01.02.2011, 09:38 Uhr | FTD, Daniela Schröder, Financial Times Deutschland
Helfer gegen Lärm: Ohropax. (Foto: dpa)
Straßenlärm und laute Maschinen plagen die Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts. So erfindet ein Apotheker das Rezept für absolute Ruhe: Ohropax.
Autos rattern übers Kopfsteinpflaster, Bremsen quietschen, Straßenbahnen bimmeln sich den Weg frei, am Bahnhof fauchen Dampflokomotiven. Aus den Hinterhöfen dröhnen, brummen und surren Maschinen. Wenn Maximilian Negwer vor die Tür geht, hält er sich die Ohren zu und denkt an Schlesien, seine Heimat. Weite Wiesen und Wälder, abgelegene Dörfer. Vor allem aber: Ruhe, himmlische Ruhe.
Unerträglicher Lärm plagt Anfang des 20. Jahrhunderts viele Stadtbewohner. Mit der Industrialisierung entstehen immer mehr Fabriken, der Verkehr verstopft die Straßen. Vielen Leuten wie dem Berliner Apotheker Negwer geht der Lärm auf die Nerven. Um die Geräusche des Alltags abzuwehren, stecken sich manche Pfropfen aus Baumwollwatte in die Ohren, andere nehmen Holzkugeln oder Hartgummi.
Negwer hat sich gerade mit einer Apotheke selbstständig gemacht, er verkauft Eigenkreationen wie Fleckenwasser und Hustenbonbons. Das Geschäft läuft ganz gut, aber Negwer will mehr, er will umsatzstarke Präparate herstellen, und das im großen Stil. Denn alle bisherigen Methoden sind wirkungslos. Eine Marktlücke also.
Negwer grübelt und grübelt, doch er hat keine Idee für ein gutes Produkt. Auch mit seinen Freunden redet er über das Thema, einer Clique junger Intellektueller. Irgendwann diskutieren sie über griechische Mythologie, über die Werke von Homer und über die Odyssee. Negwer horcht auf: Das ist es. Odysseus hat sich und seinen Mannen damals Bienenwachs in die Ohren gesteckt, damit sie den betörenden Gesang der Sirenen nicht hören mussten.
Also rollt Negwer Kugeln aus Bienenwachs und steckt sie zur Probe ins Ohr. Doch das Vorbild aus der Antike zerfällt schon nach kurzer Zeit. Negwer beginnt zu experimentieren, mischt pflanzliche Fette und Öle, probiert tierische Talge aus. Doch auch das funktioniert nicht, es mangelt an Stabilität. Baumwollwatte könnte dieses Problem lösen, und so tränkt Negwer einen Wattebausch mit einer hautfreundlichen Mischung aus Vaseline und Paraffin.
Nach einem Tag auf den Straßen Berlins ist ihm klar: Das ist die Lösung für Ruhe im Leben. "Ohropax" nennt Negwer seine Erfindung, der deutsch-lateinische Name sagt alles aus, was das neue Produkt erreichen soll: Frieden für die Ohren schaffen. Der Erfinder gründet eine "Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten", im Herbst 1908 liegen die ersten Ohropax-Stöpsel in den Sanitätsgeschäften und Kaufhäusern Berlins. Eine Dose mit sechs Wachskugeln kostet eine Mark, viele Städter sind begeistert.
Auch die landesweite Antilärmkampagne des Philosophen Theodor Lessing, Verfasser einer "Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens", kurbelt die Verkaufszahlen an. Den Erfolg seiner Marke verdankt Negwer aber nicht allein dem Lärm der Metropole. Der endgültige Durchbruch kommt mit dem Krieg: 1917 bestellt das deutsche Militär massenweise Ohropax in einer eigens entworfenen runden Armeedose. Von da an geht es für Negwers Firma steil bergauf.
Noch heute sind die klassischen Wachskugeln das Hauptprodukt des Unternehmens. Mehr als 30 Millionen der kleinen Ruhestifter verlassen das Werk pro Jahr, gefertigt aus Wachs und Watte oder aus buntem Schaumstoff. Letztere werden von einer weiteren Kundengruppe geschätzt: Klubgänger schützen sich so vor allzu harten Beats.
Quelle: FTD, Daniela Schröder, Financial Times Deutschland
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