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"Tatort: Wacht am Rhein": Heute Kölner Wutbürger auf Abwegen

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"Tatort: Wacht am Rhein" wird düster  

Kölner Wutbürger auf Abwegen

15.01.2017, 10:11 Uhr | Maria M. Held, t-online.de

Tatort: Wacht am Rhein. (Screenshot: Bit Projects)
"Tatort: Wacht am Rhein" wird düster

Bei einem Überfall auf eine Zoohandlung wird der Sohn des Ladenbesitzers erschossen. Wenig später entdeckt Bürgerwehr-Mitglied Adil Faras einen jungen Mann, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem unbekannten Täter hat. Kurzerhand nimmt er das Gesetz selbst in die Hand und foltert den Mann in seinem Keller. Doch hat er wirklich den richtigen? Der Tatort „Wacht am Rhein“ bezieht sich auf die Kölner Silvesternacht 2015/2016. Die Bürger sind verunsichert, gründen Bürgerwehren, doch rassistisch will niemand sein. Für die Kommissare Ballauf und Schenk ein schwieriger Fall, denn ihr Hauptverdächtiger ist eben nicht der im Keller gefesselte Baz Barek. Eine Krimi zwischen Lynchjustiz, Angst und der Aufarbeitung der Vorkommnisse am Kölner Hauptbahnhof. Wer Lust auf einen gesellschaftlich relevanten Film hat, sollte unbedingt einschalten. Für alle anderen wird es Sonntagabend ein eher ermüdender Wochenabschluss.

"Tatort: Wacht am Rhein" wird düster


Wieder gibt ein deutsches Lied dem "Tatort" seinen Titel und wieder dreht sich die Handlung um Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit - der "Tatort: Wacht am Rhein" bietet thematisch ein Déjà-vu mit dem Frankfurter "Tatort: Land in dieser Zeit"  aus der Woche zuvor.

Die schlechte Nachricht für alle Freunde des deutschen Volksliedes: Diesmal wird im "Tatort" nicht gesungen, trotz des Titels. Es wird auch kein bisschen lustig, sondern schwermütig, düster und sehr hässlich mit Hetzjagd, Selbstjustiz und Folter.

Der vieldeutige Titel passt perfekt

Der Titel ist perfekt: "Wacht am Rhein", dieses urdeutsche Lied, eine Art Nationalhymne des wilhelminischen Reichs, gibt der "Tatort"-Episode den Titel und der Kölner Bürgerwehr ihren Namen. Die handelt getreu dem Motto des Refrains: "Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein!". Kaum mehr gebräuchlich ist die Redewendung um jemandem eine eindringliche Warnung auszusprechen, doch genau hier würde sie zutreffen.

Darum geht es

Der Bezug zur Kölner Silvesternacht vor einem Jahr ist klar. In einem Kölner Stadtviertel hat sich die selbst ernannte Bürgerwehr "Wacht am Rhein" gegründet. Sie sagen Sätze wie "das ist nicht mehr mein Zuhause", "fremd im eigenen Land" oder "Ich trau mich nicht mehr mit den Kindern auf die Straße".

Auch der Ladenbesitzer Adil Faras (Asad Schwarz) und die junge Mutter Nina Schmitz (Nadja Bobyleva) haben sich ihr angeschlossen und gehen nun auf Patrouille, um für mehr Sicherheit in den Straßen zu sorgen. Dann wird beim Überfall auf eine Zoohandlung durch einen vermummten Räuber der Sohn des Inhabers Peter Deisböck (Paul Herwig) erschossen. Ein tragisches Unglück, das ein anderes nach sich zieht.

Für die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) ist der gebürtige Nordafrikaner Khalid Hamidi (Samy Abdel Fattah) dringend tatverdächtig. Zeugen haben beobachtet, wie er vom Tatort geflüchtet war. Die echte Kölner Polizei würde ihn wohl als "Nafri" bezeichnen.

