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Musik  

Francesco Tristano: Zwischen Technoclub und Konzertsaal

14.09.2017, 15:02 Uhr | dpa

Musik - Francesco Tristano: Zwischen Technoclub und Konzertsaal. Francesco Tristano überwindet Grenzen.

Francesco Tristano überwindet Grenzen. Foto: Marie Staggat. (Quelle: dpa)

Frankfurt/Main (dpa) - Enge Jeans, klobige Boots, Schweißband am Handgelenk, weit ausgeschnittenes T-Shirt - das sieht nicht gerade nach der typischen Arbeitskleidung eines weltweit gefeierten Klassikpianisten aus. Für Francesco Tristano schon.

Sein lässiger Look, in dem er Konzerte auch komplett am Flügel stehend absolviert, hebt ihn vom Großteil seiner Kollegen ab. Der noch größere Unterschied zu anderen Klassikkünstlern ist aber seine musikalische Bandbreite. Der gebürtige Luxemburger tritt nicht nur in Konzerthäusern auf, sondern auch in Technoclubs.

Der radikale Spagat ist für den Virtuosen selbstverständlich: "Musik ist eine Einladung zum Leben", sagt der Lockenkopf, der mit seiner Familie in Barcelona wohnt, wenn er nicht gerade um die Welt jettet. Er selbst bewegt sich zwischen Johann Sebastian Bach und Carl Craig, zwischen Tasten und Reglern.

Kurz vor seinem 36. Geburtstag ist beim renommierten Label Sony Classical ein Soloalbum mit eigenen Klavierkompositionen erschienen. "Piano Circle Songs" führt vom Rhythmus, der in den letzten Jahren sein vorwiegend elektronisch-musikalisches Wirken bestimmt hat, zurück zur puren Melodie. Musik ist für Tristano kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch: "Wenn ich Bach spiele, dann will ich genauso frei sein wie in meiner eigenen Musik. Ich weiß nicht, was ich lieber mag", sagt er: "Mein Leben ohne Bach wäre sehr schwierig. Ich glaube nicht, dass ich da so viel Spaß hätte."

Die Offenheit wurde ihm schon im Elternhaus vermittelt. Seine Mutter hörte pausenlos laute Musik, Vivaldi, Bach und Wagner so gerne wie Pink Floyd oder Ravi Shankar. Der kleine Francesco saß als Fünfjähriger am Klavier, gab mit 13 sein erstes klassisches Konzert - und war mindestens irritiert, wenn nicht schockiert: "Es waren keine jungen Leute im Publikum." Seit diesem Tag treibe ihn die Frage um, "warum klassische Musik nicht lebendig ist".

Auf die Frage, ob die Klassik noch zu retten sei, hat er noch keine abschließende Antwort gefunden. Er glaube an einen "organischen Erneuerungsprozess": "Ich habe schnell gemerkt, dass viel am Format liegt und daran, wie man klassische Musik präsentiert."

Damit überzeugt er auch in der Musikindustrie: "Francesco Tristano ist ein wahrhaft einzigartiger Künstler, der die Grenzen der musikalischen Genres einreißt", beschreibt Sony Classical-Manager Per Hauber den Neuzugang beim Label. Und das zu einem Zeitpunkt, "wo neue Wege des Musikkonsums seiner Musik ermöglichen werden, sogar noch weiter über musikalische Grenzen hinaus zu gelangen und ein weltweites Publikum zu erreichen."

Auch wenn der Künstler für die Musik und ihre Zukunft brennt, sieht er sich nicht als Missionar: "Ich bin kein Aufklärer, auch kein Erklärer, sondern Musiker." Den Techno entdeckte er in New York, als er die Juilliard School absolvierte. Seither ist es für ihn kein Widerspruch, nachts um 2.00 Uhr in einem angesagten Technoclub auf Ibiza ein Liveset inmitten ausschweifender Raver abzufeuern und am selben Abend in einem Konzerthaus in Mailand Klassik darzubieten. Beides tut er mit großer Intensität. Diese überträgt sich offenbar auch auf Musikerkollegen: "Momente, wie Francesco zu treffen, sind ziemlich selten", sagt der kanadische Musiker Chilly Gonzales, den Tristano zur Mitarbeit am neuen Album eingeladen hatte.

Seine beiden Söhne, zwei und vier Jahre alt - ein dritter wird im Oktober erwartet -, haben nicht nur das Album maßgeblich beeinflusst, das er "eine Hommage an die Kindheit" nennt. Sie sind es auch, die den Rastlosen zum Abbremsen bringen: "Ich sehne mich nach Ruhe und weiß, dass ich dieses Leben nicht ewig so weiter machen kann", sagt er. "Es ist anstrengend! Meine Rettung sind die Kinder. Denen ist es total egal, wo du aufgetreten bist, mit wem - die wollen einfach nur, dass du Zeit mit ihnen verbringst. Das ist mein Reality Check."

Tourdaten: Bonn (16.09.), München (18.09.), Lübeck (19.09.), Frankfurt (24.09.), Köln (21.10.), Hamburg (15.11.), Köln (06.02.2018)

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