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Literatur: Ntailan Lolkokis Plädoyer gegen Genitalverstümmelung

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Ntailan Lolkokis Plädoyer gegen Genitalverstümmelung

14.11.2017, 14:54 Uhr | dpa

Literatur: Ntailan Lolkokis Plädoyer gegen Genitalverstümmelung. Ntailan Lolkoki nennt ihr Buch "Flügel für den Schmetterling".

Ntailan Lolkoki nennt ihr Buch "Flügel für den Schmetterling". Foto: Knaur Verlag. (Quelle: dpa)

München (dpa) - "Mein Körper fühlte sich anders an (...)" Es waren Glückswellen, die ihn durchfluteten - und die allererste Wahrnehmung der jungen Massai-Frau Ntailan Lolkoki, als sie aus der Narkose erwachte.

Kein Wundschmerz konnte die Freude trüben, die sie empfand, als ihr bewusst wurde: Ihr Leben beginnt neu. Hinter ihr lag eine chirurgische Rekonstruktion ihrer Genitalien. Diese wurden ihr verstümmelt, als sie zwölf Jahre alt war.

Bis zur Operation im Berliner Waldfriede-Krankenhaus war es ein langer Weg und ein ebenso langer - vor allem geistiger - Reifeprozess, an dem Ntailan Lolkoki nun möglichst viele Menschen teilhaben lassen möchte. Nicht nur betroffene Frauen, sondern die Gesellschaft im Allgemeinen. "Flügel für den Schmetterling" nannte sie ihr Buch, für das Waris Dirie ("Die Wüstenblume") ein Vorwort schrieb. Das bekannte, aus Somalia stammende Ex-Model hatte ein ähnliches Schicksal wie die Kenianerin Ntailan erlitten und bereits vor Jahren auf das Thema Genitalverstümmelung bei Frauen - Female Genital Mutilation (FGM) - hingewiesen.

Ihr sowie ihrer Stiftung Desert Flower Foundation ist es letztlich auch zu verdanken, dass inzwischen etlichen Frauen geholfen werden konnte. Doch beide - Waris Dirie und Ntailan Lolkoki - wissen: Es ist noch lange nicht genug. Denn die FGM-Praktiken gehen weiter - nicht nur im Kernkontinent Afrika, wo die Aufklärungsrate niedrig ist, Tradition, chauvinistische Männerdominanz, gewisse Mythen, angebliche religiöse Auflagen, (zweifelhafte) Ästhetik oder einfach nur sexuelle Vorlieben von Männern hochgehalten werden.

Zu einer umfassenden Aufklärung gehören neben Ursachenforschung, Methoden und medizinischen Aspekten vor allem die Akzeptanz von Folgeschäden bei Frauen. Und die sind erheblich - körperlich wie auch psychisch. Was das Verständnis erschwert: Letztere sind äußerlich kaum wahrnehmbar.

Wie katastrophal sich eine Verstümmelung auf die Psyche eines Menschen auswirken, ja Leben komplett zerstören kann, schildert Ntailan in ihrem Buch, denn sie gehört zu jenen, die nach der körperlichen Versehrtheit und den damit verbundenen physischen Schmerzen in erster Linie seelisch zugrunde zu gehen drohte. Ihr Leben seit der Verstümmelung bis zur erfolgreichen OP in Berlin war ein einziges Auf und Ab in Grenzbereichen, ja in Todesnähe. Mit der Klitoris hat man nicht nur diesem Mädchen komplett die Fähigkeit für Empfindungen entfernt.

So sehr sich Ntailan auch bemühte, sie war nicht in der Lage zu lieben - und zu leben. Es zerbrach so vieles: nach einer glücklichen Kindheit im Dorf ihres Vaters die Ehe der Eltern, die ganze Familie, ihr Zuhause - und vor allem sie selbst. Ihre Fluchtversuche aus dem Dilemma scheiterten jedes Mal, so wie der Versuch, über eine Ehe mit einem Engländer dem gewohnten Umfeld zu entkommen. Schmerzhaften Sex, vorgetäuschte Orgasmen und Sprachlosigkeit konnte Ntailan nur eine gewisse Zeit ertragen.

Immerhin erweiterte der Aufenthalt in Großbritannien und Deutschland ihren Horizont um einiges. Zeitweilige Höheflüge durch Erfolge im Modelgeschäft ließen ihren Absturz nur umso heftiger werden. Die stets sozial engagierte, inzwischen schon erwachsene Frau versuchte mehrfach einen Neustart, in Europa und immer wieder in Kenia. Doch unweigerlich folgte nach einem Hoch ein Tief - vergleichbar mit den Phasen eines manisch-depressiven Menschen. Glaube, Musik, Malerei, ja die ganze Bandbreite der Kultur halfen Ntailan beim Überleben, bis sie von der Desert Flower Foundation hörte.

Doch bis sie diesen Strohhalm ergreifen konnte, balancierte sie mehrfach am Abgrund. Ihr unstetes Leben, ihre Rastlosigkeit mag dem Leser ihrer Geschichte mitunter absonderlich erscheinen. Doch ist diese Zerrissenheit ebenfalls eine Folge ihres Kindheitstraumas. Hinzu kommt die Mentalität ihrer kenianischen Nomadenvorfahren. Wirklich sesshaft war niemand in Ntailans Familie.

Literarisch mag das Buch kein Knüller sein. Mitreißend und erschütternd ist der Bericht allemal. Und wichtig. Es kann gar nicht oft genug auf das leider auch auf lange Sicht kaum zu lösende Problem der Genitalverstümmelung bei Frauen hingewiesen werden. Dazu braucht es Frauen wie Ntailan Lolkoki und Waris Dirie - und vor allem den Mut, öffentlich alle Hüllen fallen zu lassen, ohne sich bloßzustellen.

- Ntailan Lolkoki: Flügel für den Schmetterling, Knaur Verlag, München, 272 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 978-3- 4267-8860-8.

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