06.07.2012, 17:43 Uhr | dapd
Die Atomkatastrophe von Fukushima hat die Situation der Atomindustrie weltweit dramatisch verändert. "Die meisten Neubauprojekte sind storniert, verschoben oder komplett annulliert worden", fasste der Pariser Energieexperte Mycle Schneider die Auswirkungen zusammen.
Laut dem von dem Träger des Alternativen Nobelpreises veröffentlichten "World Nuclear Industry Status Report 2012" wurden in den vergangenen 18 Monaten weltweit 21 Reaktoren stillgelegt. Dabei berücksichtigen die Experten im Gegensatz zur internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) auch sechs Fukushima-Reaktoren, die nach ihrer Überzeugung "beinahe sicher" niemals wieder genutzt werden. Dagegen wurden nur neun neue Reaktoren in Betrieb genommen.
Insgesamt sind demnach derzeit noch 429 Reaktoren mit einer installierten Leistung von 364 Gigawatt am Netz. Die Kernkraftnutzung habe damit ihren Höhepunkt deutlich überschritten, sagte Schneider. Dies gelte auch für die Zahl der Reaktoren. Hier sei das Maximum bereits 2002 mit 444 Reaktoren erreicht worden.
Dasselbe lässt sich demzufolge auch für die durch Atomkraftwerke erzeugten Strommengen sagen, die 2011 gut fünf Prozent unter dem historischen Rekord des Jahres 2006 gelegen hätten. Und erst recht für den Anteil der Kernenergie an der weltweiten Stromproduktion. Er sei seit 1993 von 17 Prozent auf heute nur noch elf Prozent gefallen.
Vier Länder hätten bereits einen Zeitplan für den Atomausstieg beschlossen. Dies seien neben Deutschland auch Belgien, die Schweiz und Taiwan. Mindestens fünf weitere - Ägypten, Italien, Jordanien, Kuwait und Thailand - hätten ihr Pläne für den Einstieg oder den Wiedereinstieg in die Kernenergie aufzugeben, heißt es in der Studie.
Auch das Land mit den bislang ehrgeizigsten atomaren Ausbauplänen, China, habe drastische Konsequenzen aus Fukushima gezogen, sagte Schneider. Zwar seien nach der Katastrophe noch drei neue Reaktoren in Betrieb genommen worden. "Aber es ist nicht eine einzige neu Baustelle aufgemacht worden. Alle Neuplanungen wurden eingefroren", berichtete der Experte.
Das Durchschnittsalter der im Betrieb befindlichen Kernkraftwerke liegt der Studie zufolge inzwischen bei 27 Jahren - mit steigender Tendenz. Schneider rechnet deshalb mit wachsendem Druck auf die nationalen Aufsichtsbehörden, die Reaktorlaufzeiten zu verlängern. Hier stelle sich aber die Frage, inwieweit sich die verschlechterte wirtschaftliche Situation vieler Reaktorbetreiber auf die Sicherheit auswirke.
Das wachsende Durchschnittsalter der Reaktoren ist vor allem auf die geringe Zahl der Reaktorinbetriebnahmen zurückzuführen. Zwar sind weltweit der Studie zufolge derzeit noch 59 Reaktoren im Bau, dies allerdings zum Teil seit mehr als 20 Jahren. Viele Projekte hängen mehrere Jahre hinter dem Zeitplan zurück.
"Man kann heute unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten keine Kernkraftwerke mehr bauen", sagte Schneider. Während bei erneuerbaren Energien die Kosten in den vergangenen Jahren drastisch gesunken seien, sei es beim Atomstrom genau umgekehrt. Wind und Sonnenenergie würden damit zur entscheidenden Konkurrenz für die Kernenergie.
Für die Zukunft der Kernenergie sieht der Experte aber auch aus einem anderen Grund schwarz: Der Branche fehle es zunehmend an Nachwuchs. "Welcher junge Mensch geht denn heute noch an die Uni und sagt, er will Atomtechnologie studieren, weil das die Zukunft ist", sagte Schneider.
Quelle: dapd
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