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"Das Jahr der Frauen": Sex als Sterbehilfe

26.09.2017, 15:40 Uhr | dpa

Literatur - "Das Jahr der Frauen": Sex als Sterbehilfe. In Christoph Höhtkers Roman "Das Jahr der Frauen" reist ein Selbstmordkandidat auf der Suche nach "qualitativ angemessenen Suizidhilfen" in Form von paarungswilligen Frauen um die Welt.

In Christoph Höhtkers Roman "Das Jahr der Frauen" reist ein Selbstmordkandidat auf der Suche nach "qualitativ angemessenen Suizidhilfen" in Form von paarungswilligen Frauen um die Welt. Foto: -/Weissbooks. (Quelle: dpa)

Frankfurt/Main (dpa) - Frank Stremmer will nicht mehr leben. Seinem Therapeuten schlägt er eine Wette vor: "Ich sage, ich schaffe zwölf Frauen in einem Jahr, Sie halten dagegen. Wenn ich gewinne, darf ich mich anschließend umbringen."

Der Psychotherapeut schlägt zwar nicht ein, aber Stremmer stellt sich dennoch der selbstgestellten Herausforderung. "Das Jahr der Frauen" von Christoph Höhtker, erschienen beim kleinen Frankfurter Weissbooks-Verlag, stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Ein Buch mit einem etwas speziellem Humor und einem kleinen Konstruktionsfehler, das aber durchaus amüsieren kann in seinem abgebrühten Zynismus.  

Stremmer arbeitet in der Public-Relations-Abteilung eines fiktiven Weltrettungs-Konzerns in Genf. Zusammen mit einem schwedischen Kollegen, der im Gegensatz zu Stremmer sein Drogenproblem noch nicht überwunden hat, muss er als Ghostwriter die Autobiografie des Organisationsgründers schreiben. Beide verachten "diesen öligen Drittweltclown" von Herzen und erfinden auf kostspieligen Recherchereisen, was sie denken, dass das Headquater lesen will.

Höhtker ersinnt ein skurriles Panoptikum von Speichelleckern, Arbeitsverweigerern, Karrieristen, Geldeinstreichern und Mobbingopfern ("ein lustiger Einsneunzig-Zellverband ohne Sozialkontakte"). Mit triefendem Geifer zieht der 1967 in Bielefeld geborene Autor über alles und jeden her.

Sobald Stremmer jemandem auch nur flüchtig begegnet, fantasiert sein überdrehtes Gehirn eine Biografie zusammen. "Jeder, wirklich jeder Mensch ist ein Abgrund, in den hineinzustarren mit tatsächlich immer noch Spaß macht", sagt er und stellt fest: Wenn er die Personen später wirklich kennenlernt, stimmt alles bis ins kleinste Detail.

Anders als seinen Job nimmt Stremmer seine Rumkrieg-Aufgabe durchaus ernst. Mit Hilfe von Parship und Tinder gelingen die ersten - fatal verlaufenden - Dates. Eine anfangs bezahlte Erotik-Masseurin muss ebenso dran glauben wie die Sitznachbarin im Flieger und eine Kollegin aus der PR-Abteilung.

Seit er den Pillen abgeschworen hat, ist das Interesse an Frauen das einzige, was seine ermatteten Lebensgeister noch wecken kann. "Es gibt keine Chance auf Glück. Es hat überhaupt keinen Sinn, sich jemand anderem anzunähern", sagt er, und muss doch zugeben: "Trotz aller Müdigkeit, trotz allen Überdrusses hatte ich eine Menge Spaß."

Richtig glaubwürdig ist das nicht, aber durchaus amüsant. Zum Beispiel, wenn sich auf Reisen "das Frauenniveau nach Genfer Maßstäben als katastrophal herausstellt. In Wien konnte man tatsächlich stundenlang durch die Landschaft spazieren, ohne irgendeine qualitativ angemessene Suizidhilfe zu entdecken."

Was anfangs schamhaft an Versagen ausgespart wird, wird mit größeren Erfolgserlebnissen in der Horizontale immer plastischer. Gegen Ende wird das Buch zum Beinahe-Porno. Ob Stremmer am Ende die Wette gewinnt, bleibt offen. Er verschwindet - im Kugelhagel in einem afrikanischen Krisenland hinter einer schönen Frau herrennend - aus dem Blickfeld der Kollegen und der Geschichte.

Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen, Weissbooks, 256 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3863371180

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