Ab hier bitte nur Trash

GNTM-Mädchen sollen jetzt auch noch Charakter haben

Eine Kolumne von Janna Specken

09.02.2018, 20:44 Uhr

GNTM: 50 junge Frauen wollen Deutschlands nächstes Topmodel werden.

Heidi Klum sucht mit "Editorial Photoshoots" und "Knock-Outs" wieder hübsche Meedchen, die "Competition" können, kurvig dünn sind und ein bisschen Charakter haben. Leistungsgesellschaft ahoi!

Die neue Staffel von GNTM ist diesmal tatsächlich anders. Noch vor Ausstrahlung der ersten Folge war die Aufregung wieder groß, denn man fragt sich – wie schon seit 13 langen Jahren –, welche Botschaft Heidi und ihr Team da in die große weite Welt hinausschreien und welche Konsequenz die hat. Denn: Fleißige Meinungsforschungsinstitute haben ermittelt, dass 74 Prozent der Befragten finden, die Modelshow vermittele ein falsches Schönheitsideal. Lieber also erst gar nicht einschalten in die Horrorshow?

Die Juroren bei GNTM haben einen kritischen Blick.

So einfach ist es nicht!

Medienexpertin Heidi Klum hat ja längst bemerkt, dass sie und ihre strenge Magerpolitik nicht gut ankommen. Also durften beim aktuellen Casting auch Frauen teilnehmen, die etwas mehr auf den Rippen haben, oder wie es neudeutsch heißt: Frauen, die "curvy" sind. Bei anderen Kriterien schaffen es die Modefuzzis aber noch immer nicht über ihren Schatten zu springen, wenn es zum Beispiel um das Alter geht. 

Alter vor Schönheit

So entsteht beim ersten Casting ein einprägsamer Dialog zwischen Michael Michalsky (Juror bei GNTM und Designer) und Kandidatin Melissa: 

Er: Wer bist du?
Sie: Ich bin Melissa.
Er: Wie alt bist du?
Sie: 26!
Er: ... ... ... ... ... ... Gut! (In Gedanken vermutlich: Frechheit! Die Nächste, bitte!)

Was fällt der denn auch ein? In ihrem Alter ... Die eingestampften Werte und Normen können aber auch für manche Vorteile bringen. "Ich bin Trixie und ich komme aus Paris", stellt sich Trixie aus Paris vor, der Modehauptstadt Nummer eins. Reaktion von Michael: "Woooooooooooooooooooow!!" Manchmal reicht das ja einfach schon. Aus anderen Gesprächen wird man manchmal nicht schlau. "Ich bin 22", sagt eine nicht näher vorgestellte Modelanwärterin. "Das sieht man dir aber nicht an", antwortet Juror Thomas. Hä? Zu jung, zu alt? Warum kann sie nicht einfach auch aus Paris kommen, dann wäre alles viel einfacher. 

Klaudia mit K: Das Nachwuchsmodel hat Chancen auf das Dschungelcamp.

"Das war katastrophisch"

Bei Kandidatin Klaudia scheint dagegen alles zu passen: Sie ist jung, sie ist leicht verrückt, dünn und sie hat sogar ein wenig Charakter. "Ich möchte nicht bereuen, dass ich nicht das gemacht habe, was ich mag", sagt sie und benimmt sich auch so. Zum ersten Casting kommt Klaudia ohne Hose, weil alle anderen ja schon in Hose kommen. Gemeinsam mit drei anderen hochgewachsenen Models in spe läuft sie den berühmten Catwalk entlang. "Das war katastrophisch", findet Michalsky. Aber Klaudia mit K und ohne Hose gefällt ihm trotzdem, weil sie ins Team "Diversity" (deutsch: Vielfalt) passt. Was ihm an Klaudia gefällt: "Du hast Charakter, das find' ich immer super." Hat die ein Glück.

Zu vielfältig darf das Mädchen an sich dann aber auch nicht sein. Eine junge Frau wird eingeblendet, mit einem Kugelschreiber hat sie sich eine Art Tattoo gezaubert: "Auf meine Hand schreibe ich mir immer 'Fame' (deutsch: Ruhm), das erinnert mich daran, an meine Ziele zu glauben." Offenbar stimmt das Gesamtpaket bei ihr nicht, sie ward von da an nie wieder gesehen. 

Das hat man dann davon

Die 50 schönsten, oder eben vielfältigsten Kandidatinnen dürfen mit den Klumschen Kumpanen in die Karibik fliegen und sich dort erneut beweisen. Vor den Augen der Modelmama posen und tosen die Möchtegernmodels, so gut sie es im heimischen Wohnzimmer gewissenhaft geübt haben. Heidi stellt übrigens schon am Anfang der Show im Bikini, sexy posierend klar, wer hier die wahre Schönste von allen ist: sie selbst. Als sie dann unter der karibischen Hitze ihre Models schwitzen lässt, zeigt sich das Ausmaß der unglaublich lockeren GNTM-Politik. Das hat man dann also davon: Da will man nicht mehr diesem falschen Schönheitsideal entsprechen und sich der Normalbevölkerung anpassen und dann sind die auch noch unfähig zu erkennen, dass hier zukünftige Models am Werk sind.

Thomas Hayo, Heidi Klum und Michael Michalsky: Die Jury hat knallharte Anfroderungen.

Gemeine Touristen stürmen nämlich plötzlich die Dreharbeiten. Pirschen sich erst im Hintergrund an, halten ihre dem echten Schönheitsideal entsprechenden Dickbäuche und ihre in Badelatschen gesteckte Sockenfüße in die Kamera. Für eine Strandabsperrung hat es bei ProSieben offensichtlich nicht gereicht und so muss man mit dem Übel der anwesenden Karibikurlauber leben. Warum sie dann nicht einfach doch zu Komparsen mutieren lassen und ihnen eine Stimme geben: "Was drehen sie denn da?", fragt eine Frau, deren Gesicht unkenntlich gemacht wurde. Heidi sagt ihren Standardtext mit Piepsstimme: "Germany's Next Topmodel." "Nein, dreht ihr nicht", sagt die Frau. Die lässt sich doch nicht für doof verkaufen, so viele charakterbelastete Curvy-Mädchen gehören doch nicht in eine Topmodelsendung.

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