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Literatur: Opulente Hommage an das Berlin der 20er Jahre

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Literatur  

Opulente Hommage an das Berlin der 20er Jahre

12.12.2017, 13:14 Uhr | dpa

Literatur: Opulente Hommage an das Berlin der 20er Jahre. Das Cover des Buches "Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger" von Robert Nippoldt und Boris Pofalla.

Das Cover des Buches "Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger" von Robert Nippoldt und Boris Pofalla. Foto: Taschen Verlag. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Glamour und wilde Nächte unter den heraufziehenden Schatten von Wirtschaftskrise und Naziherrschaft - dafür steht das Berlin der Zwanziger Jahre.

Die Atmosphäre jener Zeit vermittelt ein opulent illustrierter Band des Zeichners und Buchkünstlers Robert Nippoldt: "Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger".

Das großformatige Buch aus dem Taschen-Verlag kommt ohne Fotos aus. Es lebt von den traumhaften Illustrationen Nippoldts im Stil realistischer Comics, die an moderne Graphic Novels erinnern. Es ist eine wunderschöne und originelle Hommage an eine faszinierende Zeit, die dank einer Musik-CD mit Originalaufnahmen zum Gesamtkunstwerk für alle Sinne wird.

Nippoldts ähnlich aufgebautes Buch "Jazz im New York der wilden Zwanziger" war von der Stiftung Buchkunst zum schönsten deutschen Buch 2007 gekürt worden. Sein neues Werk ist nicht nur optisch ein Hingucker, auch die Porträts berühmter Berliner und Gäste der Stadt aus Politik, Showbiz, Film, Wissenschaft, Kunst, Medien, Mode, Sport und Unterwelt überzeugen. Verfasst hat sie der Autor und Kunstkritiker Boris Pofalla.

Die Zwanziger Jahre waren die Zeit, als 40 Theater und 170 Varietés in Berlin Besucher lockten, unter anderem der weltberühmte Wintergarten. Zeitweise gab es ein Speiselokal je 280 Einwohner in Berlin - in New York kam eines auf 433, wie es im Buch heißt. "Aber es waren nicht die vielen Restaurants, die Berlin vor anderen Großstädten auszeichneten, sondern die schon beinahe sprichwörtliche sexuelle Freizügigkeit."

Die Weimarer Republik, deren Hauptstadt Berlin war, taumelte von Krise zu Krise und verstärkte das Gefühl, für den Augenblick leben zu müssen. Zuvor habe der Erste Weltkrieg mit all seinen Entbehrungen die Vergnügungssucht entfacht, schreibt Pofalla. "Alte Moralvorstellungen und Privilegien waren nach dem Krieg mitsamt der Monarchie über Bord des steinernen Vergnügungsdampfers Berlin geflogen, Kokain und Prostitution auf Berliner Straßen wurden so normal wie die Molle mit Korn in der Eckkneipe."

Unzählige Prostituierte habe es gegeben und Dutzende Lokale speziell für schwules Klientel. Für eine Weile habe es so ausgesehen, "als sei die Welt in Berlin eine andere geworden: endlich frei, endlich modern". Nippoldt und Pofalla skizzieren die Entwicklung der Stadt vor dem politischen Hintergrund und vergleichen sie mit anderen Städten wie New York - machen aber auch deutlich, dass ihr Buch kein Geschichtsbuch sein soll, sondern ein Spaziergang, "ein Flanieren durch eine Zeit, die so wenig gestrig wirkt wie keine andere Epoche der deutschen Geschichte".

Mehrer doppelseitige Übersichten bieten Fakten etwa zu Ereignissen in den Zwanzigerjahren wie "100 000 000 Mark für ein Brötchen", "Nobelpreis für Albert Einstein" und "Letzter Pferdeomnibus". Pionierinnen wie Clärenore Stinnes, die im Auto die Welt umrundete, die Kernphysikerin Lise Meitner und Käthe Paulus, erste Berufsluftschifferin Deutschlands, werden vorgestellt - ebenso wie die Huren-Typen Berlins. Auch einen Stadtplan mit den damals berühmtesten Institutionen der Stadt gibt es.

