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Emotional: "Der Gisbert" live in Berlin

29.10.2017, 11:03 Uhr | dpa

Musik - Emotional: "Der Gisbert" live in Berlin. Ist live eine Offenbarung: Gisbert zu Knyphausen.

Ist live eine Offenbarung: Gisbert zu Knyphausen. Foto: Maurizio Gambarini. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - "Ich spiele gern lange Konzerte", hatte Gisbert zu Knyphausen vor seinem Live-Comeback angekündigt. Und so kommt es dann auch am Freitagabend in Berlin - bei einem nicht nur sehr langen, sondern auch sehr emotionalen Konzert.

Zweimal hintereinander komplett ausverkauft ist das Lido in Kreuzberg. Auch für viele andere Tournee-Auftritte des lange verschollenen Singer-Songwriters, eines Wahl-Berliners aus einer Weingutsbesitzer-Familie im hessischen Rheingau, gibt es offiziell schon keine Karten mehr. Die Treue der Fans zu dem Mann, den viele nur liebevoll "der Gisbert" oder "unser nettester Adeliger" nennen - sie hat gehalten über all die vielen Jahre, in denen sich Knyphausen weitgehend zurückgezogen hatte.

Nach dem Tod seines Freundes Nils Koppruch kurz nach dem Start des Bandprojekts Kid Kopphausen (2012) wollte er sein Leben neu ordnen, reiste viel und tauchte nur gelegentlich im Hintergrund der deutschen Popszene auf. Jetzt, sieben Jahre nach dem zweiten Soloalbum "Hurra! Hurra! So nicht", ist es soweit. Mit "Das Licht dieser Welt" hat der 38-Jährige eine (herausragende) neue Platte draußen, und er ist wieder bereit für die Bühne.

Das Dutzend "Licht"-Lieder spielt Knyphausen fast komplett, unterstützt von einer fünfköpfigen Band um den Gitarristen, Pianisten und Produzenten Jean-Michel Tourette (Wir sind Helden) sowie Trompeter Martin Wenk (Calexico, Nada Surf). Mit "Niemand" und "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall" setzt er früh zwei gefühlvolle Höhepunkte. Beide Songs stammen noch aus seiner Zusammenarbeit mit Koppruch, dessen Schatten damit auch über dem Konzert-Neustart hängt - aber nicht niederschmetternd schwermütig, eher als Erinnerung voller Dankbarkeit.

Knyphausen hat im Vorfeld der Albumveröffentlichung viel über seine "Schockstarre" nach Koppruchs völlig unerwarteten Herztod mit nur 46 Jahren gesprochen - jetzt hat er sie hinter sich gelassen. Der Sänger streicht sich auf der geschmackvoll ausgeleuchteten Bühne oft durchs Haar, lacht viel und freut sich über die Begeisterung im Lido-Publikum. Sympathisch offen gibt er zu, dass er "sehr aufgeregt" sei. Einen älteren Song muss er nach verdaddeltem Einstieg neu starten ("Hier läuft etwas ganz schön schief..."), lässt sich aber schnell von der Euphoriewelle tragen und verdrängt nach und nach seine Nervosität.

Wunderbar kitschfreie Pop-Poesie mit prächtigen Band-Arrangements hat Knyphausen auf "Das Licht dieser Welt" versammelt, einem der besten deutschen Alben seit langem. Dies ist kein spartanisches Liedermacher-Geklampfe, sondern etwas deutlich Größeres - irgendwo zwischen Element Of Crime, Jochen Distelmeyer/Blumfeld und Niels Frevert.

Im Konzert gelingt es den sechs Musikern erstaunlich gut, den opulenten Album-Sound zu reproduzieren. Das zarte "Dich zu lieben ist einfach", der berührende Titelsong, das federleichte und am Ende doch so traurige "Unter dem hellblauen Himmel", lakonische Alltagsbeobachtungen und schwere Kloß-im-Hals-Kost, zwei englischsprachige Folkrock-Tracks - Knyphausen und seine tolle neue Band spielen diese Stücke, als gäbe es sie schon ewig.

Und obwohl die Zuhörer das neue Album noch gar nicht kennen, bejubeln sie die ungewohnten Lieder ähnlich laut wie das ältere, vertrautere Material. Auch davon gibt es reichlich, etwa das Kid-Kopphausen-Stück "Hier bin ich", das trotzige "Melancholie" vom zweiten Album oder "Sommertag" vom Debüt - teilweise in sehr druckvollen, rockigen Live-Versionen.

Nach gut zwei Stunden mit etlichen Zugaben schickt Gisbert zu Knyphausen seine Fans mit einer freundlichen Rausschmeißer-Geste in die Berliner Nacht. Manche trifft er am Merchandising-Stand wieder, wo sie ihm zum eindrucksvollen Comeback gratulieren und das gerade erst am Freitag erschienene dritte Album kaufen. Der Neustart nach fünfjähriger Karrierepause ist in jeder Hinsicht geglückt.

Weitere Konzerte 2017: 29.10. Hamburg (Uebel & Gefährlich), 30.10. Leipzig (Werk 2), 01.11. Köln (Gloria), 02.11. München (Technikum), 03.11. Zürich (Bogen F), 04.11. Schorndorf (Manufaktur), 05.11. Hannover (Faust).

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