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Verzweifelter Bernanke versucht's ganz sanft

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Verzweifelter Bernanke versucht's ganz sanft

26.09.2011, 14:01 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Tanzt nun den Twist: Ben Bernanke (Quelle: Reuters)

Tanzt nun den Twist: Ben Bernanke (Quelle: Reuters)

Die US-Wirtschaft stürzt ab - und der Notenbankchef greift zu einem seiner letzten Tricks: Mit der "Operation Twist" will Fed-Präsident Ben Bernanke die Konjunktur auf sanfte Art ankurbeln. Der geplante Anleihetausch zeigt sogar erste Wirkungen, doch Experten bezweifeln, dass das reicht.

"Operation Twist" soll entgegensteuern

Der Überzeugungstäter Ben Bernanke hat wieder zugeschlagen. Der Chef der mächtigen US-Notenbank Federal Reserve und Verfechter einer lockeren Geldpolitik verkündete am Mittwochabend seinen jüngsten Coup: die sogenannte "Operation Twist". Sein Ziel: die schwächelnde US-Wirtschaft ankurbeln.

Es klingt nach einer heiklen Aktion, die Bernanke da gestartet hat. Und sie ist es auch: 400 Milliarden Euro will die Notenbank in den kommenden neun Monaten in die Hand nehmen, um US-Schuldpapiere mit Laufzeiten zwischen sechs und 30 Jahren zu kaufen. Staatsanleihen, die spätestens nach drei Jahren fällig werden, sollen zur Finanzierung verkauft werden. Gewissermaßen ein Twist, eine Drehung also.

Verkauf von Staatspapieren soll Zinsen absenken

Idee und Name stammen aus den sechziger Jahren: Damals hatte die Fed einen ähnlichen Anleihetausch gestartet. Dem damaligen Hype um den Welthit "Let's twist again" verdankte die Aktion ihren Namen. Und wie damals braucht die US-Wirtschaft auch dieses Mal einen Schub, um richtig in Fahrt zu kommen.

Bernankes Masterplan dafür sieht so aus: Derzeit hält die Fed US-Staatsanleihen in Höhe von rund 1,6 Billionen Dollar. Stößt die Notenbank einen Großteil der bald fälligen Papiere bereits bis Mitte kommenden Jahres ab, um länger laufende Schuldverschreibungen zu erwerben, sinken deren Zinsen.

Maßnahmen zeigen erste Wirkungen

Dahinter stecken zwei Überlegungen. Erstens: Der Kauf von langlaufenden US-Anleihen dürfte für Anleger unattraktiv werden. Denn liegt die Verzinsung der Papiere niedriger als die Inflationsrate, verliert der Investor unterm Strich Geld. Stattdessen sollen Unternehmen und Verbraucher wieder in die Aktienmärkte investieren, billige Kredite aufnehmen - und damit die Wirtschaft stimulieren.

Doch geht der Plan auf? Immerhin zeigte der Eingriff am Donnerstag Wirkung: Der Dollar legte zu, Gold- und Ölpreis gaben deutlich nach und die Zinsen auf zehnjährige US-Staatsanleihen fielen auf den niedrigsten Stand seit 60 Jahren. Doch auch an den Aktienmärkten sanken die Kurse. Der deutsche Leitindex DAX und der europäische EuroStoxx fielen tief ins Minus.

Schwachstelle bleibt der Häusermarkt

Der Grund dafür liegt im begleitenden Kommentar der Fed zu ihrer Entscheidung: Es gebe "erhebliche Abwärtsrisiken im Konjunkturausblick, einschließlich der Anspannungen an den weltweiten Finanzmärkten", hatte die Notenbank mitgeteilt. Vor allem die Lage auf dem Arbeitsmarkt sei besorgniserregend. Die Schwachstelle bleibe der Häusermarkt, der einen beachtlichen Teil der amerikanischen Wirtschaftsleistung ausmacht, aber 2007 erst die Immobilien- und dann die Finanzkrise ausgelöst hatte.