Im Mittelpunkt stehen die mehr als 30 Porträts von Größen der Stadt. Der Revuekönig James Klein und der Kosmopolit Harry Graf Kessler werden vorgestellt, die Diva Josephine Baker, der Reporter Egon Erwin Kisch oder auch das Physikgenie Albert Einstein. Zu jedem Porträt gehört ein Infokasten mit Lebensdaten - den in Berlin verbrachten Jahren sowie der Zahl von Ehen und Kindern unter anderem. Beim Revuekönig Klein ist dort zu lesen, dass er das Busenhonorar erfand und seine Revue-Girls nach Körbchengröße bezahlte, bei der "schwarzen Diva" Baker, dass ihr berühmtes Röckchen aus 16 Plüschbananen bestand.

Hinzu kommen Beschreibungen damaliger Berlin-Wahrzeichen wie des Dajos-Béla-Orchesters, des Hotel Adlon, des Karstadt am Hermannplatz, der Universum-Film AG und des Flughafens Tempelhof. Das Adlon habe nach dem Ende der Monarchie 1918 einen Wandel erfahren: Die Zusammensetzung der Gäste sei aufregender geworden. "Das Haus mit der klassizistischen Fassade wurde zum Spiegelbild der Gesellschaft der Zwanzigerjahre, die so gespalten und dabei so vielfältig war wie nie zuvor."

Erzählt wird, wie sich Varietés und Revue-Theater in heftiger Konkurrenz mit frivolen Anzüglichkeiten, kühlem Glamour, Nackttänzen und Massenszenen zu übertrumpfen suchten. Auch die Kehrseite all des Glanzes wird nicht ausgespart: "Eine weitere, ebenso bedeutende Neuerung des Berliner Straßenlebens ist die Flut der Bettler, die geradezu ins Maßlose ansteigt", wird der Reporter Egon Erwin Kisch aus dem Jahr 1923 - dem Inflationsjahr - zitiert.

Kriegsinvaliden, kleine Kaufleute, Arbeiter - "Vom Bürger zum Bettler war es manchmal nur ein Schicksalsschlag oder eine verlorene Stelle." Das Berlin der Zwanziger war auch ein Berlin dunkler Hinterhöfe, hoher Säuglingssterblichkeit, vielen Elends und immenser Kriminalitätsraten.

Auch das neue Frauenbild - tagsüber berufstätig und abends tanzbereit - war nicht ohne Schattenseiten. In androgynem Chic - frei, sportlich schlank und mit Jungenhaarschnitt - waren vor allem die unterwegs, die es sich leisten konnten. Junge, ledige Angestellte verdienten wenig, Abtreibung war verboten, viele Frauen prostituierten sich aus purer Geldnot und nicht, weil sie ein freizügiges Leben so toll fanden.

Das Buch schließt mit dem Kapitel "Der Untergang". "Im Oktober 1929 endeten mit dem New Yorker Börsencrash die "Goldenen Zwanziger". Amerikanisches Kapital wurde aus Deutschland abgezogen, die Industrieproduktion brach ein und die Arbeitslosenzahlen stiegen dramatisch - auf bis zu 44 Prozent." Im September 1930 wurde die NSDAP zweitstärkste Partei nach der SPD im Reichstag, danach sei es Schlag auf Schlag in Richtung Nazi-Diktatur gegangen.

"Die meisten der in diesem Buch porträtierten Künstler, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und Filmemacher hielt es nach 1933 nicht mehr lange in Berlin, das nun die Hauptstadt des Nazireiches war", heißt es im Buch. "Das Berlin der Weimarer Jahre war bald bloß noch eine ferne Erinnerung - wenn auch eine, die bis heute nachhallt."

Robert Nippoldt und Boris Pofalla: Es wird Nacht im Berlin der wilden Zwanziger, Taschen Verlag, Köln, 228 Seiten, 49,99 Euro, ISBN 978-3-8365-6319-2

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