Wutbürger, Populismus und Propaganda

Dieter Gottschalk (Sylvester Groth) nutzt die aufgeheizte Situation für seine Interessen: Der Anführer der Bürgerwehr "Wacht am Rhein" ruft die Nachbarschaft zur Mahnwache für das Mordopfer auf. Sein Schlachtruf: "Bis hierher und nicht weiter!" Rassismus will er sich dabei nicht unterstellen lassen. In der aufgeheizten Stimmung geht beinahe unter, dass bei der Polizei ein Student vermisst gemeldet wird: Baz Barek (Omar El- Saeidi) war in der Mordnacht auf dem Heimweg durchs Viertel. Auch auf ihn könnte die Täterbeschreibung passen.

Der heiterste Moment

Verpassen Sie den musikalischen Gag nicht - ungefähr in der 16. Minute! Ein Mann, der in jedem Tatort seit 40 Jahren eine wichtige Rolle spielt, ist das erste Mal zu sehen: Klaus Doldinger, der Komponist der "Tatort"-Titelmelodie tritt als Straßenmusiker auf. Als die Kommissare zufällig an ihm vorbeigehen spielt er auf dem Saxofon eine stark abgewandelte Version davon. Die Kommissare rätseln: "Sag mal war das nicht?" -  "Nein!" - "Nee, das kann ja gar nicht." - "Oder?"

Bester Schauspieler

Ebenfalls kein Unbekannter: Sylvester Groth. Bis 2015 war er der Magdeburger Kommissar Jochen Drexler im "Polizeiruf 110" und zuvor einige "Tatort"-Rollen. Diesmal spielt er die dominante Figur des wichtigtuerischen Bürgerwehranführers Dieter Gottschalk. Ein grandioser Unsympath.

Lohnt sich das Einschalten?

Köln hat viel aufzuarbeiten, das merkt man dieser Folge an. Man muss aufmerksam den Dialogen der Kommissre zuhören und zuschauen, es gibt keine wirkliche Identifikationsfigur, aber viele Typen: Den linken Gutmenschen, den rechten Populisten, den kriminellen Ausländer, den gut integrierten Gastarbeiter, die besorgte deutsche Mami, die frustrierten Spießer, stellenweise stark überzeichnet. Aber vor allem gibt es viele Opfer. Wer gesellschaftlichen Disput im TV-Krimi sucht, ist hier richtig.

"Das Herz wird vergiftet"

Regisseur Sebastian Ko sagt über diesen "Tatort": "Tatsächlich stehen wir momentan auf wankendem Boden. Sicher ist nur eines: Die Angst. Die Anschläge in Paris, die Silvesternacht 2015 in Köln, die Attentate in Nizza und Brüssel, flüchtende Menschen in Richtung Europa, der so genannte IS, die Überforderung der Polizei, eine stetig steigende Einbruchsrate. All das wird in einen Topf geworfen, durchgerührt, kräftig gewürzt mit Irrationalem und Vorurteilen, mit Halbwissen und Halbverstandenem. Wer diese giftige Suppe isst, dessen Herz wird vergiftet." Das alles ist im Drehbuch verarbeitet. "Die 'Wacht am Rhein' erzählt davon. Zwar wird hier nur ein Stadtviertel, ein Mikrokosmos, kontaminiert - aber dieses Stadtviertel könnte überall sein."

Realer Hintergrund

Die Polizei meldet in den letzten Monaten eine verstärkte Nachfrage nach Waffenscheinen. Auch so genannte "Bürgerwehren" wurden im zurückliegenden Jahr vielerorts gegründet, besonders nach den Ereignissen der Silvesternacht 2015 in Köln. Solche nachbarlichen Zusammenschlüsse von Bürgern sind nicht verboten. Allerdings dürfen Bürgerwehren sich nicht bewaffnen, dann würde aus einem nachbarlichen Zusammenschluss eine verbotene bewaffnete Gruppe. Auch das Durchsuchen von Personen oder die Feststellung ihrer Identität sind nicht erlaubt, das ist Aufgabe der Polizei.

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