15.07.2013, 10:07 Uhr | dpa
Berlin (dpa) - Gegen das Klischee vom trinkfesten irischen Fiedel-Folkie musizieren dieses Jahr einige tolle Popbands von der grünen Insel an. Mit Erfolg: Nach dem grandiosen zweiten Album der Villagers aus Dublin überzeugen jetzt auch Bell X1 und O Emperor.
Deutlich länger im Geschäft ist das nach einem Flugzeugtyp benannte Trio BELL X1 aus Celbridge, das schon vor 13 Jahren sein Debüt ablieferte und mit "Flock" (2005) sogar die Spitze der irischen Album-Charts zierte. Danach kamen Frontmann Paul Noonan (Gesang, Gitarre), Dominic Philips (Bass) und Multiinstrumentalist Dave Geraghty vom Kurs ab. Nun aber, mit der leidenschaftlichen, piano-domminierten Popmusik der sechsten Studioplatte "Chop Chop" (Belly Up/Alive), melden sich Bell X1 in Hochform zurück.
Der Opener "Starlings Over Brighton Pier" ist ein Musterbeispiel für einen spannungsgeladenen, grenzüberschreitenden Popsong: Ein repetitives Klaviermotiv zieht sich anfangs durch die sanften Harmonien, das Schlagzeug zischelt jazzig, Noonan singt dazu mit seiner angerauten, melancholischen Stimme, ehe ein majestätischer Bläsersatz mit spitzen Trompetensoli die Vorherrschaft übernimmt. Ein fabelhafter Auftakt, dessen Klasse das Album danach nicht mehr ganz, aber immerhin fast erreicht. Und das will etwas heißen.
"A Thousand Little Downers" lässt Noonans Gesang ins Falsett kippen und die Gitarren dominanter werden. Auch hier und in anderen Liedern von "Chop Chop" erweisen sich Bell X1 unter der Regie der Top-Produzenten Thomas Bartlett und Peter Katis (The National) als Meister dichter, aber nie vollgestopfter Arrangements.
Man hat gelegentlich den Eindruck, dass es für diese versierte Band ein Leichtes gewesen wäre, ein Bombast-Rock-Werk im Stil der Landsleute U2 (mit durchaus reizvollen Erfolgsaussichten) hinzubekommen. Aber Bell X1 hatten zum Glück Anderes im Sinn. Angesichts einer herrlichen Ballade wie "Diorama" oder des hymnischen Closers "The End Is Nigh" müsste nun eher Bono neidisch sein. Und das Trio aus der irischen Provinz wird zwar wohl ein Indie-Geheimtipp bleiben, hat dafür aber eines der schönsten Folkrock-Alben des Jahres 2013 in der Bilanz.
Auch das junge irische Quintett O EMPEROR wählt nicht den bequemen Weg. Nach dem bewundernswert eigenständigen Debüt "Hither Thither", das 2010 für den begehrten Choice-Kritikerpreis nominiert war und bei der verspäteten Veröffentlichung auch in Deutschland auf viel Wohlwollen traf, bündelt die Band nun all ihren Einfallsreichtum und Mut in neun eindrucksvollen Lieder. Mit knapp 30 Minuten ist das Vergnügen zwar kurz, aber was steckt hier nicht alles drin! Und hallo, auch Nick Drakes Meisterwerk "Pink Moon" war ja nicht länger, und wer hätte da etwas vermisst.
Spielzeit ist also relativ bei "Vitreous", das wie der Vorgänger hierzulande vom sympathischen Dresdner Kleinlabel K&F Records herausgebracht wird. O Emperor mischen ähnlich virtuos wie auf dem Debüt psychedelischen Sixties-Pop, feinste Beatles- und Bowie-Harmonien, den noblen Jazz-Pop von Prefab Sprout ("Brainchild", "Soft In The Head"), treibende, teils elektronisch verzerrte Rhythmen und immer wieder ihre Radiohead-Einflüsse. Das Ergebnis ist ein bonbon-buntes, leicht experimentelles Pop-Album auf der Höhe seiner Zeit.
Fazit: Nach dem Erfolg der Villagers, die Anfang des Jahres mit "Awayland" auch in Großbritannien und Deutschland die Album-Charts enterten, legt Irland mit Bell X1 und O Emperor nun gleich doppelt nach. Die grüne Insel hat musikalisch einen Lauf.
Konzerte O Emperor: 30.8. Schaffhausen/Schweiz, 31.8. Dresden, 1.9. Berlin, 3.9. Hamburg, 4.9. Leipzig, 5.9. Hannover.
15.07.2013, 10:07 Uhr | dpa
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