Zusätzlich zum Schuldentausch will die Fed daher nun zusätzlich auslaufende hypothekenbesicherte Anleihen und andere Immobilienpapiere in ihren Beständen wieder ersetzen. Auch der Leitzins, zu dem sich Banken bei der Fed Geld leihen können, bleibt auf seinem historischen Niedrigstand.

Historisches Twist-Vorbild taugt nicht als Positivbeispiel

Der Eingriff der Fed kommt zu einer Zeit, in der sich in den USA und im Rest der Welt die Wirtschaft merklich abkühlt. Die Regierung in Washington rechnet nur mit einem Miniwachstum von 1,5 Prozent in diesem Jahr, manche fürchten gar den Rückfall in die Rezession. Auch das schuldengeplagte Europa und der Internationale Währungsfonds bangen um die Kraft der weltweit größten Volkswirtschaft. Sollten sich die USA nicht fangen, dürfte das verheerende Folgen für den Rest der Welt haben. Dass etwas für die lahmende US-Wirtschaft getan werden muss, steht daher außer Frage.

Und dennoch ist der Kurs des Notenbankchefs umstritten - auch bei der Fed selbst. So weigerten sich drei Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses, beim Twist mitzumachen. Mehrere Republikaner warfen Bernanke vor, der Wirtschaft zusätzlich zu schaden, ein anderer sprach gar von Hochverrat.

Wirkung beim letzten Versuch marginal

Bei dem Streit geht es um die grundsätzliche Frage, ob es der Konjunktur tatsächlich hilft, wenn im großen Stil Geld in die Hand genommen wird. Dass Bernanke ein Fan der Dollarflutung ist, hat er bereits in der Finanzkrise gezeigt: Zwischen 2008 und Mitte 2011 druckte die Fed massenhaft neues Geld, um die Nachfrage im Land anzukurbeln. Dafür nahm sie jedoch in Kauf, dass der Dollar an Wert verlor und die Inflation angeheizt wurde. Das wollte Bernanke dieses Mal verhindern - und entschied sich für den als sanfter geltenden Twist.

Doch Fachleute zweifeln, ob damit der gewünschte Effekt erzielt wird. Denn bereits jetzt sind die Zinsen für Staatsanleihen auf einem niedrigen Niveau, langfristig dürften sie kaum weiter sinken. Und auch das historische Twist-Vorbild zeigt das: Damals sank die Rendite zehnjähriger Anleihen um minimale 0,15 Prozentpunkte.

Langfristig weitere Schritte zu erwarten

Daneben drängt sich die Frage auf, ob niedrige Zinsen dazu beitragen, neue Jobs für die rund 14 Millionen arbeitslosen Amerikaner zu schaffen. Auch daran zweifeln Ökonomen. Genauso wie daran, dass die private Verschuldung dadurch abnimmt. Die Haushalte könnten ihren laufenden Hypothekenkredit doch nicht in einen günstigeren Kredit mit neuen Konditionen umstellen lassen, so die Argumentation.

Langfristig dürfte die US-Notenbank daher kaum um weitere Schritte herumkommen, auch nicht um umstrittene Maßnahmen. "Hierfür spricht die Formulierung in der Presseerklärung, dass die Ausschussmitglieder über weitere geldpolitische Optionen der Konjunkturstimulierung diskutierten", schreibt auch die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Geht "Quantitative Easing" in die nächste Runde?

Doch was bleibt der Notenbank noch an Instrumenten? Die Fed könnte etwa den Zinssatz für die Überschusseinlagen der Geschäftsbanken senken, vermuten einige. Auch hat die Fed signalisiert, dass sie den Leitzins bis Mitte des Jahres 2013 nicht antasten wird. Doch andere halten radikalere Maßnahmen für nötig: Sie rechnen mit einem neuen Kapitel der quantitativen Lockerung. Es würde also fleißig weiter Geld gedruckt.

Nächste Entscheidung im November

Worauf es auch immer hinauslaufen mag - eins ist sicher: Schon im November entscheidet die Fed das nächste Mal über die Geldpolitik. Und trotz aller Kritik an Bernanke stehen die meisten Mitglieder des Ausschusses noch immer auf seiner Seite - und hinter seiner Ideologie.

26.09.2011, 14:01 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

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