
Erster Auftritt nach dem Zurich-Drama
Ackermann bricht sein Schweigen12.09.2013, 19:17 Uhr | Spiegel Online
Zwei Wochen lang hat Josef Ackermann geschwiegen. Jetzt äußert sich der ehemalige Deutsche-Bank-Chef doch noch zu den Vorwürfen, die zu seinem Rücktritt beim Schweizer Versicherungskonzern Zurich geführt haben. Er kündigt dabei gleich den nächsten Abschied an.
Man weiß nicht, ob man Stefan Baron nun gratulieren oder ihn bemitleiden soll. Dutzende Journalisten sind zur Präsentation seines Buchs in ein Berliner Hotel gekommen, sogar das Privatfernsehen ist da. Das Dumme nur: Die meisten Besucher sind nicht seinetwegen hier, wahrscheinlich nicht mal wegen seines Buches. Sie sind gekommen, weil der Protagonist des Buches auch vor Ort sein soll: Josef Ackermann, selbst und leibhaftig.
Und tatsächlich, die Tür geht auf, und herein kommt Ackermann, sichtlich angespannt, aber professionell genug, um ein Lächeln aufzusetzen. Die Kameras der Fotografen rattern, Ackermann steht ruhig im blitzenden Licht. Baron hält zwei Meter Abstand.
Dass der ehemalige Deutsche-Bank-Chef wirklich nach Berlin gekommen ist, ist eine kleine Sensation. Schließlich war er nach seinem spektakulären Rücktritt beim Schweizer Versicherungskonzern Zurich in den vergangenen beiden Wochen abgetaucht. Geblieben aber waren die Vorwürfe von Pierre Wauthier und dessen Familie. Wauthier, bis vor kurzem Finanzchef der Zurich, hatte sich Ende August umgebracht. In einem Abschiedsbrief hatte er den Verwaltungsratschef Ackermann als einzigen Manager namentlich erwähnt und ihn für ein aggressives Gesprächsklima verantwortlich gemacht. Auch die Witwe Wauthiers sieht in Ackermanns Führungsstil offenbar einen Grund für den Selbstmord ihres Mannes.
Außer einer kurzen Rücktrittserklärung, in der er die Vorwürfe als unbegründet bezeichnete, hatte Ackermann bisher zu dem Fall geschwiegen. Doch ist eine Buchpräsentation der richtige Anlass, um darüber zu sprechen?
Stefan Baron war fünf Jahre lang Ackermanns Kommunikationschef, noch immer berät er den Schweizer in Medienfragen. Sein Buch porträtiert den Bankchef in der Finanz- und Euro-Krise, es endet mit Ackermanns Abgang bei der Deutschen Bank im Frühjahr 2012. Doch Baron glaubt, dass man in seinem Buch trotzdem einige Antworten findet auf die Fragen, die der Fall Zurich aufgeworfen hat.
So geht es dort zum Beispiel um Ackermanns Führungsstil. Baron beschreibt einen zwar ehrlichen und offenen, aber zuweilen auch "extrem fordernden, verschlossenen, abweisenden, ja kalten" Chef. "Es ist kein Zuckerschlecken, für Josef Ackermann zu arbeiten", heißt es da. "Wie an sich selbst, stellt er auch an seine Umwelt höchste Anforderungen und gibt sich nur mit erstklassigen Ergebnissen zufrieden. Schon 1b ist ihm zu wenig."
Ackermann weist das zurück. "Der Selbstmord des Finanzchefs kam für alle völlig überraschend", sagt er. Die im Brief erhobenen Anschuldigungen seien "in keiner Weise nachvollziehbar". Wauthier habe sich nie zuvor bei irgendjemandem "auch nur ansatzweise über mich beklagt".
Und doch liefert der Banker einen Hinweis, was der Auslöser für Wauthiers Vorwürfe gewesen sein könnten. So gab es offenbar Ärger um einen Aktionärsbrief, den Wauthier ihm vorgelegt habe. Der Entwurf gefiel Ackermann nicht. Als Verwaltungsratschef habe er deshalb gefordert, "dass wir ein ganz ehrliches Bild zeigen (…) und nicht so tun, als ob alles zum Besten bestellt sei". Der Bericht sei dann entsprechend korrigiert worden.
Auch wenn er über seinen Führungsstil spricht, macht Ackermann eine entsprechende Andeutung. Barons Buch zeige, dass er "Probleme damit habe, wenn um den heißen Brei herumgeredet, Dinge schöngefärbt und verharmlost werden, statt sie offen und ehrlich beim Namen zu nennen".
Doch reicht ein solcher Konflikt als Auslöser für einen Selbstmord?
Tatsächlich dürfte Ackermann bei dem eher verschlafen wirkenden Zurich-Konzern mit seinen ehrgeizigen Zielen an mehreren Ecken auf Widerstand gestoßen sein. Seit er im Sommer 2012 den Posten übernommen hatte, waren gleich mehrere Bereichschefs geflüchtet.
"Wer mich kennt, weiß, dass ich die Messlatte hoch lege, auch an mich selbst", sagt Ackermann. Die Gespräche seien allerdings immer fair und offen gewesen, auch gegenüber Wauthier. Die Sekretärin, die dabei gewesen sei, habe "nicht in einer Sekunde ein Unbehagen festgestellt".
Und warum dann der plötzliche Rücktritt?
Er sei mit klaren Vorstellungen angetreten, sagt Ackermann. Doch nach dem Selbstmord und den Vorwürfen sei es ihm nicht mehr möglich erschienen, "meinen Auftrag mit der gebotenen Konsequenz weiterzuführen". Zudem habe Wauthiers Familie gedroht, an die Medien zu gehen - so etwas kann man auch Erpressung nennen.
Von diesen Problemen hat sich Ackermann nun befreit. Und wo er schon beim Reinemachen ist, schiebt er gleich noch den nächsten Rücktritt hinterher: Auch den Siemens-Aufsichtsrat werde er verlassen, sagt der Banker. Grund sei eine "Diskrepanz in Stil- und Fairnessfragen". Ackermann hatte sich zuvor einen Machtkampf mit Siemens-Chefaufseher Gerhard Cromme geliefert, es ging um den Umgang mit dem inzwischen geschassten Vorstandschef Peter Löscher. Am Ende musste Löscher gehen - Ackermann stand als Verlierer da. Sein Rücktritt ist da nur konsequent.
Als Ackermann den Saal nach 20 Minuten verlässt, wirkt er denn auch gelöst. Das Lächeln ist jetzt echt. In schnellen Schritten eilt er hinaus. Es ist ein Weg in eine Zukunft, die ihm wahrscheinlich weniger Aufmerksamkeit bringt, aber mehr Freiheit.
Ein paar Mandate hat er noch. So sitzt er im Aufsichtsrat des Ölkonzerns Shell und der Holding der schwedischen Industriellenfamilie Wallenberg. Auch beim Finanzinvestor EQT, der ebenfalls zum Wallenberg-Reich gehört, zählt Ackermann zum Führungsgremium. Doch erfüllend ist das wohl alles nicht. Und so wird Ackermann künftig mehr Zeit haben für andere Dinge, einen Lehrstuhl an einer Universität will er zum Beispiel finanzieren. Es wird ein ruhigeres Leben für den 65-Jährigen - wenn morgen nicht doch der nächste Top-Job auf ihn wartet.
12.09.2013, 19:17 Uhr | Spiegel Online
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