Wirtschaft
WAHL2013/ Börse wünscht sich Schwarz-Gelb - Eurokrise aber wichtiger14.09.2013, 10:02 Uhr | dpa-AFX
FRANKFURT (dpa-AFX Broker) - "Keine Experimente" - So lautet anscheinend der Wunsch vieler Anleger an die neue Bundesregierung. "Besonders positiv werten es die Investoren, wenn in Deutschland alles beim Alten bleibt und die bestehende Regierungskoalition aus CDU und FDP nach der Wahl weiter regiert", sagt Yoni Assia, Gründer des sozialen Investment-Netzwerkes Etoro. Laut einer Umfrage unter dessen Nutzern erwarten sie mehrheitlich einen Anstieg des Dax <DAX.ETR>, wenn Schwarz-Gelb siegen sollte. Analysten hingegen beurteilen die Auswirkungen der Wahl zurückhaltender; ihrer Meinung nach dürfte lediglich ein überraschender Sieg von Rot-Grün den Leitindex stärker bewegen - und zwar nach unten. Aber auch in dem Fall erwarten die Experten keine starken Kursausschläge - zumal nach der Wahl die Eurokrise wieder stärker in Fokus rücken dürfte.
Die Absage der Anleger an grundlegende Veränderungen erinnert an den Bundestagswahlkampf 1957: Seinerzeit hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) vor dem Untergang Deutschlands gewarnt, wenn die SPD gewinnt. So weit wollen die Analysten heute nicht gehen, zumal die Politiker derzeit auf dem Feld der Wirtschaftspolitik sehr stark ergebnisorientiert vorgingen, wie Analyst Joachim Schallmayer von der Dekabank schrieb. Er erinnerte daran, dass mit der Agenda 2010 eine sozialdemokratisch geführte Regierung mit einem pragmatischen Regierungsstil große Reformen umgesetzt habe - deren Früchte an den Aktienmärkten dann gleichwohl die wieder unionsgeführte Nachfolgeregierung erntete.
Dennoch ist unter den Anlegern der Wunsch nach der Bewahrung des Altbekannten deutlich spürbar. Ein Grund dafür sind sicherlich die üblichen Reflexe, wenn die Sprache auf die Steuerpolitik kommt. So sieht es zum Beispiel Analyst Carsten Klude von der Privatbank M.M. Warburg: "Grob zusammengefasst stellen CDU/CSU und FDP lediglich geringfügige Steuererhöhungen oder sogar Steuersenkungen in Aussicht, während die SPD und die Grünen besonders 'höhere Einkommen und Reiche' stärker besteuern wollen." Deshalb wäre aus Aktienmarktsicht die schlechteste Kombination eine rot-grüne Koalition, da durch die zu erwartende Steuerpolitik die Gewinne der Unternehmen belastet werden könnten.
Aus Sicht von Analysten dürfte aber unabhängig vom Ausgang der Wahl bald wieder die Eurokrise die Debatte bestimmen. "Die Wahl in Deutschland wird auf jeden Fall dazu beitragen, dass die relative Ruhe bei kontroversen Themen in Europa, bei denen Deutschland aktuell eher in Deckung geht, ein Ende haben wird", sagte etwa Tristan Cooper von der Fondsgesellschaft Fidelity. "Ein erster Lackmustest wird das nächste Treffen der Eurogruppe am 14. Oktober werden." Portugal und Griechenland stünden dort prominent auf der Agenda - und man dürfe gespannt sein, welche Haltung Deutschland nach der Wahl in Bezug auf die Unterstützung der Peripherieländer einnimmt.
Allerdings glaubt die Mehrzahl der Experten, dass die Sachzwänge nach der Wahl so groß sein werden, dass keine grundlegenden Veränderungen in der Europapolitik zu erwarten sind. Deshalb drohten auch keine Verwerfungen an den Aktienmärkten. Eine SPD geführte Regierung könnte zwar etwas mehr Mitgefühl für die in Not geratenen Länder Europas zeigen, schätzt Tristan Cooper von der Fondsgesellschaft Fidelity. Der öffentliche Druck in Deutschland sei aber hoch, die Lasten aus der Eurokrise so gering wie möglich zu halten.
Analyst Graham Secker von der US-Investmentbank Morgan Stanley rechnet bei einem Wahlsieg von Rot-Grün mit steigenden Aktienmärkten - allerdings in den europäischen Peripherieländern, die seit Jahren unter der Staatsschuldenkrise leiden. Grund dafür sei die Hoffnung auf eine Fiskalunion, bei der die Euro-Staaten einen Teil ihrer finanzpolitischen Souveränität aufgeben und angeschlagene Länder unterstützen würden. Der deutsche Aktienmarkt aber würde sich in diesem Fall unterdurchschnittlich entwickeln - da SPD und Grüne die Steuern erhöhen sowie eine "sozialistischere Politik" betreiben würden. Das weckt dann fast schon wieder Erinnerungen an die scharfen Wahlauseinandersetzungen aus der Zeit des Kalten Krieges./la/ag/zb/stb
--- Von Lutz Alexander, dpa-AFX ---
14.09.2013, 10:02 Uhr | dpa-AFX
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