
27.06.2012, 17:21 Uhr | Financial Times Deutschland, Financial Times Deutschland
Im Märchen lässt sich Stroh zu Gold spinnen - so weit sind Landwirte und Ingenieure nicht, aber doch auf dem Weg dorthin: Biogasproduzenten entdecken den Rohstoff Stroh als neue Energiequelle.
Die gelben Strohhalme, die nach der Getreideernte auf dem Feld übrig bleiben, sind wertvoll geworden. Der Ausbau der Biomassenutzung soll nachhaltig erfolgen, daher wächst das Interesse für den einstigen Reststoff. "Stroh hat das Potenzial, ein wichtiger Energieträger zu sein", sagt Andreas Schütte, Geschäftsführer der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe. Sie ist Projektträger des Bundeslandwirtschaftsministeriums und setzt bei der Energieversorgung ihrer Gebäude in Mecklenburg selbst auf Stroh.
Jährlich fallen in Deutschland rund 30 Millionen Tonnen Stroh an. Knapp fünf Millionen Tonnen werden für die Einstreu in Ställen benötigt. Ein weiterer Teil muss auf dem Acker bleiben, um neuen Humus zu bilden. Nach Berechnungen der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft (TLL) bleiben rund 11,3 Millionen Tonnen ungenutzten Getreidestrohs übrig, die zur Energiegewinnung verwendet werden könnten. Damit ließe sich so viel Energie gewinnen, dass die Hälfte der bislang dafür eingesetzten Holzmenge ersetzt werden könnte.
Bisher wird Stroh jedoch nur in verhältnismäßig geringem Umfang in kleineren Heizungsanlagen verfeuert. Die Nutzung von Stroh als Brennstoff ist nicht ganz einfach und wird durch gesetzliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen begrenzt, sagt Thomas Hering von der TLL. Das hat zur Folge, dass die Investitionskosten steigen und die Betriebskosten, vor allem für Emissionsüberwachung und Wartung, höher sind als bei Holzfeuerungen oder Öl- und Gasheizungen. Probleme bereitet vor allem der bei der Verbrennung von Stroh entstehende Staub, der aus hohen Chlorgehalten durch die Düngung der Pflanze resultiert. Deshalb sind in Deutschland nur schätzungsweise wenige hundert Anlagen in Betrieb.
Vorreiter bei der Energiegewinnung aus Stroh ist Dänemark. Hier sind etwa 70 Prozent der europäischen Leistung aus Strohheizkraftwerken installiert. Möglich wurde das durch Förderprogramme und moderate Emissionsbestimmungen. Rund 24 Prozent des Strohs werden hier zur Energiegewinnung genutzt.
Das erste große Strohheizkraftwerk in Deutschland wird gerade in einer Stärkefabrik in Emlichheim an der niederländischen Grenze gebaut. Die Fabrik verarbeitet jährlich eine Million Tonnen Kartoffeln zu Stärke. Das Verfahren zur Stärkegewinnung ist sehr energieintensiv. 75.000 Tonnen Stroh im Jahr wird das Bioenergiekraftwerk im Jahr verbrauchen, schätzt Geschäftsführer Rainer Knieper: "80 Prozent des Strohs sollen aus einem Umkreis von 50 Kilometern kommen." Die Landwirte als Strohlieferanten wurden im vergangenen Jahr als Gesellschafter des Kraftwerks aufgenommen. Ein weiteres Strohheizkraftwerk ist in Nordrhein-Westfalen in der Planung.
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Stroh lässt sich jedoch nicht nur verheizen, sondern auch in einer Biogasanlage vergären. Dabei können ungefähr 70 Prozent der Biogasmenge erzeugt werden, die üblicherweise durch den Gärungsprozess der sogenannten Maissilage erreicht wird. Der Vorteil: Durch die Nutzung von Stroh werden keine zusätzlichen Flächen für den Anbau von Energiepflanzen wie Mais gebraucht. Im Gegenteil: Durch das Vergären von Stroh könnten bis zu 400.000 Hektar zum Anbau von Nahrungs- oder Futtermitteln genutzt werden. In einer Anlage in Brandenburg wird seit Kurzem Biogas aus Stroh produziert und als Treibstoff für Fahrzeuge verwendet.
Bisher steckt der Einsatz von Stroh für die Biokraftstoffe der zweiten Generation noch in den Kinderschuhen. So gibt es europaweit erst wenige Pilotanlagen, die aus Stroh einen neuartigen Synthesekraftstoff produzieren.
Quelle: Financial Times Deutschland, Financial Times Deutschland
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