09.11.2012, 10:09 Uhr | dpa, t-online.de
Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt hält in den nächsten Jahren tiefgreifende politische und wirtschaftliche Veränderungen für denkbar. Bei einem Treffen hochrangiger Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Publizistik in Hamburg sagte Schmidt, er halte eine Revolution in Europa für möglich. Die zukünftige Entwicklung in Europa wurde ansonsten teils skeptisch, teils zuversichtlich gesehen.
"Wir stehen vielleicht vor einer Revolution in Europa", sagte Schmidt beim Wirtschaftsforum der Wochenzeitung "Die Zeit" in Hamburg. Er spüre, dass in ganz Europa das Vertrauen in die europäischen Institutionen abgenommen habe. Auch in China und den USA sei die Situation von Unsicherheiten geprägt. Auf der anderen Seite sei es auch möglich, dass Europa die aktuelle Krise überwinde und in drei bis vier Jahren sich wie Phoenix aus der Asche erhebe - "wenn wir die richtigen Schritte gehen". Es komme darauf an, die europäischen Institutionen und den Rechtsrahmen zügig zu reformieren.
Die Euro-Krise sei "nicht vorbei", sagte Schmidt. "Wir sind mitten in der Staatsschuldenkrise, mitten in einer Weltrezession." Derzeit befände sich Europa in einer Phase des "muddling through" - also des Durchwurschtelns. Das bestätigte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Er wies auch auf die weltpolitischen Veränderungen und die Bedeutung des Euro in der globalisierten Wirtschaft hin. "Wenn wir keine europäische Währung hätten, dann müssten wir sie dringend erfinden", sagte er.
Das äußerte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble auf einer Tagung der "Zeit". zum Video
Europa sei nach wie vor die größte Wirtschaftsregion der Welt und der Euro eine weltweit wichtige Währung. "Natürlich setzt der Euro alle beteiligten Nationen unter Wettbewerbsdruck", sagte der Finanzminister. Das sei aber auch so gewollt, um Europa insgesamt wettbewerbsfähig zu halten.
Es zeichne sich ab, dass die Lohnstückkosten in anderen europäischen Ländern, die in der Vergangenheit weit stärker gestiegen seien als in Deutschland, sich nun wieder annähern. "Die anderen Länder müssen besser werden", forderte Schäuble. Es wäre nicht der richtige Weg, auf Produktivitätsfortschritte und Exporterfolge in Deutschland zu verzichten. Die Wachstumsdynamik in Europa sei ohnehin begrenzt und werde geringer ausfallen als in früheren Jahren oder in anderen Weltregionen. "Gesellschaften können schnell in Panik geraten, wenn sie keine Zukunftsperspektiven sehen", warnte Schäuble.
Zum Auftakt der Konferenz hatte Jürgen Fitschen, Co-Chef der Deutschen Bank, seine Branche verteidigt. "Die Banken haben erhebliche Schuld auf sich geladen, aber allein hätten sie die Krise nicht bewirken können", sagte er. Kernproblem sei die wachsende Verschuldung weltweit, die sich in den vergangenen Jahrzehnten verdreifacht habe.
Die Schulden hätten sich zudem vom privaten auf den öffentlichen Sektor verlagert. Die Deutsche Bank will sich auf langfristige Ziele konzentrieren und so gesellschaftliches Vertrauen zurückgewinnen. Kurzfristige Gewinnoptimierung ergebe wirtschaftlich keinen Sinn, weil sie langfristig der Bank schade, sagte Fitschen. Er sprach sich erneut dagegen aus, Investmentbanking und Kundengeschäft zu trennen.
Quelle: dpa, t-online.de
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