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Karl Bartos im Interview

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Interview mit Karl Bartos  

"Elektronik muss erst noch beweisen, was sie ist"

24.03.2016, 16:27 Uhr | t-online.de, mth

Karl Bartos im Interview. Karl Bartos setzt ein zweites Mal auf "Communication". (Quelle: Patrick Beerhorst)

Karl Bartos setzt ein zweites Mal auf "Communication". (Quelle: Patrick Beerhorst)

Zwischen 1975 und 1990 war Karl Bartos Mitglied bei Kraftwerk und zählt damit zur klassischen Besetzung einer der einflussreichsten deutschen Bands der Musikgeschichte. Im Anschluss war er an mehreren Projekten beteiligt und arbeitete unter anderem mit Johnny Marr (The Smiths) und Bernard Sumner (New Order) an deren zweitem Album als Electronic, das 1994 erschien.

2003 folgte Bartos' erstes Soloalbum unter eigenem Namen. Doch die Veröffentlichung von "Communication" stand unter keinem guten Stern. Unruhe in Bartos' Plattenfirma erschwerten die Promotion des Albums. Und die nahezu zeitgleiche Veröffentlichung von "Tour de France", des ersten Kraftwerk-Albums seit 13 Jahren, stahl "Communication" zusätzlich die Show.

Zehn Jahre später veröffentlichte Bartos das von der Kritik gelobte Nachfolge-Album "Off The Record", das auch in den Charts gut funktionierte. Auch dank dieses Erfolgs kommt "Communication" - remastered und mit Bonustrack - erneut auf den Markt und dürfte wesentlich mehr Aufmerksamkeit erregen als bei der verunglückten Erstveröffentlichung. Aus diesem Anlass sprachen wir mit Karl Bartos über das Album, die heutige Kommunikations- und Medienwelt sowie über elektronische Musik.

t-online.de: Was inspirierte dich zu deinem nun noch einmal veröffentlichten Album „Communication“?

Karl Bartos: Kraftwerk hatte 1976 ein Album gemacht, dessen Titel  „Radioaktivität“ diese Mehrdeutigkeit besaß: Einmal das Medium Radio, und einmal die strahlenden Substanzen. Ich fand es damals schade, dass wir kein komplettes Album über das Radio gemacht haben.  Und als dann das Millennium kam – das Internet kam auf, wir schrieben die ersten E-Mails - dachte ich, jetzt ist einfach eine unheimlich gute Gelegenheit,  ein Album über Kommunikation zu positionieren.

„Communication“ befasst sich in diesem Zusammenhang, wie auch die meisten Alben von Kraftwerk, mit Technologie und ihrer Bedeutung für die Menschen; das Nachfolgealbum „Off The Record“ so gut wie gar nicht mehr. Ist diese Geschichte jetzt auserzählt?

Auch „Off The Record“ befasst sich mit dieser Thematik, beispielsweise auf dem Track "Musica ex Machina". Ich bin aber keiner, der nur die Technologie betrachtet.  Auf der einen Seite ist der Mensch, auf der anderen Seite die Maschine. Ich betrachte, was zwischen diesen beiden Elementen vor sich geht. Auf den Songs von „Off The Record“ geht  es darum, wie sich die Inhalte in den Medien verhalten und wie die Medien die Inhalte prägen.

Hast du dafür ein konkretes Beispiel?

Ein Medium ist auch verantwortlich für die Inhalte. Deshalb ist alles, was wir heute im Fernsehen sehen, Unterhaltung. Weil eben Unterhaltung eigentlich das Einzige ist, das im Fernsehen funktioniert. Deshalb wird Politik in Talkshows ebenfalls zur Unterhaltung.

Du hast gerade gesagt, dass alles, was wir über das Fernsehen erfahren, Unterhaltung ist. Auf „Communication“ ist der Song „15 Minutes of Fame“. Der nimmt die Celebrity-Kultur von heute vorweg mit den B-Promi-Events im TV und dem ständigen Bedienen der sozialen Netzwerke. Ist das für dich eine bedenkliche Entwicklung?

Ich sehe das fatalistisch. Der Slogan „15 Minutes of Fame“ stammt von dem Kommunikationstheoretiker  Marshall McLuhan. Andy Warhol hat ihn dann später aufgegriffen. Die Vision damals war, dass das Kunstwerk an sich seine Aura verliert und von der Popularität abgelöst wird. Die Aura, die noch die ersten Filmstars hatten,  wird immer mehr abgelöst von der Trivialität der sogenannten „Promis“. Und viele Menschen werden eben prominent, weil sie Köche sind, oder weil sie mit dem Präsidenten von Amerika geschlafen haben (lacht). Es geht also nicht darum, diese Entwicklung zu verurteilen. Es passiert ja sowieso. Man muss damit zurechtkommen.

