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"Das Halstuch": Vor 50 Jahren fegte ein TV-Krimi die Straßen leer

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Vor 50 Jahren fegte ein TV-Krimi die Straßen leer

03.01.2012, 10:21 Uhr | bas, t-online.de

In den heutigen Zeiten ziehen verrückte Castingshows tausende von Fans magisch an. Ob neue Musikstars gesucht werden, oder der Partner fürs Leben - diese Formate sorgen für Gesprächsstoff. Vor 50 Jahren sah das noch ganz anders aus. Da waren schlichte Krimis noch ein Zuschauer-Magnet und besonders einer sorgte ab 3. Januar 1962 für wahre Hysterie unter den TV-Besitzern: "Das Halstuch" von Francis Durbridge. Weil der ARD-Sechsteiler rund 90 Prozent der Fernsehzuschauer in seinen Bann zog, schrieben Medien vom "Straßenfeger", denn alle blieben zu Hause vor den Fernsehgeräten. Kinos und Volkshochschulen beschwerten sich, dass ihr Publikum ausblieb, wenn die "Halstuch"-Folgen liefen. Mit dem legendären TV-Ereignis verbunden ist zugleich der erste Fernsehskandal der Bundesrepublik: Der Kabarettist Wolfgang Neuss verriet in einer Zeitungsanzeige den Halstuch-Mörder.

Am 3. Januar lief die erste, 40 Minuten lange Folge nach der "Tagesschau" ab 20.20 Uhr. Mit zwei bis drei Tagen Abstand ging es weiter. Damals gab es in den Fernsehgeräten nur ein einziges Programm: das Deutsche Fernsehen der ARD. Erst im März 1963 ging das ZDF auf Sendung, und 1964 startete das erste Dritte Programm eines Senders der ARD. In dieser Frühzeit des deutschen Fernsehens standen erst schätzungsweise drei bis vier Millionen Fernseher in den Wohnstuben der Bundesrepublik. Viele saßen gemeinsam mit Verwandten und Nachbarn vor der schwarz-weißen "Flimmerkiste" und gruselten sich im Schutz der Gruppe etwas weniger.


Der Verleger ist es nicht


"Das Halstuch", eine WDR-Produktion unter der Regie von Hans Quest, spielt in Littleshore, einem kleinen Ort in der Nähe von London. Der gehbehinderte Musiker Edward Collins (Hellmut Lange) wartet vergeblich auf seine Schwester Fay, die zu ihrem Geburtstag zu ihm kommen wollte. Sie ist mit einem Schal erdrosselt worden. Ein Fall für Inspektor Harry Yates (Heinz Drache) und Sergeant Jeffries (Eckard Dux) von Scotland Yard. Marian Hastings (Margot Trooger) hat ihre Freundin Fay Collins noch in Begleitung eines Mannes gesehen. Mit dieser Aussage gerät der Verleger Clifton Morris (Albert Lieven) ins Visier der Ermittler. In der dritten Folge am 7. Januar bekommen die Zuschauer den zweiten Mord des Halstuch-Mörders zu sehen. Die Leiche wird in der Wohnung des Verlegers gefunden. Tatwerkzeug war wieder ein Halstuch. Doch Morris hat ein sicheres Alibi. Später stirbt noch Dinah Winston (Eva Pflug), und eine Erpresserin kommt ins Spiel. Verstrickt in den Fall scheinen der Gutsbesitzer Alistair Goodman (Erwin Linder), der Vikar Nigel Matthews (Horst Tappert), der Maler John Hopedean (Dieter Borsche) und die Tänzerin Kim Marshall (Erika Beer).

Massenhypnose durch TV

Das ganze Land fieberte mit und rätselte, wer wohl der Halstuch-Mörder sein könnte. Das fanden kritische Geister schon bedenklich. Sie verdächtigten das Fernsehen, eine "Massenhypnose" auslösen zu können. Die übersteigerte Erwartung der Zuschauer fand ihren Höhepunkt zur sechsten und letzten Folge, die am 17. Januar gesendet wurde. Darin kommt es in einer einsamen Feldscheune zur großen Konfrontation aller Beteiligten, und der Kriminalfall erfährt eine überraschende Aufklärung. Doch es kam alles ganz anders, denn ein Skandal vermieste den Krimi-Fans die ganze Spannung.

Spielverderber der Nation


Am Tag vor der Ausstrahlung der letzten Folge vom "Halstuch"-Krimi erschien eine Zeitungsanzeige mit Werbung für den Kinofilm "Genosse Münchhausen": "Ratschlag für morgen: Nicht zu Hause bleiben, denn was soll's: Der Halstuch-Mörder ist Dieter Borsche. Also: Mittwochabend ins Kino. Ein Kinofan (Genosse Münchhausen)." Dahinter steckte der Schauspieler und Kabarettist Wolfgang Neuss. Die Entrüstung über den "Spielverderber der Nation" war groß. Die Presse veröffentlichte Leserbriefe, es kam sogar zu Morddrohungen, und die "Bild"-Zeitung bezeichnete Neuss als "Vaterlandsverräter". Seinen Kinofilm wollte danach kaum jemand sehen.

Mütter haben immer recht

Wolfgang Neuss hatte nach einem Bericht des SWR am 16. Januar 1962 fünf Anrufe von Reportern bekommen, die Prominenten-Tipps auf den Halstuch-Mörder sammelten. Neuss sei davon genervt gewesen, hieß es. "Er rief seine Mutter an und fragte sie 'Wer ist der Halstuchmörder?'", berichtete der Südwestrundfunk Jahrzehnte später. "Und Frau Neuss wusste: 'Es ist Dieter Borsche.'" Danach habe Neuss im Berliner Boulevardblatt "Der Abend" das Großinserat aufgegeben. Neuss sagte später angeblich, er habe den Mörder selbst nur erraten. Genauer will es der SWR erfahren haben: "Woher wusste Neuss' Mutter eigentlich, dass Dieter Borsche der Halstuch-Mörder war? Nun ja, das war so: Die Fußpflegerin von Mutter Neuss behandelte zufällig auch die Gattin von Dieter Borsche. Und die hatte es ihr verraten."

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