"Auge um Auge" - der Tatort-Check

"Denn wer sich versichert, hat ausgekichert"

12.11.2017, 20:08 Uhr | von Verena Maria Dittrich

Ein Mitarbeiter eines Versicherungskonzerns in Dresden wird erschossen. Am helllichten Tag, zur Weihnachtszeit. (Screenshot: MDR)

Mord in einer Versicherungsfirma. Ein Abteilungsleiter wird am helllichten Tag in seinem Büro getötet. Von einem Scharfschützen! Ist der Täter ein geprellter Kunde, der sich hintergangen fühlt?

Der Plot:

Heiko Gebhardt (Alexander Schubert) ist ein Widerling. Als Abteilungsleiter bei der Versicherung ALVA wird er von seinen Kollegen gefürchtet und von Kunden, die einen Schadensfall zu beklagen haben, verachtet. Für Gebhardt zählt einzig und allein der Profit. Ein Versicherungsmann, wie er im Buche steht, der Anti-"Herr Kaiser" sozusagen. "Ihm war alles egal, deswegen ist er Chef geworden", sagt eine Kollegin. Verständlich, dass die Liste der Verdächtigen, die ein Motiv hätten, diesem Schweinepriester den Garaus zu machen, nicht grade kurz ist.

Die Dresdner Kommissarinnen Sieland (Alwara Höfels) und Gorniak (Karin Hanczewski) waten bei ihren Ermittlungen durch einen Sumpf bürokratischer Unmenschlichkeit. Auf der einen Seite: Intrigante Kollegen, die sich spinnefeind sind und ihr täglich Brot in einer Arbeitswelt verdienen, in der Menschenleben der Quartalsbilanz untergeordnet werden, auf der anderen Seite: Leute, die sich auf den Schutz der ALVA verlassen haben und nun vor den Scherben ihrer Existenz stehen.

Versicherungs-Business "as usual". Unweigerlich fällt dem Zuschauer Ottos Persiflage auf eine berühmte Versicherungswerbung ein: "Denn wer sich Arroganz versichert, der hat völlig ausgekichert, denn bei der Arroganz beginnt vom ersten Augenblick, das Bündnis mit dem Strick!"

Abteilungsleiter Heiko Gebhardt (Alexander Schubert) wurde von einem Scharfschützen eleminiert. Ob er wohl eine Lebensversicherung hatte?

Die Kommissare:

Das noch recht junge Dresdner Ermittlerteam hat in "Auge um Auge" diverse persönliche Differenzen zu bewältigen. Zum einen steht Sielands Beziehungsleben auf der Kippe, zum anderen treiben sie Schnabels latente Rassismus-Bemerkungen allmählich zur Weißglut.

Die Inszenierung:

Der vierte Fall der Dresdner weiß zu überzeugen. Hier und da haben sich ein paar platte Attitüden eingeschlichen (als Beispiel muss wohl der von Arnd Klawitter dargestellte Versicherungsmann und Tatverdächtige Rainer Ellgast herhalten), die Geschichte aber ist authentisch und wirkt über weite Strecken wie aus einem Guss.

Regisseurin Franziska Meletzky, die von der "Frage nach Gerechtigkeit und Rache, gerade im Zusammenhang mit einer Behörde" fasziniert ist, hat mit "Auge um Auge" ihrer Heimat Sachsen einen soliden "Tatort" geschenkt, der seine Geschichte kurzweilig verpackt.

Versicherungsmann und Tatverdächtiger Ellgast (Arnd Klawitter) lacht sehr gern. Doch das bleibt ihm schon bald im Halse stecken.

Beste Szenen:

Kommissariatsleiter Schnabel vermisst seinen alten Computer, der durch einen neueren ersetzt wurde. Mit Nachdruck fordert er von Kriminaltechniker Mommsen (Leon Ullrich) die sofortige Korrektur dieses unleidlichen Fauxpas, doch leider ist das Gerät schon für die Flüchtlingshilfe "zweckentfremdet" worden. Schnabel rastet aus: "Wir sind hier nicht bei der Caritas, das ist in erster Linie eine Dienststelle, die funktionieren muss".

Das Fazit:

7 von 10 Punkten. "Auge um Auge" stellt die richtigen Fragen. Das Versicherungsland Deutschland wird auf den Prüfstand gestellt. Welchen Nutzen hat der Versicherte von einem System, das immer mehr dem Profit als dem zahlenden Geschädigten dient?

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