08.04.2013, 11:24 Uhr | t-online.de - sia, dapd
Während derzeit heftig über die massenhafte Steuerflucht von Vermögenden ins Ausland debattiert wird, verlieren die deutschen Steuerzahler nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" jedes Jahr rund drei Milliarden Euro - durch die so genannte kalte Progression. Demnach hat das Bundesfinanzministerium jetzt zum ersten Mal die Summe veröffentlicht, die der Staat dadurch verdient.
Die kalte Progression bezeichnet die Mehrbelastung, die der Steuerzahler dann trägt, wenn die Einkommensteuersätze nicht der Inflation angepasst werden. Diese heimliche Steuererhöhung beschert dem Staat jedes Jahr automatisch steigende Einnahmen.
Auf diese Weise nehme Berlin nach Angaben des Ministeriums zwischen 2011 und Ende des laufenden Jahres insgesamt neun Milliarden Euro zusätzlich ein, schreibt die Zeitung. Und auch im kommenden Jahr werde die kalte Progression die Bürger weitere drei Milliarden Euro kosten. Bisherige Schätzungen hätten unter dieser Summe gelegen.
Betroffen von der kalten Progression sind nicht allein Gutverdiener. Generell gilt: Wer eine Gehaltserhöhung erhält, muss mehr Steuern zahlen. Darüber hinaus schrumpft die Inflation den Gehaltsanstieg. Schlimmstenfalls werden nach einer Lohnsteigerung so hohe Steuern fällig, dass das reale Einkommen des Beschäftigten geringer ist als vorher.
Vor allem die Einkommensgruppen mit einem Jahresbruttoeinkommen zwischen 55.000 und 65.000 Euro hätten unter dem Phänomen zu leiden, heißt es in dem Bericht. Die Zeitung bezieht sich dabei auf Berechnungen des Berliner Steuerprofessors Frank Hechtner. Die heimliche Steuer koste diese Gruppe bis 2014 auf Basis der Preise von 2010 etwa ein Prozent ihres Jahreseinkommens.
Ein Ehepaar mit zwei Kindern und einem Jahresbruttoeinkommen von 60.000 Euro verliere nach Hechtners Rechnung zwischen 2011 und 2014 durch die kalte Progression etwa 488 Euro, heißt es in dem Bericht. Familien mit dem doppelten Einkommen büßten 1329 Euro ein. Und auch bei Geringverdienern hält der Staat die Hand auf: Alleinstehende mit einem Jahreseinkommen von 30.000 Euro koste die kalte Progression bis Ende 2014 etwa 207 Euro.
Die deutsche Wirtschaft hat die Bundesregierung inzwischen aufgerufen, energischer gegen die indirekten Steuererhöhungen vorzugehen. Der Staat sollte auf die kalte Progression verzichten, forderte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer, in der "Bild"-Zeitung. Dazu sollte der Steuertarif jährlich an die Inflation angepasst werden.
Der DIHK-Chef warnte zugleich die Parteien vor Steuererhöhungen nach der Bundestagswahl. "Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Höhere Steuern bedeuten weniger Investitionen, weniger Wachstum und damit den Verlust von bis zu 1,4 Millionen Arbeitsplätzen", sagte er. Man dürfe den deutschen Mittelstand nicht in Sonntagsreden loben und ihn am Montag durch Steuererhöhungen gefährden.
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