer und Väter hatten die Heimkehrer ihre Autorität verloren und versuchten sie durch soldatisches Gehabe in der Familie wiederzuerlangen. Sie wurden zu "Wutvätern" wie jener ehemalige Offizier Karl Brenner aus Hamburg-Horn, in dem ein "riesiger Vulkan aus Enttäuschung und Verlust" brodelte. Welche Geheimnisse aus der Kriegszeit dahinter standen, erfuhr der Sohn erst Jahrzehnte später.

Huber schildert Szenen, die unter die Haut gehen: Verkrampfte Familienessen, bei denen sich alle anschwiegen, künstlich inszenierte, auf Innerlichkeit getrimmte Weihnachtsfeste, die eine Harmonie vortäuschten, die es gar nicht gab. Gerade in diesen fast filmischen Momenten wird deutlich, dass Huber eigentlich Dokumentarfilmer ist. Sein nah an den Quellen geschriebenes Buch ist bildmächtig wie ein Roman aufgebaut, in dem sich die mit einander verwobenen Lebensgeschichten nach und nach spannungsreich enthüllen. Am Ende fand sich die Wahrheit oft erst Jahrzehnte später in verstaubten Kisten in Kellern und auf Dachböden.

Florian Huber: Hinter den Türen warten die Gespenster. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit, Berlin Verlag, Berlin, 352 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-8270-1331-6

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