Streaming-Portale, mp3-Player: Musik ist heute für jeden allgegenwärtig. Wie siehst du das?

Als damals diese Casting-Shows anfingen, dachte ich, dass die wirklich nicht viel für die Wertschätzung von Musik tun. Die wurden dann vom mp3-File noch überboten. Und die Streaming-Portale, die es heute gibt, die geben der ganzen Sache den Rest (lacht). Musik in den Medien und die Aufzeichnung von Musik, so schön das auch ist, führen vom Wesen der Musik weg. Denn das besteht nicht darin, aufgezeichnet zu werden, sondern in der Kommunikation der Musizierenden untereinander und mit dem Publikum. Deshalb sollte man in Konzerte gehen und Leute erleben, die Musik spielen, sie erklingen lassen; sie beispielsweise mithilfe von Noten wieder zum Leben erwecken.

Degradiert das nicht die Musik, für die du als Musiker stehst?

Musik lässt sich nicht degradieren, weil sie autonom ist, aber ich weiß, was du meinst. In der Tat mache ich elektroakustische Musik, weil mich dieses künstliche Universum schon seit vielen Jahren fasziniert. Aber die Elektronik muss erst noch beweisen, was sie ist. Die gibt es noch nicht lange genug. Deshalb habe ich den Song „Eletronic  Apeman“ geschrieben. Der ist inspiriert von Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, wenn zu Beginn des Films der „elektronische Affenmann“, der Urmensch, den Knochen aufhebt, in die Luft wirft und aus diesem Knochen wird in einer Metapher ein Raumschiff. Wir sind die, die da unten sitzen und diese elektronischen Knochen in die Welt werfen und gar nicht wissen, was sie werden. Ich finde, dass die Nachhaltigkeit der Notenschrift der aufgezeichneten, elektronischen Musik bisher noch überlegen ist. Denn eine Aufnahme von Musik bleibt immer eine Aufnahme. Sie lässt sich zwar immer wieder abspielen, aber sie ist – genau wie ein Film – nicht lebendig.

In einer Kritik zu einem Kraftwerk-Konzert stand, dass diese Musik keine Relevanz mehr für die Gegenwart habe. Wie siehst du das?

Wenn dieses Thema aufkommt, dann zitiere ich immer gerne den Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim, der sagt, dass ein Kunstwerk immer zwei Gesichter habe. Das eine ist der Gegenwart zugewandt, das andere der Unendlichkeit. Deshalb finde ich es einfach kleinlich, wenn Leute Musik danach beurteilen, ob sie jetzt gerade einer Mode entspricht. Es geht mehr darum, dass man sich mit Musik auseinandersetzt und sich nicht von der Mode oder von Kritikern, die meinen, etwas wäre modern, abhängig macht. „Come together right now over me“ von John Lennon: Das ist der Sinn von Musik.

Bist du eigentlich noch informiert, was aktuelle, moderne elektronische Musik angeht?

Was ich vorhin über „modern“ und „Mode“ gesagt habe, das trifft auch hier zu. Ich bin nicht in der Textilindustrie. Die haben das Problem, dass sie zweimal im Jahr den Leuten erklären müssen, was modern ist. Ich höre eigentlich nur noch Musik von Leuten, die ich kenne. Ich bin also nicht darauf aus, nach neuer Musik zu forschen. Wenn mich mein guter Freund Bernhard Sumner anruft und sagt, er habe eine neue Platte gemacht und schickt mir die, dann höre ich sie, weil mich das Leben von Bernhard interessiert. Und weil mich interessiert, wie er Musik definiert und wie er sich mit dem Medium auseinandersetzt.

Liegen schon Pläne für ein nächstes Album in deiner Schublade?

Das Leben ist ein Fluss und meine musikalischen Ideen sammeln sich in meinem Kopf, wie in einem Staudamm. Natürlich muss ich aufpassen, dass ich das alles irgendwann auch in Energie verwandelt. Bei meiner früheren Elektro Combo hat sich die Musik, die sich im Staudamm sammelte, nicht mehr in Energie verwandelt – sie staut sich dort bis heute. Deshalb habe ich vielleicht auch das Gefühl, unsere Arbeit ist unvollendet. In meinem Kopf allerdings schwirrt so einiges herum, und das will unbedingt noch heraus ...     

Das Interview führte Marc Thomé

"Communication" von Karl Bartos erscheint am 25. März.

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